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Kommunalwahl
Das Kita-Problem in Brandenburg angehen

Kandidieren für Parlamente in Städte und Gemeinden: Katja Göcke, Katja Poschmann, Hans-Peter Küllmer, Loreen Tirado und Stefanie Liesig (v.l.n.r)
Kandidieren für Parlamente in Städte und Gemeinden: Katja Göcke, Katja Poschmann, Hans-Peter Küllmer, Loreen Tirado und Stefanie Liesig (v.l.n.r) © Foto: Nancy Stoffregen, privat, Loreen Tirado, Stefanie Liesig
Mathias Hausding / 20.05.2019, 12:02 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Die Brandenburger Kita-Misere nervt viele Eltern – und führt jetzt manche von ihnen in die Politik. Sie kandidieren für die Parlamente von Städten und Gemeinden.

Als die ersten Erfolge kamen, sagte sie sich: "Ich will mehr." Katja Poschmann, 39 Jahre alt und aus Rathenow, hatte sich 2015 über die Erhöhung der Kita-Beiträge geärgert. Sie gründete mit einer anderen Mutter die Initiative "Eltern für Rathenow". Ein Jahr später wurden zumindest die Beiträge für Geschwisterkinder wieder gesenkt. Das war der Ansporn, weiterzumachen. "Wer gut argumentiert, findet irgendwann Mehrheiten für seine Positionen", hat die Kreisverwaltungs-Angestellte gelernt. "Dass die Höhe der Beiträge vom Wohnort abhängt, ist ungerecht, aber nicht allein auf kommunaler Ebene zu lösen. Kitas sollten komplett beitragsfrei sein." Also verfassten die Eltern eine Petition an den Landtag. Und Katja Poschmann schrieb auf einmal mit Rathenower SPD-Politikern gemeinsame Anträge. An der Partei gefällt ihr, dass sie links ist und eine lebendige Diskussionskultur hat. Deshalb ist sie eingetreten. Nun kandidiert die Newcomerin am 26. Mai bei der Kommunalwahl und am 1. September sogar für den Landtag.

Katja Göcke findet: "Wer ein Problem hat, sollte nicht nur meckern, sondern sich einbringen." Und bei Qualität, Kapazität und Kosten von Hort und Kita gibt es in ihren Augen in Bad Freienwalde viel auszusetzen. Seit 2016 bemüht sie sich gemeinsam mit anderen, frischen Wind in die Stadt, aber auch in den Kreis und das Land zu bringen. "Wir akzeptieren nicht länger, wie Kitas und Hort als wichtige Themen der kommunalen Daseinsvorsorge vernachlässigt werden." Als Rechtsanwältin bringt es sie vor allem auf die Palme, "wenn die Realität von den gesetzlichen Vorgaben abweicht". Dagegen kämpft die zweifache Mutter nun. "Wir geben unseren Kindern eine Stimme", findet die 41-Jährige. Das Werben für ein Umdenken sei mühsam, das Thema sehr kleinteilig. "Es sind so viele Diskussionen", stöhnt sie. "Es müsste alles schneller gehen, klar, aber es ist auch schön zu sehen, dass man etwas bewirken, Leute mitnehmen kann." Katja Göcke kandidiert nun als Einzelbewerberin für die Stadtverordnetenversammlung.

Allein das Wort "Kita-Satzung" führt bei betroffenen Eltern in vielen Kommunen zu Stoßseufzern – auch in Fredersdorf-Vogelsdorf. "Der Kita-Frust hat mich mobilisiert. In etlichen Gemeinden ist inzwischen angekommen, dass man da was machen muss. Bei uns noch nicht", sagt Hans-Peter Küllmer. "Unsere Satzung wurde seit mehr als zehn Jahren kaum überarbeitet. Der Modernisierungsbedarf ist groß, das muss jetzt alles auf den Tisch. Und dafür möchte ich als Gemeindevertreter gewählt werden", sagt der 44 Jahre alte Familienvater. Für den Kreistag kandidiert er ebenfalls. Denn auch dort brauche das Kita-Thema mehr Raum. Wie werden gemäß Satzung die Mindestbeiträge für die Eltern ermittelt, wie die Höchstbeiträge? Solch knifflige Fragen gibt es viele. Hans-Peter Küllmer, Angestellter bei einer öffentlichen Unfallversicherung und in seiner Gemeinde bereits ehrenamtlicher Behindertenbeauftragter, betritt die politische Bühne auf der Liste der Grünen. Parteimitglied ist er nicht. "Wenn ich eintrete, will ich intensiv mitarbeiten. Aber dafür fehlt mir als Familienmensch im Moment die Zeit."

Als sie den Beitragsbescheid für den Kita-Besuch ihrer drei Kinder in den Händen hielt, wäre sie fast in Ohnmacht gefallen, erzählt Stefanie Liesig aus Glienicke/Nordbahn. Das kann nicht richtig und nicht gerecht sein, dachte sie sich. "Meine Regel ist: Entweder die Klappe halten oder etwas tun." Also suchte sie den Kontakt zu anderen Eltern, die mit den hohen Beiträgen nicht einverstanden waren. Und sie arbeitete sich durch Gesetze, Verordnungen, Satzungen. "Ich bin Verwaltungswirtin beim Luftfahrtbundesamt, ich kann solche Texte lesen und verstehen", sagt die 37-Jährige. Sie besuchte Ausschuss-Sitzungen, brachte Argumente vor, erzielte Erfolge. Was ihr auffiel: "In diesen Gremien sitzen kaum junge Eltern, weil sie dafür eigentlich keine Zeit haben." Stefanie Liesig nimmt sich die Zeit, inzwischen liegt ihr Fokus auf Schulthemen. "Ich kandidiere, obwohl Politik nie Teil meines Lebensplans war. Ich bin dafür eigentlich nicht der Typ." Sie schloss sich der CDU an, "um die Partei sozialer zu machen, aber auch weil sie von allen verlangt, sich nach Kräften anzustrengen".

Pro Monat sollte sie für ihre beiden Töchter 700 Euro für die Kita bezahlen, plus Geld für das Frühstück, obwohl das dem Kita-Gesetz widerspricht. "Das war eine Lawine, die da auf uns Eltern niederging", erinnert sich Loreen Tirado aus Mühlenbeck in Oberhavel. "Der Verdruss darüber, wie man mit uns umging, war mein Antrieb." Sie war zu Schulzeiten Klassensprecherin und in ihrem Job im Vertrieb eines großen Unternehmens Betriebsratsmitglied – die Rolle als Elternsprecherin gefiel ihr nun auch. "Es hat mich begeistert, wie wir auf einmal gemeinsam die Demokratie mit Leben erfüllt haben." Dabei habe die Verwaltung anfangs keine Lust gehabt, sich mit den Eltern auseinanderzusetzen. "Der Zugang wurde uns verwehrt, das war zusätzliche Motivation für mich", erzählt die 37-Jährige. Sie klapperte vor Ort die Parteien ab, auf der Suche nach Unterstützung. "Die Linken waren die ersten, die uns halfen", betont Loreen Tirado. Nun kandidiert sie bei der Kommunalwahl als parteilose auf der Liste der Linken. Sozialpolitik ist ihr Metier – "da kann man auf kommunaler Ebene viel machen".

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