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Der Katastrophenflug von Königs Wusterhausen

Schon oft berichtete Heinz Mutschinski als Zeitzeuge über die Flugzeugkatastrophe von 1972 von Königs Wusterhausen.
Schon oft berichtete Heinz Mutschinski als Zeitzeuge über die Flugzeugkatastrophe von 1972 von Königs Wusterhausen. © Foto: Jens Rümmler
15.08.2017, 10:00 Uhr
Königs Wusterhausen () Rasensprenger surren, Hollywoodschaukeln bewegen sich im Takt des Sommers. Auch kurz vor 17 Uhr zeigt das Thermometer noch über 30 Grad. Der 14. August 1972 ist in Königs Wusterhausen ein herrlicher Sommertag. Doch plötzlich heulen am Himmel Motoren auf. Viele denken zunächst an einen herannahenden Hubschrauber. Doch in Wirklichkeit taumelt über KW ein fast vollbesetztes Flugzeug. Auf den Straßen sind Schreie und Stoßseufzer zu hören. Einige Mütter halten ihren Kindern die Augen zu. Eine Iljuschin IL 62 der DDR-Interflug schlingert zunächst über der Stadt, zerbricht dann in zwei Teile und stürzt in eine Luchwiese am Nottekanal. Es ist die bis dato schlimmste Flugzeugkatastrophe in Europa, bei der 148 Passagiere und acht Besatzungsmitglieder ihr Leben verlieren.

"Erst viel später kam heraus, dass Pilot Heinz Pfaff eine noch viel größere Katastrophe verhinderte, in dem er den Flieger im letzten Moment vom Bahnhof steuerte", sagt Heinz Mutschinski. Der Zeuthener erlebte das Drama nicht nur hautnah. Er verantwortete in der Kreis-Katastrophen-Kommission auch die Bergung der Opfer und war an der Organisation des Staatstraueraktes mit SED-Chef Erich Honecker auf dem Waldfriedhof Wildau-Hoherlehme beteiligt. "Meine Familie hab' ich damals über eine Woche nicht gesehen, sondern einfach nur funktioniert."

Dann erinnert sich der heute 92-Jährige an das Drama, das sich vor genau 45 Jahren am Himmel über KW abspielte. "Wir saßen in einer Versammlung im Schloss-Saal, dachten uns beim ersten Geräusch noch nichts besonderes." Die Maschine sowjetischen Fabrikats - von Schönefeld nach Burgas (Bulgarien) gestartet, wegen der Havarie aber schon auf dem Rückweg - sackt bedrohlich ab. Pilot Heinz Pfaff kann den Flieger noch einige Sekunden in der Horizontalen halten und vom Stadtzentrum lenken, ehe die IL 62 explodiert und in zwei Teile zerbricht. Für Pfaff wäre es der letzte Flug vor seiner Pensionierung gewesen. Aus der Maschine fliegen Koffer, Zeitungen, Schuhe und Menschen. Vom Himmel rieselt aber auch Silberpapier, das einem Lametta-Regen gleicht. "Der silberglänzende Niederschlag stammte vom Isoliermaterial des Flugzeughecks", erinnert sich Heinz Mutschinski. Am Absturzort finden er, seine Kollegen vom Katastrophenschutz und Feuerwehren verbrannte Leichen, aber auch Sonnenhüte und Badezeug. "Einige Opfer wirkten, als schliefen sie nur. Für uns alle war das ein nur schwer auszuhaltender Anblick", so Mutschinski, damals Mitarbeiter im Rat des Kreises Königs Wusterhausen. Sanitäter, die die Leichen bergen, arbeiten offenkundig unter Alkoholeinfluss, wie Augenzeugen später berichten. "Offiziell abgesegnet war das von uns natürlich nicht, aber offenbar ging es nicht anders."

Heinz Mutschinski gibt seine Erinnerungen mit großen leuchtenden Augen wieder. Manchmal kullert eine Träne heraus. Er sitzt auf einer gemütlichen Holzrundbank neben dem Eingang seines Zeuthener Wohnhauses. Neben ihm steht ein Samowar, der russische Teeaufbereiter, über ihm lächeln Matroschka-Figuren und die tschechischen Holzpuppen Hurvinek & Spejbl vom Regal.

Der gebürtige Fürstenberger (heute Eisenhüttenstadt) berichtet von der unerträglichen Hitze, die Mitte August 1972 in der Region herrschte. "Eine alte Industriehalle bei KW, in der die Opfer lagen, wurde von Feuerwehrkameraden von außen mit Wasser bespritzt, um eine Kühlung zu erzielen." Der Geruch in der Halle war dennoch kaum auszuhalten, sagt der Witwer. Den betraut man in den darauffolgenden Tagen auch mit der Organisation des Staatstraueraktes.

Am Wildauer Friedhof werden in Windeseile neue Wege angelegt und eine Asphaltstraße gebaut. Zu Paul Verner, damals Mitglied des SED- Zentralkomitees, kann er den eigenen Worten nach jederzeit Kontakt aufnehmen. Versorgungsengpässe sind plötzlich passé: 1000 Stühle stellt die Berliner Werner-Seelenbinder-Halle zur Verfügung. Ein Bekleidungskombinat der Hauptstadt schickt 1000 Sitzkissen. Für den Fall, dass es regnet, stehen hunderte schwarze Schirme bereit. Mobile Toiletten kommen vom Schlossparkareal Sanssouci. Von NVA-Soldaten einer Storkower Einheit seien die Angehörigen zu den Särgen ihrer Verwandten oder Bekannten geführt worden. Auf weiße Kindersärge habe man verzichtet. "Die hätten den Schmerz und das Leid nur noch vergrößert", so der gefragte Zeitzeuge.

