Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Nina Wilner
Auge in Auge mit Erich Honecker

Nina Willner verknüpft in ihrem Buch "40 Herbste" große Weltpolitik mit Familiengeschichte.
Nina Willner verknüpft in ihrem Buch "40 Herbste" große Weltpolitik mit Familiengeschichte. © Foto: promo
Jens Rümmler / 27.03.2018, 19:07 Uhr
Berlin (MäSo) Die Mutter flüchtete als junge Frau aus der sowjetisch besetzten Zone in den Westen. Tochter Nina Willner kehrte Jahre später genau dorthin zurück: als Geheimagentin der US-Armee. In der DDR spionierte Willner wichtige Militärgeheimnisse aus, lieferte sich wilde Verfolgungsjagden mit der Stasi und kam an Parteichef Erich Honecker bis auf drei Meter heran.

Das war ihren Schilderungen nach am 7. Oktober 1984, dem 35. Jahrestag der DDR. Nach dem Viermächteabkommen durften alliierte Streitkräfte mit besonderer Genehmigung u.a. Kundgebung und Militärparade in Ostberlin besuchen. Eine Gelegenheit, die sich Nina Willner und ihr Team nicht entgehen ließen: "Ich (...) konnte Nahaufnahmen vom neuen Modell eines sowjetischen Schützenpanzers machen, der nun kein Geheimnis mehr war", heißt es dazu in Nina Willners jetzt erschienenen Buch "40 Herbste" (Ullstein-Verlag), in dem sie große Welthistorie mit der Beschreibung ihrer Familiengeschichte verbindet.

Doch nach dem Panzer-Foto kommt es noch besser: "Wenige Minuten später fuhren mehrere schwarzglänzende Limousinen sowjetischer Bauart an den Randstein und stoppten mit äußerster Präzision nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Geschwind stiegen Männer in Schwarz aus, eifrig bemüht, grauhaarigen Eminenzen die Tür zu öffnen. Unter ihnen befand sich ein drahtiger, leicht gefleckter Herr, die weißen Haare ordentlich gekämmt; die Brille, fest am Kopf sitzend, umrahmte ein blasses, ernstes Gesicht. Ich erkannte ihn sofort. Es war Erich Honecker, und er stand drei Meter von mir entfernt. Umringt von höchst aufmerksamen Leibwächtern, eilten er, sein Stellvertreter Egon Krenz und andere geschlossen den Weg hinauf, vorbei an mir und den Leuten, um zum Denkmal zu gelangen. Niemand rührte sich vom Fleck. Kein Beifall noch sonst irgendein Laut, nur tiefes Schweigen", ist in "40 Herbste" nachzulesen.

Später habe Honecker einen Kranz niedergelegt und sich feierlich in stillem Gedenken verneigt. "Als Honecker in meiner unmittelbaren Nähe war, trat ich ein wenig aus der Menge hervor. Für den Bruchteil einer Sekunde sah ich dem Staatsratsvorsitzenden der DDR direkt in die Augen und schoss ein Foto. Das war für mich ein extrem beeindruckendes Erlebnis. (....) Es offenbarte den grüblerischen Blick eines gedankenverlorenen Mannes. In den Augen der Bürger strahlte Honecker Selbstbewusstsein und Beherrschtheit aus. Tatsächlich aber trieb ihn die Sorge um. Die polnische Arbeiterbewegung Solidarnosc kam immer mehr in Schwung ..."

Nina Willner beschreibt ihre Erlebnisse detailgenau und beeindruckend. Im Interview antwortet sie dagegen meist kurz und präzise. Die Mitfünfzigerin entspricht dabei ein wenig dem Klischee aus James-Bond-Filmen. Doch die Wahrheit ihrer Spionage-Tätigkeit ist eine ganz andere, nachzulesen in ihrem vom US-Militär abgesegneten Buch. Dass das Werk jüngste US-Geschichte auch kritisch hinterfragt, darf der Leser da nicht erwarten. Eher das Gegenteil ist der Fall. Beim Gespräch im Ullstein-Verlag an der Berliner Friedrichstraße beantwortet die US-Amerikanerin die angenehmeren Fragen zur Familie oft in Deutsch, die zu ihrer früheren Arbeit im Kalten Krieg lieber auf Englisch.

Im Buch lässt sie kaum ein gutes Haar am früheren Osten. Vielmehr schreibt Nina Willner von Tristesse und vom "leblosen Grau der Unterdrückung" in Ostdeutschland. Viele "gelernte" DDR-Bürger werden sich in diesen Darstellungen vermutlich nicht wiederfinden. Es ist die typische Einschätzung von Menschen, die nie in diesem Land lebten. In Ex-US-Präsident Ronald Reagan sieht sie einen großen Politiker, der sich um die Abrüstung verdient gemacht habe ...

Demgegenüber steht die teils anrührende Familienstory. Nina Willners heute 89jährige Mutter Hanna glückt 1948 beim dritten Versuch die Flucht in den Westen. Dort lernt sie ihren späteren Ehemann, einen Überlebenden des KZ Auschwitz und Mitglied der US-Army, kennen. 1961 kommt Tochter Nina zur Welt. 23 Jahre später beginnt diese ihre Agententätigkeit von Westberlin aus. Mit kleinen Spähtrupps kundschaftet sie in der DDR mögliche Aufmarschpläne der Sowjets aus, fotografiert heimlich ostdeutsches Militärgerät. Die Stasi ist ihr häufig auf den Versen. Welchen konkreten Wert die Informationen für die US-Geheimdienste hatten, mag sie im Gespräch nicht sagen. "Alles, was gesagt werden kann und muss, steht im Buch", sagt die Amerikanerin.

Die bizarre Situation bei ihrer Arbeit in Westberlin und der DDR sei ihr durchaus bewusst gewesen. Ein Großteil ihrer Verwandtschaft lebte nach wie vor im Ostteil Deutschlands. Nach dem Austritt aus dem Militärdienst begann Nina Willner, ihre Familiengeschichte zu recherchieren. Es sei wie das Zusammensetzen unzähliger Puzzleteile gewesen. Sechs der ursprünglich neun Geschwister fanden sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wieder. Die letzte große Wiedersehensfeier stieg 2013 in einem rustikalen Blockhaus bei Eberswalde. In der früheren FDJ-Herberge hätten sich rund 60 Familienmitglieder aus der USA und der Ex-DDR getroffen. Zuvor nahm Nina Willner am Berlin-Marathon teil. "Fast 30 Jahre nach meinem ersten Lauf an gleicher Stätte war es einfach großartig, (...) die Laufstrecke zu bewältigen, die keine Spuren der Mauer mehr aufwies und jetzt durch ein wiedervereintes, offenes, freies Berlin führte, um am berühmten Symbol der Einheit zu enden - am Brandenburger Tor."

Nach dem Fall der Mauer recherchierte sie in diversen Archiven über Ostdeutschland und führte viele Gespräche. Viele hätten sich im Land eingerichtet und mit den Umständen arrangiert. Dass heute eine Ostdeutsche an der Spitze des wiedervereinten Landes stehe, spreche für sich. Über den aktuellen US-Präsident Donald Trump will sie nicht soviel sagen.

Zum Schluss kommt das Gespräch abseits großer Weltpolitik noch auf Nina Willners Sonntagsfrühstück. Dies falle je nach Aufenthaltsort ganz unterschiedlich aus. Haferflocken mit Beeren und eine gute Tasse Kaffee seien aber meist dabei.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG