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Lebensretter
"Indien ist kein Postkartenland"

Heike Ottilige / 31.12.2017, 14:25 Uhr
Glienicke (Maerker) (mae) Plötzlich ist alles schwarz. Beate Rohn-Münch aus Glienicke weiß nicht, wie lange sie das Bewusstsein verloren hatte. Auch wie schwer ihre Verletzungen wirklich sind, ahnt sie nicht. Ihr Blick sucht nach Ehemann Frank, der ebenfalls schwer verletzt ist.

Keiner hilft dem deutschen Ehepaar auf der abgelegenen Straße zwischen Bangalore und Hampi in Indien. Die Bauarbeiter interessieren sich nicht für den schweren frontalen Zusammenstoß des Pkw mit einem Lastkraftwagen. Der private Fahrer des deutschen Paares verschwindet schnell vom Unfallort. Ein Albtraum. Und doch greift die Schwerverletzte zu einem Rettungsanker, will Tochter Marie in Deutschland anrufen. Dann taucht wie aus dem Nichts der Ingenieur Rakesh auf.

Bei ihrem Lebensretter haben sich die beiden in diesem Jahr bedankt. Dafür sind sie erneut nach Indien geflogen. Mit gemischten Gefühlen haben sie die Reise angetreten. "Der schwere Unfall gehört jetzt zu unserem Leben", sagt Beate Rohn-Münch. Verändert hat sie sich nicht nur durch die Narbe am Kopf, die sich über die gesamte Stirn zieht. Vielmehr hat sie zu einer anderen Lebenseinstellung gefunden. "Früher war ich immer unruhig, manchmal schnell aufbrausend. Jetzt gehe ich alles ruhiger an, rege mich kaum über Nichtigkeiten auf", sagt sie.

"Wir mussten noch einmal nach Indien reisen, um unserem Lebensretter zu danken. Ohne ihn hätten wir den schweren Verkehrsunfall nicht überlebt", ist sie sich sicher. Dann lässt sie die Ereignisse Revue passieren.

Der Aufprall, die Ohnmacht, alles ist ihr noch in guter Erinnerung. Diesen 13. März 2016 wirddas Ehepaar nie vergessen. Um von Bangalore nach Hampi zu kommen, gönnen sich die beiden den Luxus eines privaten Fahrers, weil die Bahnverbindungen in diesem Teil Indiens schlecht sind. Irgendwann, aus völlig unvorstellbarem Grund, überholt der Fahrer an einer unübersichtlichen Stelle und es kommt zum Frontalunfall mit dem Lkw. An das, was dann geschehen ist, kann sich Beate Rohn-Münch nur bruchstückweise erinnern. Erst im Nachhinein setzt sie gemeinsam mit Ehemann Frank die Puzzleteile zusammen. "Wir saßen hinten. Einen Gurt gab es nicht. Wir sind frontal durch die Frontscheibe geflogen", weiß sie noch. Dass sie extrem geblutet hat, wird ihr klar, als das Bewusstsein zurückkommt. Sie sieht die schwere Kopfverletzung von Frank und den deformierten Arm. Trotz der schweren Verletzungen nestelt sie nach ihrem Handy, versucht Tochter Marie in Deutschland anzurufen. Aber die geht nicht ans Telefon. Wenig später ruft sie zurück, versucht die Mutter durchs Menü zu lotsen, damit sie das Handy orten kann. "Plötzlich nahm mir ein Mann das Handy aus der Hand. Er sprach mit Marie, erklärte ihr alles. Er wurde zu unserem Lebensretter, denn die anderen Menschen interessierten sich nicht für uns, sondern haben uns unserem Schicksal überlassen", berichtet sie.

Rakesh Mani ist Christ. Und er hat dafür gesorgt, dass der Notarzt gerufen wird. In der Zwischenzeit hat Marie in Deutschland alle Hebel in Bewegung gesetzt, hat Kontakt zum Auswärtigen Amt und zur Botschaft aufgenommen, während das deutsche Ehepaar zu einer kleinen Krankenstation in Chitradurga gebracht wird. "Hier wurden wir notdürftig versorgt. Meine schwere Kopfverletzung wurde mit sechs Stichen zusammengeheftet. Dann wurde ich in einen Schlafsaal gebracht. Weil kein Platz war, musste eine sterbende Frau ihre Liege verlassen. Auch Frank wurde notdürftig versorgt und kam in einen Schlafsaal für Männer. Wir bekamen zuckersüßen Limettensaft, der uns tatsächlich aufbaut hat", sind die Erinnerungen bei beiden noch hellwach. Von Chitradurga werden Beate und Frank zurück nach Bangalore transportiert. "Das war eine sehr lange und anstrengende Fahrt. Mittlerweile wurde auch Hilfe über die Botschaft organisiert." Dann werden die beiden still. Erst im Krankenhaus von Bangalore wird ihnen die Schwere ihrer Verletzungen bewusst. "Mein ganzes Gesicht war nach unten gerutscht. Der plastische Chirurg versprach, sein Bestes zu geben, obwohl er nicht wusste, wie ich vorher aussah. Auch Frank hatte einen offenen Schädel. Der Ellenbogen war noch immer ausgekugelt."

Eine Woche sind die beiden im Krankenhaus, dann werden sie über den ADAC erster Klasse nach Hause geflogen. "Meine Haare waren ab. Ich hatte zwei Schläuche im Kopf und vor der Brust einen Behälter, in dem die Wundflüssigkeit aufgefangen wurde. Franks Arm wurde noch genagelt und im rechten Winkel fixiert", kann sich Beate Rohn-Münch noch gut an das Bild erinnern.

Dann ein weiter Schock: Im Berliner Dominikus-Krankenhaus will man die Patienten anfänglich nicht haben, zu groß ist die Angst vor unerwünschten Keimen. Schließlich werden die beiden isoliert behandelt.

Fast neun Monate braucht Frank Münch, bis er wieder arbeiten kann. Als Physiotherapeut ist er auf beide Arme angewiesen. Bei Beate Rohn-Münch verläuft die Heilung trotz der schweren Kopfverletzung schneller.

Heute wissen beide, dass sie ohne die Hilfe ihres Lebensretters nicht überlebt hätten. "Wir wären verblutet. Rakesh war Christ und es war klar für ihn, dass er uns helfen muss. Die anderen Menschen am Unfallort waren sehr einfach und Hindus. Sie helfen Sterbenden nicht, weil sie ja ohnehin neu geboren werden. Die Mentalität ist schwer nachzuvollziehen", versuchen die beiden, das Verhalten der Menschenzu erklären. "Indien ist kein Postkartenland."

"Wir wissen erst jetzt, was Rakesh alles für uns getan hat", berichtet Frank Münch. "Er hat frische Tücher von den Männern abgekauft, um unsere Köpfe notdürftig zu verbinden. Unser Autofahrer hat sich aus dem Staub gemacht, weil in Indien keiner eine Versicherung hat."

Wieder in Deutschland ist für Beate Rohn-Münch der erste Blick in den Spiegel am schlimmsten."Keine Haare, eine Narbe auf der Stirn. Ich konnte mich einfach nicht ansehen. Mein Mann und Marie haben mich zum Spiegel begleitet", sagt sie. Lange Zeit habe sie Mützen und Tücher getragen, um möglichst viel von ihrem Gesicht zu verbergen. Aber der plastische Chirurg in Indien hat gute Arbeit geleistet. Frank Münch dagegen muss in Deutschland noch zweimal am Arm operiert werden.

Zu Hause hat das Ehepaar gemerkt, wie sie sich auf die Mitarbeiter ihrer Physiotherapie und auf die Familie und Freunde verlassen können. Tochter Marie ist vorübergehend wieder zu den Eltern gezogen, die Angestelltenkommen nach Hause, um die beiden zu behandeln, Freunde kochen und übernehmen Transportdienste.

Warum er und seine Frau trotzdem so fasziniert von dem Land sind, erklärt Frank Münch wie folgt: "Indien ist ein so großes Land, fast ein kleiner Kontinent, so dass man öfter hin muss. Entweder man liebt das Land oder man fährt nie wieder dorthin. Es ist ein Kulturschock. Man sieht viel Dreck und Elend. Es ist trotzdem wahnsinnig faszinierend. Viele Religionen kommen in dem Land miteinander klar."

In diesem Jahr sind die beiden im März erneut nach Indien aufgebrochen, um ihren Lebensretter zu treffen. "Es war so ergreifend. Rakesh hat sich so gefreut, uns im Hampi wiederzusehen und uns noch reichlich beschenkt." Das Foto von dem Wiedersehen haben die beiden auf ihrem Handy immer bei sich.

Beate und Frank können sich sich während ihrer Reise im März noch auf andere Weise ganz herzlich bedanken. Durch Zufall haben sie in Hampi eine Straßenverkäuferin, die sie während ihrer ersten Reise kennenlernten, wiedergetroffen. Deren älteste Tochter hatte in der Leiste ein riesiges Gewächs, so dass das Kind in seiner Bewegung stark eingeschränkt war. Die Kosten für die Operation haben Beate und Frank übernommen. "Das Kind ist wieder gesund und glücklich", freuen sich die beiden. Auch dieses Bild tragen sie immer bei sich.

Nach der Reise haben der Physiotherapeut und die Heilpraktikerin ihren Frieden gefunden und Freunde, Mitarbeiter und die Familie zu einem riesigen Sommerfest eingeladen, um sich für die Hilfe und Unterstützung zu bedanken.

"Ich empfinde eine große Dankbarkeit an mein Leben, gehe morgens zur Tür raus und freue mich auch dann, wenn olles Nebelwetter ist. Sich wegen Nichtigkeiten aufzuregen ist Energieverschwendung", sagt Beate Rohn-Münch. Ihr Mann nickt zustimmend.

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