Volker Lechtenbrink ist ein Publikumsmagnet. Hin und wieder nicken Kudamm-Passanten dem Mann mit der blonden Mähne zu. Die Haarpracht und das markante runde Gesicht sind ein Markenzeichen des Norddeutschen, der sein Debüt im Antikriegs-Film "Die Brücke" schon 1959 gegeben hat. Da war er erst 14. Jetzt ist er 69. Aber das Image des netten Jungen, zu dem die warme tiefe Stimme, nicht so recht passen will, steht ihm immer noch. Er genießt die Sonne und das Treiben auf der alten Berliner Prachtstraße. Gerade noch war er selbst einer der Passanten. "Leben, so wie ich es mag", hat Lechtenbrink vor einigen Jahrzehnten gesungen. Ein Lied, mit dem er auch als Sänger und Songschreiber große Popularität erlangte. Es ist eine Art Lebensmotto von ihm.
Der Künstler kennt die Macht des Fußballs sehr genau. Eine Zeitlang war der passionierte Freizeitsportler bei Prominenten-Spielen ein gefragter Kicker - mit Uwe Seeler und Günther Netzer, als die schon älter waren..."
Ihm auf der Bühne zuzuschaun ist aber bei weitem vergnüglicher. Das gilt ganz besonders für das neue Kudamm-Stück, in dem Lechtenbrink einen gealterten Literaten spielt, der des lieben Geldes wegen sich darauf eingelassen hat, Mentor eines jungen Dramatikers zu sein. Die beiden Männer sollen sich in einer Villa beschnuppern, in einer scheinbaren Idylle mit Froschteich und im Beisein der attraktiven Frau des Künstlerkollegen. Beim schöpferischen Gedankenaustausch kommt es bald zum brünstigen Kreuzen der Geweihe zweier Platzhirsche, bei dem nicht nur verbal die Fetzen fliegen. Ein Stück, in dem sich die Kontrahenten nichts schenken. Spannung und Wortgefechte garantieren viel Spaß, was bei der Fußball-WM durchaus nicht in jedem Spiel so sein muss. Damit steht es schon mal wenigstens Unentschieden zwischen Bühne und Ballartistik.
Lechtenbrink freut sich riesig, seit langer Zeit mal wieder in Berlin auftreten zu können. Für den "Mentor" hat er sich extra einen strubbeligen Bart wachsen lassen. Zuletzt in Hamburg stand er stets gut rasiert auf der Bühne. Großen Erfolg hatte er mit "Mein Freund Harvey" am Ernst-Deutsch-Theater. "Ich wusste nicht, dass das so gut ankommt", erzählt der Schauspieler. "Ich bin rausgeschwebt wie auf Wolke 7."
Auch mit fast 70 - am 18. August ist sein Geburtstag - freut sich der Hamburger, dass er sich nach wie vor überraschen lassen kann. Es halte jung, wenn man nicht in Routine verfalle. "Glückgsgefühle muss man stets aufs Neue schaffen", erzählt er. Selbst ganz oben auf der Erfolgsleiter habe er immer die Maxime verfolgt: "Schön, das war ganz toll, aber trotzdem probierst du jetzt was Neues."
An Glücksmomenten hat es so nie gemangelt. Nachdem Lechtenbrink schon im Film "Die Brücke" mit Bernhard Wicki unter einem der großen deutschen Regisseure arbeiten durfte, blieb ihm auch danach das Glück treu. Mit Fritz Umgelter und Karl Paryla folgten weitere namhafte Regisseure. Als ganz junger Mann spielte Volker Lechtenbrink in Bad Hersfeld unter Heinz Hilpert den Edmond in "König Lear", an der Seite des große Michael Degen. "Ich habe mir bei allen viel abgeguckt", sagt der Schauspieler dankbar und zählt als weiteren der vielen, vielen Glücksmomente seines Lebens die Fernsehserie "Alle meine Tiere" auf. Von 1962 bis 1963 spielte er an der Seite des legendären Gustav Knuth dessen Sohn Ulli. Ein weiser Satz aus dem Mund von Gustav Knuth hat sich ihm besonders eingeprägt: "Es muss was Tolles sein, Leute zum Glühen zu bringen".
Nicht nur Glück hat Lechtenbrink reichlich gehabt, sondern obendrein Luxus. "Wenn zum beruflichen Glück auch noch private Geborgenheit kommt - das nenne ich Luxus."
Der Hamburger hat schon mit 21 Jahren das erste Mal geheiratet. Insgesamt war er viermal unter der Haube, aber immer für längere Zeitabschnitte. Das ist ihm ganz wichtig. Zu allen Frauen, auch zum eigenen Nachwuchs und zu Ziehkindern hat er guten Kontakt, und er weiß das sehr zu schätzen. Es ist wie das Sahnehäubchen auf dem vielen Glück, das er hatte und hat.
Und was sind seine künftigen Vorhaben? Im nächsten Jahr wird Volker Lechtenbrink am St. Pauli Theater im Stück "Der Vater" zu sehen sein. Es thematisiert die Volkskrankheit Demenz, aber durchaus nicht nur bierernst, sondern auch komisch. Und im Herbst 2015 ist ebenfalls in Hamburg ein autobiografisches Stück unter seinem Songtitel "Leben, so wie ich es mag" geplant. Geschrieben hat es seine Tochter, die in Berlin lebt. Auch seine zweite Tochter, eine Schauspielerin, ist hier zu Hause. Treffen mit ihnen und der Enkeltochter sind ein sehr angenehmer Nebeneffekt des aktuellen Berliner Engagements. Im letzten Jahr wurde eine dieser Begegnung zu einem echten Highlight. Die Enkelin wollte in den Zoo, der Großvater hatte aber gar keine Lust darauf. "Am Ende des Tages war ich so glücklich über den gemeinsamen Zoobesuch, dass ich alles ganz euphorisch in mein Tagebuch schrieb", erzählt Volkert Lechtenbrink aufgekratzt.
Bücher, auch Tagebücher, sind eine seiner großen Leidenschaften. "Zur Zeit lese ich gerade das Tagebuch von Richard Burton." 2010 ist bei Hoffmann und Campe Lechtenbrinks eigene Autobiografie "Gib die Dinge der Jugend mit Grazie auf" erschienen. "Getippt habe ich sie auf meiner alter Schreibmaschine", erzählt der Schauspieler, in dessen Leben Laptops und Notebooks keine Rolle spielen. Bücher dagegen umso mehr. "Drei, vier Bände liegen ständig auf meinem Nachttisch", sagt Volker Lechtenbrink. "Ohne sie kann ich gar nicht leben, sie sind mein absoluter Ausgleich."
Früher, erzählt der Schauspieler, habe er aufregende Sportarten betrieben, Tennis, Reiten und vor allem Tauchen. "Jetzt liebe ich ruhige Dinge - Fahrradfahren, Schwimmen, Spaziergänge und dabei ganz viel umschauen, träumen und nachdenken. Und er weiß, es gibt sehr viel Leute, die aufregendem Fußball gern entfliehen.