Der Trauerakt selbst sei gut über die Bühne gegangen. Als "furchtbar" hat der Zeuthener die Aufschreie der Angehörigen in Erinnerung, als Schauspieler Otto Mellies die Namen der Opfer einzeln vorliest. Nach der Trauerveranstaltung kommen menschliche Tragödien ans Tageslicht: Da war das frisch vermählte Paar, das sich auf Hochzeitsreise begeben wollte oder die Mutter von sechs Kindern, für die es die erste Flugreise sein sollte. Es gab aber auch das Ehepaar aus Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz), das den Flug knapp verpasste und so überlebte.

Heinz Mutschinski, einst als Finanzökonom tätig, versucht das Unglück später zu verdrängen. "Wir waren in diesen Tagen im August 1972 mit Herz und Seele dabei, aber das Leben musste weitergehen." Im Dezember 1986 kommt es erneut zu einem verheerenden Flugzeugunglück in der Region. Beim Absturz einer Tupolew der Aeroflot bei Bohnsdorf sterben mehr als 70 Passagiere, darunter 20 Schüler aus Schwerin, die von einer Klassenfahrt heimkehren wollten. Zehn Menschen überlebten. Wieder ist Heinz Mutschinski an der Organisation der Bergung beteiligt.

Knapp zehn Jahre darauf holt den Witwer eine private Tragödie ein - seine Kriegserlebnisse 1945. Es ist der Beginn eines seit 22 Jahren andauernden Ehrenamts als gefragter Zeitzeuge auf Gedenkveranstaltungen sowie in Funk und Fernsehen. "Das begann damit, dass ich 1995, zum 50. Jahrestag des Kriegsendes, im ZDF ein Interview mit einem Kameraden meiner Kompanie sah." Heinz Mutschinski lag im März 1945 selbst im Schützengraben bei Podelzig, gehörte zu Hitlers letztem Aufgebot. "Gegen die Übermacht der Russen hatten wir keine Chance. Vor Aufregung formte ich aus Sand und Spucke kleine Türmchen und Mini-Häuser." Dann hört er nur noch das "Hurrä" der Sowjetarmee, wird lebensgefährlich am Hals verletzt und überlebt knapp. Das Inferno überstehen aus seiner Einheit nur zwei Menschen: er selbst und sein Melder.

In jedem Frühjahr streut er genau dort Blumensamen, wo er einst im Schützengraben lag. "Das bin ich meinen gefallenen Kameraden schuldig. Es war ein Verbrechen, sie 17jährig oder jünger militärisch unausgebildet in diese Kämpfe zu schicken." Wieder ist Heinz Mutschinski den Tränen nah. Fernseh- und Zeitungsreporter fragten ihn schon zig Mal, ob er damals noch für Hitler kämpfte. Dann gibt Mutschinski Antworten wie: "Hitler ging mir am Arsch vorbei. Ich wollte mein Leben retten." Seit Jahren engagiert er sich im Verein zur Bergung Gefallener in Osteuropa (VBGO). Dann zeigt er Suchteams, wo er Gefallene vermutet - egal, ob Freund oder früherer Feind.

Zum Schluss des Gesprächs zeigt der Zeuthener alte Fotos vom Bodensee, wo er als junger Mann in Meersburg die Finanzschule besuchte. Er holt Fotoalben, setzt sich dann wieder auf die Holzbank. Hier oder in der Küche nimmt er auch sein "Sonntagsfrühstück" ein. Meist eine Tasse Tee und Schrippen. "Abends gibt's eine Flasche Bier. Man gönnt sich ja sonst nichts." Über das Gesicht des Mannes, der in seinem Leben viel durchmachte, huscht ein kurzes Lächeln.

Jens Rümmler

Flugzeugkatastrophe vom 14. August 1972

Das Unglück nimmt ab ca. 16.45 Uhr seinen Lauf. Die IL 62 überfliegt Cottbus, als der Pilot Probleme am hinteren Höhenruder meldet. Nach Recherchen des Fernsehsenders MDR erhält die Crew die Anweisung, nach Schönefeld umzukehren. Laut Interflug-Protokollen will Pilot Heinz Pfaff aber sofort notlanden - entweder in Cottbus oder Prag. Doch die Interflug-Chefs beharren auf einen Rückflug, um mögliche Schäden "zu Hause" zu untersuchen.

Eine Expertenkommission des DDR-Innenministeriums ermittelt später einen Konstruktionsfehler an der sowjetischen Maschine als Unglücksursache. Elektrokabel und eine Heißluftleitung liegen im Heckboden genau nebeneinander. Am 14.8.1972 trifft an einer undichten Muffe rund 300 Grad heiße Luft unvermindert auf die Kabel. Entstehende Flammen greifen auf Behälter mit Enteisungsflüssigkeit über. Das Heck detoniert. Die Behörden in Moskau bezweifeln diese Version ohne nähere Begründung. DDR-Funktionäre haken mit Rücksicht auf das "Brudervolk" nicht weiter nach. Volkskammerpräsident Horst Sindermann schreibt an Staats- und Parteichef Erich Honecker: "Ich schlage vor, die Sache ruhen zu lassen." Dessen Antwort: "Einverstanden. E.H."

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