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Dirk Zöllner
"Eigentlich interessiere ich mich nicht für Musik!"

Seit 32 Jahren auf "Dauertournee": Dirk Zöllner. Er legt nach seiner Autobiografie "Die fernen Inseln des Glücks" nun den Titel "Affenzahn" vor.
Seit 32 Jahren auf "Dauertournee": Dirk Zöllner. Er legt nach seiner Autobiografie "Die fernen Inseln des Glücks" nun den Titel "Affenzahn" vor. © Foto: Johanna Bergmann
Jens Rümmler / 27.03.2018, 18:41 Uhr
Berlin (MäSo) Früher war der Sänger Dirk Zöllner dem Autor dieses Beitrags nicht ganz geheuer - wegen seines schrägen Outfits, schriller Bühnenshows, vor allem aber, weil ihn die Jugendliebe des Reporters anhimmelte: Zöllner war Mitte der 80er Jahre Frontmann von "Chicorée", später u.a. von "Die Zöllner" und "3Highligen". In den letzten drei Jahrzehnten entwickelte sich der Berliner zu einem der angesagtesten Sänger des Landes. Vielen war Dirk Zöllner unbekannt, bis er 1988 bei einem der legendären Rockkonzerte an der Radrennbahn Weißensee vor über 80000 Zuschauern auftrat. "Natürlich waren die 80000 wohl nicht wegen mir, sondern wegen James Brown da. Ein tolles Erlebnis war es schon und ich zumindest stolz darauf, dass wir als Vorprogramm nicht ausgebuht wurden", so der heute 55-Jährige. Sein bedeutendstes Konzert sei der Auftritt aber nicht gewesen, fügt er an.

Rückschau auf diese und andere spannende Episoden seines Musikerdaseins hält Zöllner jetzt im Buch "Affenzahn" (Eulenspiegelverlag), dessen Titel Bezug auf sein Lebenstempo nimmt. Da ist beispielsweise das "Verflixte 7. Jahr", für Dirk Zöllner bislang immer Endstation diverser Liebesbeziehungen. Der Rocker schreibt in seinem Werk ganz offen darüber. Musiker haben es scheinbar schwer: Wenn einem die Trauben in den Mund wachsen und man(n) nur zubeißen muss .... "Es ist ja nicht so, dass ich immer abgehauen bin. Es gab auch Trennungen im gegenseitigen Einvernehmen und von meiner vorletzten Frau wurde ich verlassen. Ich bin ein Romantiker, glaube an die ewige Liebe und bedauere es sehr, dass es in meiner heterosexuellen Karriere nicht geklappt hat."

Eins steht aber fest: Dirk Zöllner kann nicht nur singen und komponieren, er kann auch schreiben. Beispielsweise in regelmäßigen Kolumnen für die sächsische Tageszeitung "Freie Presse". Die besten dieser Beiträge sowie viele neue Geschichten beinhaltet "Affenzahn". "Im Grunde genommen ist es eine Fortführung meiner Autobiografie "Die fernen Inseln des Glücks", in kurzen Geschichten verpackt. Ein Drittel des Buches besteht aus den Zeitungskolumnen. Ich habe einfach beschlossen, meine geistigen Ergüsse für die Ewigkeit festzuhalten. Denn was ist schon die Zeitung von gestern?! Zweitverwertung - der Eulenspiegel Verlag hat mitgespielt."

Zöllners lesenswertes Buch ist nicht nur eine Reise durch die DDR- und spätere gesamtdeutsche Rockgeschichte, es birgt auch viele Überraschungen. Beispielsweise, wenn es um das Gerangel der beiden Künstler-Alphatiere Tobias Künzel und Sebastian Krumbiegel von den Prinzen geht. Auf Alben sind beide Gesangs-Parts zu genau gleichen Teilen vertreten. Auf den Schlips treten wolle er aber niemandem. "Ich glaube nicht, dass ich die Kollegen gedisst habe. Es handelt sich um detaillierte Beobachtungen und ich hoffe, die Prise Ironie kommt so liebevoll an, wie ich sie gemeint habe. Mit Sebastian Krumbiegel habe ich telefoniert. Er meint, ich hätte die Situation gut erkannt. Er hat es ernst gesagt, aber sauer war er nicht. Anna Loos, die neue Frontfrau von Silly, ist da schon eher etwas angefressen." Wer Näheres erfahren möchte, der lese "Affenzahn".

