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Hartmut König
Von Woodstock bis Weißensee

Wie in alten Zeiten - Hartmut König mit der Klampfe in der Hand
Wie in alten Zeiten - Hartmut König mit der Klampfe in der Hand © Foto: Jens Rümmler
Jens Rümmler / 27.03.2018, 19:11 Uhr
Schwanebeck (MäSo) Mit seinem Namen kann vielleicht nicht jeder gleich was anfangen, mit seinen Liedern allemal. Hartmut König, Mitbegründer des Oktoberklubs, textete u.a. die Weltfestspiel-Hymne von 1973 "Wir sind überall", das kultige "In der Mocca-Milch-Eisbar" und Songs des DEFA-Klassikers "Heißer Sommer". Aber auch das linientreue "Sag mir, wo du stehst!" stammt von ihm. In seiner Zeit als FDJ-Kultursekretär holte er später Weststars wie Bruce Springsteen, Joe Cocker und Bryan Adams zu legendären Konzerten an die Radrennbahn Berlin-Weißensee. In seiner soeben erschienenen Autobiographie "Warten wir die Zukunft ab" (Verlag neues leben) berichtet König, der im Osten eine sozialistische Bilderbuch-Karriere hinlegte, über diese aufregende Zeit. Im Gespräch mit unserer Zeitung räumt er aber auch Fehler ein und korrigiert sich.

Hartmut Königs Augen wirken noch immer so wach wie vor 47 Jahren, als er in New York an der Weltjugendversammlung im UNO-Sitz teilnimmt und im Oktoberklub auf seiner Gitarre rote Lieder schmetterte. Auf der Couch vorm Kamin nippt der Mann, der gerade 70. Geburtstag feierte, am Wasser. Seit mehr als 20 Jahren lebt er mit seiner zehn Jahre jüngeren Frau in Schwanebeck, heute Ortsteil der Gemeinde Panketal (Barnim). "Hier findet auch unser Sonntagsfrühstück statt, mit Kaffee und weichgekochten Eiern." Die Gattin ist noch arbeitstätig, er kümmert sich um Haus und Hof, wie er sagt. "Einen grünen Daumen hab' ich aber eher nicht", schmunzelt der gebürtige Berliner, der sich zuletzt mehr mit seinem Buch als mit Gartenarbeit befasste. "Buch schreiben war für mich harte Arbeit genug. Ich hatte ja keine Tagebücher, auf die ich mich stützen konnte", lächelt der Märker, dem man seine 70 nicht unbedingt ansieht.

Hartmut König plaudert im Buch und vorm Reporter zwar aus dem Nähkästchen, will aber niemanden in die Pfanne hauen. Zum Gerücht befragt, DDR-Volksbildungsministerin Margot Honecker habe mal was mit Liedermacher und Regimekritiker Wolf Biermann gehabt, winkt er nur ab. Es gab Treffen, mehr wisse er nicht. Zu seinen früheren Chefs bei der Freien Deutschen Jugend (FDJ), Egon Krenz und Eberhard Aurich, halte er nach wie vor Kontakt. "Egon" ging es 2017 nicht so gut, da dessen Ehefrau Erika verstarb. Der kurzzeitige Staatsratsvorsitzende Egon Krenz ("Lieber Betonkopf als Weichei") sei ein Mann von Format gewesen, findet Hartmut König. Am Ende der DDR habe er als Erich-Honecker-Zögling nichts mehr ändern können, zu spät reagiert und wohl zu sehr auf Alt-Kader Rücksicht genommen. Das gelte auch für ihn selbst, sagt König nachdenklich. Was gibt's noch zum Thema Egon Krenz zu sagen? "Was er gar nicht mag: Wenn man ihm nach dem Mund redet."

Walter Ulbricht habe er schon zu Oktoberklub-Zeiten getroffen. "Das war zu einem Mittagessen während einer Tagungspause." Doch weil er sich im Gebäude verläuft, kommt er zu spät. Teilnehmer der Mittagsrunde, wie Anna Seghers oder der damalige Kulturminister Klaus Gysi, seien in Gespräche vertieft gewesen - außer Ulbricht. Der habe König angesprochen: "Also du bist der, der immer die Lieder macht...." Als der junge FDJler vom Oktoberklub berichtet, wirkt der SED-Chef offenbar irritiert. "Mit dem Wort Klub konnte er offenbar nichts anfangen und wiederholte mit fragender Miene und sächselnd immer wieder Klub, Klub, Klub ...." Ulbricht habe mit dem Wort wohl Intellektuellen-Klubs assoziiert. "Ein Intellektueller war er sicher nicht - ebenso wenig wie Erich Honecker." Besonders aufgeregt sei er vor solchen Treffen nie gewesen, so König. "Ich hatte Lampenfieber vor Auftritten, aber nicht vor Persönlichkeiten oder Prominenten", sagt der Mann, der fast alle traf, die im Osten Rang und Namen hatten.

