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Lebkuchenfabrik
Pfefferkuchenmänner

Antje Jusepeitis / 31.12.2017, 14:17 Uhr
Kremmen (Maerker) Gründer:

Ludwig Theodor Wiegmann gründete im 19. Jahrhundert in Kremmen in der heutigen Berliner Straße eine Bäckerei. Sein Sohn, Paul Max Wiegmann, übernahm das Handwerk. Er baute das Geschäft zur Honig- und Lebkuchenfabrik aus, deren Produkte in alle Welt geliefert wurden. Nach seinem Tod in russischer Kriegsgefangenschaft im Jahr 1945 wurde die Fabrik nicht weitergeführt. Aus den Fabrikräumen wurde ein Lager, später Wohnungen. Wiegmann-Nachkommen sind nicht bekannt. Das Wissen um die Fabrik wurde zugebaut, ging verloren.•tja

(mae) In Café & Pension "Zur alten Lebkuchenfabrik" verschmelzen Gegenwart und Historie auf der Zunge

Mit hausgebackenen Miniprinten erfreut Marion Bester seit sechs Jahren Besucher ihres Cafés. Mit dessen Namen - Zur alten Lebkuchenfabrik - und den Gewürzküchlein weckt sie Appetit auf die Geschichte von Ludwig Theodor Wiegmann und seine Honig- und Lebkuchenfabrik in der Berliner Straße 4.

Ein Bild wie aus dem Märchen: Der übergroße Pfefferkuchenmann wirkt als stiege er jeden Moment von seinem Platz oben hinter der Scheibe der alten Backstube herab und setzte sich an einen der weißen Tische und Stühle des Cafés "Zur alten Lebkuchenfabrik". Dessen Dekoration schaut so zauberhaft aus wie Zuckerguss auf köstlichen Backwaren, die Marion Bester überwiegend selbst herstellt. Obst- und Käsekuchen, vor allem jedoch kleine Oblaten mit Pralinenhaube. Beim Genuss dieser Miniprinten samt Schokoglasuren verschmelzen im Mund Gegenwart und Vergangenheit des Hauses miteinander.

Zwischen dem 19. Jahrhundert und 1945 rührten Frauen und Männer mit Leinenschürzen und -Kitteln in Weiß und Grau hier im Haus an der Berliner Straße 4 stets im Frühjahr den Teig für köstliche Lebkuchen ein. Ab September wurde gebacken, um zur Weihnachtszeit die beliebten runden Blechdosen mit märchenhaften Motiven mit den süßen Backwaren füllen zu können.

Bleche voller Lebkuchen warteten damals auf den zwei Hausgeschossen in mehrlagigen Regalen aufs Verzieren und Trocknen.

Heute halten die alten Dielen die Möbel des Café- und Frühstücksraumes, beobachtet vom Lebkuchenmann hinter der Scheibe. Das abgewetzte Mauerwerk links unter diesem Fenster verrät etwas vom einstigen Backumfang in den verschiedensten Formen - von klassisch vierkantig mit Mandelecken als Dekor bis hin zu Schäfchen oder Pfefferkuchenmännern. "Da hat die Wiegmann-Belegschaft wahrscheinlich immer die heißen Bleche mit den fertigen Lebkuchen drüber gezogen", vermutet Marion Bester .

Verziert und hübsch verpackt wurden die Backwerke beispielsweise als Weihnachtsgeschenke für Geschäftspartner und Kunden in alle Welt versandt.

"Sie sollen sogar in Australien und Amerika begehrt gewesen sein. Nachgefragt waren die Produkte aus der Honig- und Lebkuchenfabrik Wiegmann ebenso in Vehlefanz, Kremmen oder Velten." Marion Bester zählt einige Zutaten zur Geschichte der Fabrik auf, versucht, ein Gesamtbild der süßen Historie des Hauses zu backen. Zurzeit fehlen Wiegmann-Tortenstücke, die Vergangenheit verspeiste sie gewissermaßen. So bleibt unklar, woher der Riesen-Lebkuchenmann stammt. Eine Kremmenerin hatte ihn geschenkt bekommen, wusste nichts damit anzufangen, befand "der passt prima hierher" und schenkte ihn Marion Bester vor etwa drei Jahren. Der Ursprung des Printenmannes bleibt ein Geheimnis. Ebenso ungeklärt ist, wie das Foto der Belegschaft der Fabrik zur Weihnachtszeit 1911 an die Wand des Kremmener Altstadtstübchens gelangte. Hier entdeckte Marion Bester es. Heute steht eine Kopie davon in ihrem Café, vis-à-vis des Lebkuchen-Backofens, der trotz zweier Weltkriege unversehrt gebliebenen ist.

Vor mehr als acht Jahren entdeckte Stefan Bester ihn zufällig. Seine Frau Marion und er hatten das Haus in der Nähe des Marktes in Kremmen gerade gekauft. Der Baufachmann klopfte Wände ab im Gebäudeensemble, in welchem sich bis zuletzt Wohnungen befunden hatten. "Hinter einer Wand klang es hohl. Wir haben die Verkleidung gelöst und vor uns stand eine Überraschung: Der Originale Backofen der einstigen Fabrik Ludwig Wiegmann." Als Reminiszenz an ihn und sein Werk und als Hingucker integrierten die neuen Hauseigentümer den Backsteinofen in ihr Café.