Eine der überraschendsten Auskünfte Zöllners im Buch: "Eigentlich interessiere ich mich nicht für Musik!" Gegenüber dem Reporter relativiert der Barde diesen erstaunlichen Satz etwas. Aber: Neil Diamond macht ihn fertig, Jan Delay neuerdings auch. Wolf Biermann? Bloß nicht! Der geht Zöllner "schlimm durch den Magen". Dafür hört er zur Zeit viel von Ben Harper und die Musikmixe seiner Freundin. "Regine Dobberschütz, die Stimme der Solo Sunny, versorgt uns ebenfalls mit geiler Musik - best of Funk, Soul & Jazz. Ich liebe Otis Redding und Ray Charles - das hat mir meine Mutter mitgegeben."

Dann geht's weiter im (Buch-) Text - wieder Augenreiben: Denn der Protagonist der Lektüre ist den eigenen Worten nach Autodidakt und kann kaum Noten lesen. Dass das kein Makel sein muss, beweist er seit über 30 Jahren. "Es stimmt, dass ich Musik nicht studiert habe - aber ich habe über die vielen Jahre natürlich von meinen Kollegen gelernt und kann mich mit ihnen verständigen. In der Popmusik werden Harmonieskizzen gemacht. Ich kenne kaum jemanden, der die Gesangsmelodie per Note aufschreibt. Gute und stimmige Melodien merkt man sich. Ein Lied wächst. Und wenn es dann reif ist, wird es aufgenommen", erklärt der Mitt-Fünfziger.

Apropos Kollegen - einige würde er gern mal wieder treffen, wie er sagt. "Ich würde sehr gern meinen alten Kollegen Matthias Lauschus mal wieder sehen. Er hat jahrelang als Multiinstrumentalist bei "Die Zöllner" gespielt und war das emotionale Zentrum der Band. Ich habe überhaupt eine große Sehnsucht nach so vielen Menschen." Sie zu treffen, "kriege er nicht gebacken". Zöllner: "Nichts fehlt mir mehr als Zeit. Ich habe vier Kinder und meine Hauptarbeit besteht darin, den Stoff zu weben, mit dem ich dann auf der Bühne herumtanze. Die ganzen Lieder und Geschichten wachsen leider nicht auf Bäumen."

Lampenfieber hat Dirk Zöllner auch heute noch, verrät der gestandene Künstler. "Ein bisschen davon ist immer da. Diese Spannung muss auch sein, denn ohne den Adrenalinschub schafft man es nur schwer, die Leute zu fesseln. Manchmal suche ich mir zwei, drei besonders sympathische Personen aus, für die ich mich produziere. Manchmal ist es auch eine vertraute Person, zum Beispiel meine Tourmanagerin. Und ich liebe die Menschen, mit denen ich Musik mache. Ich höre ihnen zu und singe für sie."

Bleibt die Frage nach dem "Sonntagsfrühstück". Wenn er nicht gerade auf Tournee ist, finde das Morgenmahl im heimischen Köpenick statt. "Wenn ich zu Hause bin, gehe ich sonntags um 11.30 Uhr zum "Aprés Church" in Schliwas WeinKulturHaus in Köpenick. Nach dem Glockengebimmel gibt es da gute Musik auf die Mütze." Auf seinen Bezirk Treptow-Köpenick lässt er ohnehin nichts kommen: Wasser, Wälder, Boot fahren, Pilze sammeln...

Dirk Zöllner, was willst Du mehr? "Ich kenne den Bäcker, die Lottoverkäuferin, die Fotografin, den Friseur - wir erkennen uns auf der Straße, es werden Nettigkeiten ausgetauscht. Ich habe einen kleinen feinen Freundeskreis, meine Eltern leben auch in der Nähe. Und ich bin ans Verkehrsnetz von Berlin angeschlossen. Obwohl - das ist mir mittlerweile eigentlich schnurz. Zu meinen Kindern Rubini und Egon kann ich auch mit dem Auto fahren - ich habe seit vier Jahren den Führerschein!"

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