Kinder bringen die falschen Sachen mit in den Kindergarten. Ihre Eltern verpassen wichtige Termine. Wenn so etwas häufiger auftritt, könnte es schon ein Anzeichen für ein Leseproblem bei Vater oder Mutter sein. Die meisten Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können, schämen sich dafür und versuchen mit eingeschliffenen Tricks, die Sache zu verbergen. Man hat angeblich die Brille vergessen und lässt sich Zettel von Passanten vorlesen. Man ruft die Eltern von anderen Kindern an und erfragt den Termin. Man bittet die Verkäuferin im Supermarkt, den Preis an der Verpackung zu nennen. Daheim helfen Verwandte oder Nachbarn beim Entziffern von Texten oder beim Verfassen von Briefen.
Mit rund 12000 Betroffenen in der Uckermark ist das Problem größer als bisher angenommen. Die Zahl ist eine Hochrechnung in Anlehnung an deutschlandweite Studien aus dem Jahr 2011. In der gesamten Bundesrepublik beherrschen 7,5 Millionen Erwachsene die deutsche Schriftsprache so wenig, dass sie sich nicht verständigen können. Abgesehen davon bleiben ihnen Bücher und Zeitungen fern. Ebenso viele Dinge im Internet.
Dabei gibt es Hilfe. In der Uckermark nimmt gerade das neue Grundbildungszentrum seine Arbeit auf. Es ist von den Volkshochschulen getragen und wird über europäische Mittel unterstützt. Erklärtes Ziel: der Kampf gegen den Analphabetismus. Das ist schwieriger als gedacht, weil sich Betroffene nicht zu erkennen geben. Daher bietet das Zentrum besondere Sensibilisierungskurse an für Mitarbeiter von Jobcentern, für Ärzte, Kita-Personal und andere Interessenten. Sie kommen am ehesten in Kontakt mit möglichen Betroffenen und könnten als Ansprechpartner wirken. Darauf bauen die Volkshochschulen. Sie bieten für einen symbolischen Beitrag Alphabetisierungskurse an. Bislang sind die aus den genannten Gründen aber nur schlecht besetzt. In den vergangenen drei Jahren haben gerade mal 180 Teilnehmer aus der Uckermark einen solchen Kurs belegt. Das ist im Verhältnis zum Bedarf noch weniger als ein Tropfen auf den heißen Stein.
"Wir machen ganz kleine Klassen, gehen mit anderen Methoden als in der Schulzeit vor", erklärt Projektleiter Carsten Ablass. "In gemischten Gruppen können sich die Kursleiter viel besser auf das unterschiedliche Lese- und Schreibniveau der Teilnehmer einstellen."
Die Gründe für die hohe Analphabetenrate sind verschieden. Manche kamen als Kinder im Unterricht nicht mit. Andere waren nicht reif genug für die Schule. Einige hatten unerkannte Lernauffälligkeiten bei der Muttersprache.
Am 14. September starten die nächsten Kurse an den Volkshochschulen in Schwedt, Templin und Prenzlau. Angermünde soll etwas später folgen. "Ich fände es schön, wenn Leute, die zehn Jahre oder länger vor jedem Buchstaben scheiterten, nun die Erfahrung machen, dass Lesen großen Spaß machen kann", sagt Carsten Ablass.
Am heutigen Weltalphabetisierungstag lädt das Grundbildungszentrum in Prenzlau in der Brüssower Allee 48 ab 15 Uhr zu einem öffentlich Besuch mit Filmvorführung ein. Kontakt ist per Telefon über die Nummer 03984 2551 möglich.