Hartmut König jongliert mit Namen, springt von Günter Mittag zu Bruce Springsteen, von Erich Honecker zu Udo Lindenberg. Wegen des "Sonderzug nach Pankow"-Songs sei der Parteichef keineswegs sonderlich sauer gewesen. Per se hätte er auch nichts gegen eine Tournee des Panikrockers gehabt. Erst nach Lindenbergs Auftritt beim Friedenskonzert im "Palast der Republik" 1983, als er Abrüstung in West und Ost forderte, sei der Draht zueinander dünner geworden. Später schenkte der Staatsratsvorsitzende dem Musikus aber sogar eine Schalmei - als Dank für Udos Präsent, eine Lederjacke.

Zu den Sternstunden in Hartmut Königs FDJ-Laufbahn zählen zweifellos die Konzerte mit Weststars, die er maßgeblich mit einfädelte. Zuerst "Barclay James Harvest", dann Bob Dylan. Dessen Auftritt im Treptower Park geriet fast zum Fiasko, erinnert sich König. Nicht wegen fehlender Erfahrung des Ausrichters FDJ mit solchen Groß-Events, sondern weil der Superstar augenscheinlich keine Lust hatte. Was viele nicht wussten: Dylans Management hatte den Auftritt in Ostberlin eingerührt, weil sein Konzert in Westberlin wegen mangelnden Kartenverkaufs abgesagt wurde. "Was keiner von uns so richtig wusste: Bob Dylan machte nie große Ansagen und spulte die Liedfolge relativ emotionslos ab. Mir ging aber eigentlich nur die Muffe wegen des organisatorischen Krams. Aber es funktionierte."

Joe Cocker, Bryan Adams, Heinz Rudolf Kunze und vor allem Bruce Springsteen hießen wenig später die großen Namen an der Radrennbahn Weißensee. Fast alle diese Superstars hätten später erklärt, dass sie eine solche Begeisterung noch nie erleb hätten. Auch diese Konzertreihe hatte Erich Honecker schnell abgesegnet. "So etwas entschied er eigentlich immer zu unseren Gunsten", erinnert sich der Autor, der das entsprechende Kapitel mit "Woodstock - Wembley - Weißensee" betitelt.

Hellhörig wird er allerdings, als Eiskunstlaufstar Kati Witt bei ihrer Anmoderation vor weit mehr als 100 000 Zuschauern gnadenlos ausgepfiffen wird. "Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet, und das gab mir schon zu denken." Offenbar verband das Publikum den Name Witt mehr mit Westreisen und Privilegien, statt mit großen Sport-Erfolgen. Zum ersten Mal sei ihm deutlich geworden, dass im Staate DDR womöglich etwas nicht stimme.

Apropos Privilegien: Die genoss auch Hartmut König: Der Wahl-Brandenburger sah auf Reisen des Jugendstudenten-Bundes und des Weltfriedensrates die halbe Welt. "Mit dem Privileg Reisefreiheit habe ich nie geprahlt und gewusst, dass es - als Privileg - abgeschafft gehört." Andererseits bestand das Problem, dass man DDR-Bürger bei offenen Grenzen mit Valutamitteln hätte ausstatten müssen, so Königs Rechtfertigungsversuch.

Dann erinnert sich der studierte Journalist, der nach der Wende in einem märkischen Zeitungsverlag als Prokurist anheuerte, an seinen wohl bekanntesten Songtext, der gleichzeitig sein umstrittenster war: Das Agitationslied "Sag' mir, wo du stehst!". "Der Text entstand 1967. Wir wollten in diesem Land DDR erstens etwas bewegen. Und zweitens, dass andere junge Leute Farbe bekennen und Stellung beziehen." Das Lied, das König auch komponierte, basiert auf einem US-Gewerkschaftssong aus den 1930er Jahren. Sein zweiter populärer Politsong "Wir sind überall" (Text zusammen mit Reinhold Andert) fand einen breiteren internationalen Konsens. Entstanden sei es mehr oder weniger bei einem Trinkgelage der Autoren. "Eine Zeile - ein Glas", erinnert sich der Schwanebecker, in den 60er Jahren mit Kumpel Thomas Natschinski auch Bandmitglied von "Team 4".

Der habe sich in vielen Fragen korrigieren müssen, wie er sagt: Das Anliegen, Kultur und Kunst erzieherisch für eine sozialistische Nationalkultur einzusetzen, sei fehlgeschlagen. Kunst sollte die Funktion haben, Politik zu überprüfen und kritisch zu begleiten, so Hartmut König. In der DDR sei dies nicht der Fall gewesen, seufzt er.

Ein großes Kapitel des Buches widmet König dem Rockmusikgeschehen in Ost- und Westdeutschland vor der Wende. Mit Tamara Danz von Silly gab es Missverständnisse wegen eines Reisevisums für einen Bandkollegen. Den Gitarristen Jürgen Matkowitz von Prinzip fand er toll, Veronika Fischer und die Puhdys aber auch. Nelson Mandela hätte er gern kennengelernt, was nicht klappte.

Das Buch "Warten wir die Zukunft ab" ist mit 560 Seiten etwas lang. Manche Zusammenhänge versteht der Leser nur mit entsprechendem Vorwissen. Für alle, die sich mit der DDR und ihrer Kulturszene befasst haben und es auch weiterhin wollen, ist Hartmut Königs Buch ein absolutes Muss.

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