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Der Lauscher vom Tierpark

© Foto: Tierpark Berlin
Maria Neuendorff / 26.06.2012, 19:53 Uhr - Aktualisiert 26.06.2012, 20:00
Berlin (MOZ) Der Tierpark Friedrichsfelde ist Europas größter Landschafts-Tiergarten. Aufgebaut hat ihn Curt Heinrich Dathe (1910-1991). Für den langjährigen Tierparkdirektor und Rundfunk-Star wurde am Dienstag am Dickhäuterhaus eine Gedenktafel eingeweiht.

Obwohl der Himmel grau trägt, sind an diesem Vormittag viele Tiere draußen. Die Bären tollen zwischen den Felsen. Atlashirsche schmusen mit ihren Kitzen. Waldbisons versammeln sich um den Futtertrog mit frischem Heu. Ihr weitläufiges Gehege ist nur durch einen schmalen Wassergraben umrandet. "Ich mochte als Junge keinen Zoo. Ich hielt ihn für ein Gefängnis", hat Heinrich Dathe einmal gesagt.

Der Tierpark, den er nach dem Krieg im verwilderten Schlossgarten Friedrichsfelde aufbaute, sollte anders sein. Den von Lenné gestalteten Landschaftspark mit Schloss versuchte er dabei zu erhalten. So zwitschern heute die Vögel von großen alten Eichen, Besucher flanieren auf breiten Alleen, queren über kleine Brücken Kanäle und Teiche.

In dieses "Paradies für Mensch und Tier" konnten Radiohörer jeden Sonntag um 8.35 Uhr hineinlauschen. Die Rundfunksendung, in der Karin Rohn ab 1957 mit dem Tierpark-Direktor plauderte, lief 1774 Mal bis ins Jahr 1990. Weitere Popularität brachte dem Professor die Fernsehsendung "Tierparkteletreff" mit Moderatorin Annemarie Brodhagen. Dathe, dessen Leipziger Akzent sein Markenzeichen war, wird heute gerne "Grzimek des Ostens" genannt. Doch vielleicht wäre für Bernhard Grzimek "Dathe des Westens" viel bezeichnender, denn auch jenseits der Mauer wurde "Im Tierpark belauscht" gerne eingeschaltet.

"Er schaffte es, jedes Tier ins Rampenlicht zu stellen - ob Glühwürmchen oder Elefant, bei ihm lebte alles gleichberechtigt", sagt Tierpark-Geschäftsführerin Gabriele Thöne. Er habe sich die Neugierde des Kindes und des Forschers immer bewahrt.

Der im vogtländischen Reichenbach geborene Sohn eines Bürovorstehers studierte in den 30er-Jahren in Leipzig Zoologie, Botanik und Geologie. Dass er als Student in die NSDAP eintrat, hat Dathe später nie verschwiegen. Nach britischer Kriegsgefangenschaft durfte er zunächst nicht in die Forschung zurückkehren und verdingte sich als Markthelfer und Vogelstimmen-Imitator beim Rundfunk. 1950 wurde Dahte im Leipziger Zoo angestellt und arbeitet sich dort schnell zum Chef hoch.

Doch seine Lebensaufgabe fand der Vater von drei Söhnen - einer arbeitet heute als Kurator für Lurche und Kriechtiere im Tierpark - 1954 in Berlin. Die DDR wollte ein Pendant zum Zoologischen Garten im Westteil der Stadt schaffen. Über Spenden aus der Bevölkerung und DDR-Betrieben wurden die ersten Tiger aus Moskau, Maralhirsche aus Leningrad und Elefanten aus Asien angeschafft, die zur Eröffnung 1955 teilweise noch in provisorischen Gehegen hausten.

Seine Mitarbeiter beschrieben Dathe als unerbittlichen Antreiber. In die SED trat der Träger des Nationalpreises und Vorzeige-Wissenschaftler nie ein. "Ich war einmal in der Partei - das reicht", soll er über den "größten Fehler" seines Lebens gesagt haben.

Unter seiner Regie wuchs der 60 Hektar große Park auf 160 Hektar an. Heute leben dort 10000 Tiere in über 1000 Arten. Eine Stunde dauert eine Tour mit der Kindereisenbahn durch die Anlage. Eine Station ist das Dickhäuterhaus mit Elefanten, Nashörnern und einer Art Gewächshaus in der Mitte. Vor dem Eingang hat eine Gruppe von Offiziellen und Weggefährten eingefunden, um eine Gedenktafel für Dathe zu enthüllen. "Ich finde es gut, dass sie hier angebracht wird, denn das Dickhäuterhaus war sein letztes Werk", sagt Elisabeth Dathe. Mit dem Gebäude hat sich ihr Mann einen späten Traum erfüllt. Doch die feierliche Einweihung am 29. September 1989 ging in den Wirren der Wendezeit fast unter. Und als die Mauer fiel, war die Himmelsrichtung, in die die Massen strömten, eine andere.

Dathe wollte trotzdem weiter machen. Kurz nach seinem 80. Geburtstag flatterte am 7. Dezember 1990 die Kündigung in die Dienstwohnung hinter dem Bisongehege, aus der er nach 35 Jahren ausziehen sollte. "Ich lebe, um zu arbeiten", war das Motto von Heinrich Dathe. Es war nicht nur ein Spruch. Er starb am 6. Januar 1991.

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