Immer und immer wieder ging der Pflug über die Stelle hinweg. So lange Bauern in Biesenbrow die Felder bewirtschaften, säten und ernteten sie Getreide auf dem Boden. Ohne zu ahnen, was unter ihnen in der Erde versteckt lag. Das Erdgas brachte es nun ans Licht. Im Auftrag der geplanten Ferngasleitung Eugal begannen Archäologen vom brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege vor wenigen Tagen eine Grabung an der künftigen Trasse. Die Bagger schoben den Mutterboden fort und schon nach kurzer Zeit hatte Diana Acosta den ersten Knochen freigelegt. Stück für Stück folgten weitere, bis das Skelett eines Menschen in Hockerstellung unter freiem Himmel lag. Ein seltener Fund, ein Volltreffer. Nicht jeder Archäologe hat solches Glück.
Ganz offensichtlich handelt es sich dabei um eine uralte Bestattung. Doch das genaue Alter lässt sich in solchen Situationen nur schwer bestimmen, wenn es wie in diesem Fall kaum Grabbeigaben gibt. Die Archäologen vermuten einen Zeitraum zwischen Jungstein- und Bronzezeit. Also müsste die Beisetzung mindestens 3000 Jahre her sein, vermutlich aber noch viel älter. Das könnte dann im Zusammenhang mit den Resten einer menschlichen Siedlung stehen, die bereits seit längerer Zeit bekannt ist. Schon beim Bau der Opal-Leitung nur wenige Meter weiter gab es Befunde. Daher waren die Ausgräber auch sensibilisiert. Wenn erst die Bagger der Gas-trasse kommen, ist es meist zu spät für aufwendige Ausgrabungen.
Die Knochen des Biesenbrow-Ötzis sind in bestem Erhaltungszustand. Noch lässt sich nicht sagen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Jedoch scheint der aufgefundene Mensch für damalige Verhältnisse recht stattlich gewesen zu sein mit einer Größe von mindestens 1,70 Meter. Alles Weitere bestimmen die Anthropologen nach der Bergung des Skeletts in einem Labor. Jeder einzelne Knochen wird akribisch dokumentiert, gereinigt und untersucht. Über eine sogenannte C14-Datierung – eine Radiokarbonmethode - kann man heute relativ sicher die Altersbestimmung vornehmen. Fest steht, dass es sich um einen Erwachsenen handelt, vermutlich im Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Ein Armknochen fehlt. Vermutlich hat doch ein Pflug hier schon sein Werk in früheren Zeiten getan.
„Wir suchen natürlich nach weiteren Befunden und Hinterlassenschaften menschlicher Besiedlung“, erklärt Grabungsleiterin Dorota Lukaszewska. Auf einer Fläche von rund 3000 Quadratmetern, über die später die Eugalleitung führen soll, untersuchen die Historiker und Grabungstechniker jeden Zentimeter penibelst. Schwarze Verfärbungen im anstehenden Lehmboden deuten auf alte Gruben hin. Sie wurden einst für Baustoffentnahmen genutzt und später verfüllt, andere dienten als Speichergruben oder für Abfälle. Dort lassen sich meist Keramikreste oder andere Dinge finden. „Wir haben Befunde der Linienband-Keramik, aber auch aus der Eisen- und Bronzezeit“, so Dorota Lukaszewska. Damit gibt es einen weiteren Beleg für die lange Besiedlung der Uckermark in diesem Bereich.
Schon der antike Goldschatz von Biesenbrow hatte international für große Aufregung gesorgt. Ende des 19. Jahrhunderts hatte man den gefundenen byzantinischen Goldmünzen wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Erst vor wenigen Jahren suchten Historiker gezielt nach dem Rest.
Jetzt hoffen die Archäologen auf weitere interessante Befunde, möglicherweise sogar ein weiteres Grab. Denn mindestens ein Knochen innerhalb der Grabung gehört nicht zum gefundenen Skelett.