Das sollte es ursprünglich gar nicht geben. Eine Pension zu eröffnen war die Intention als das Ehepaar Besters das Gebäude 2009 erwarb. Entdeckt hatten beide es während ihrer Spaziergänge durch Kremmen. "Es stand zum Verkauf, war zum Teil verfallen. Der Vorbesitzer wollte hier ein Museum für Foltergegenstände einrichten, die er im alten Kornspeicher und im Kellergewölbe gelagert hatte. Der Hof war völlig zugewuchert mit Gras und Bäumen, die Hausmauer dahinter gar nicht zu erkennen", beschreibt Stefan Bester den Zustand 2009. Mit der Hand und viel Rückenschmerz hat der 55-Jährige das Kopfsteinpflaster auf dem Innenhof selbst frei gelegt. Bei entsprechendem Wetter genießen heute Pensions- und Cafégäste dort ihren Kaffee und Kuchen. Überhaupt sanierte der Baufachmann beinahe alles in Eigenregie - abgesehen von Elektrik und Rohrverlegungen. "Ohne ihn und seine handwerklichen Fähigkeiten hätte das alles gar nicht so funktioniert", lobt Marion Bester ihren Partner. Vor einigen Jahren zogen die ausgebildete Krankenschwester und der Inhaber einer Baufirma von Schwante nach Kremmen, hatten ganz in der Nähe der alten Fabrik ein Haus gekauft. Marions Traum war es schon immer, eine Croissanterie oder eine Pension zu eröffnen. Ludwig Wiegmanns Backstube bot ihr 2011 die Gelegenheit dazu. Sechs Pensionszimmer hat Stefan Bester nach und nach ausgebaut, jedes unterschiedlich eingerichtet. Sie kombinieren den Charme des vergangenen Jahrhunderts mit dem Komfort der Jetztzeit. Der Gastraum im Erdgeschoss, zu erreichen über den Hofeingang, war lediglich als Frühstücksraum vorgesehen. Ein Fernsehteam brachte Besters auf die Idee, hier ein Café zu etablieren. Vor Ort waren die Kameraleute, weil Kremmen am 8. Dezember 2010 Teil einer 24-Türen-Adventsaktion im rbb-Abendjournal gewesen ist. "Die Stadt hatte uns als Drehort vorgeschlagen, weil wir damals gerade den alten Backofen freigelegt hatten." Betrieben werden kann er nicht mehr. Wohlige Wärme strahlt dafür der Kamin ins Cafézimmer. Hier servieren Marion Bester und ihre zwei Angestellten, Peggy Göpel und Britta Wolf, unter anderem Granatapfel-Glühwein, Apfelstrudel und oder Torten aus der Konditorei Bollig.

Aus Nüssen, Honig, Lebkuchengewürz und Schokolade zaubert Marion Bester die Spezialität des Hauses. Sie selbst bevorzugt dunkle Schokolade als Überzug, manche Kunden mögen die weiße Glasur lieber. Ihr Mann schwärmt von den selbst gebackenen Küchlein seiner Frau, überhaupt von ihrem Essen. Das wird als Tagessuppe oder liebevoll angerichteter Imbiss mit besonderen Zutaten gern zu den drei bis vier Veranstaltungen im Jahr gereicht.Kai Artinger, promovierter Kunst- und Kulturhistoriker aus Berlin beispielsweise, zog im November neugieriges Publikum nach Kremmen. Der Provenienzforscher war bei einem Projekt für das Leopold-Hoesch-Museum Düren bei Köln auf das Wiegmann-Belegschaftsfoto von 1911 gestoßen, konnte jedoch über Wiegmanns kaum etwas herausfinden, obwohl es einen Stammbaum gibt. "Eigentlich ist das wenige überlieferte Wissen merkwürdig", stellte Artinger bei seinem Vortrag fest, schließlich sei die Familie vermögend gewesen. Paul Max Wiegmann, Sohn des Firmengründers, besaß zahlreiche Kunstwerke, darunter das Gemälde "Ostsee" von Karl Schmidt-Rottluff.

Dieses Bild, gemalt im Jahr 1922, gehört zum Fundus des Hoesch-Museums. Kai Artinger sollte herausfinden, welcher Herkunft das Exponat ist. Möglich wäre, dass der jüdische Seidenhändler, Geschäftsmann und Sammler Hugo Benario, der es in den 1930er Jahren besaß, es während der NS-Zeit zwangsverkaufen musste. Käufer profitierten von extrem günstigen Preisen. Vielleicht, sagt Kai Artinger, sei das der Fall auch bei "Ostsee" gewesen. Das Werk verkaufte Paul Max Wiegands Lebensgefährtin nach 1945.

Aktuell hat das Bild schätzungsweise einen Wert von einer Million Euro. Aktuell laufen Verhandlungen, um es eventuell an Erben von Hugo Benario zurückzugeben. Wie es nach Kremmen kam, bleibt ebenso ein Geheimnis, wie die Rezeptur der Wiegmann-Printen und die Geschichte der einzelnen Familienmitglieder. Vielleicht jedoch stellt sich eines Tages ein Wiegmann-Nachfahre in der alten Fabrik vor und probiert die Lebkuchen von Marion Bester.

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