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Mario Weber
Der letzte Berufsfischer von Potsdam

Fischer Mario Weber ist seit 39 Jahren auf den Havelgewässern in und um Potsdam unterwegs.
Fischer Mario Weber ist seit 39 Jahren auf den Havelgewässern in und um Potsdam unterwegs. © Foto: Jens Rümmler
Jens Rümmler / 11.06.2018, 18:28 Uhr
Potsdam (Mäso) Ausflugsdampfer tuckern über die Havel. Sportkanuten gleiten ein paar Meter weiter fast lautlos durchs Wasser. Am Havelufer etwas südlich der Potsdamer Humboldtbrücke verläuft zwischen einem Spazierweg und Wohnhäusern die historische Stadtmauer. Touristen sieht man kaum. Hier liegt zwar die Wiege Potsdams, doch für Gäste spielt die Musik heute woanders. Abseits von Sanssouci und Belvedere firmieren einige Werkstätten und auch der Fischereibetrieb von Mario Weber. Er ist der letzte Berufsfischer der Landeshauptstadt. Wer nicht genau weiß, wo er ablegt und seinen Fang auch anbietet, findet ihn nicht so leicht. Zufällig kommen Passanten selten in die Große Fischerstraße 12.

Dabei sei der Ort, historisch gesehen, mindestens so bedeutsam wie andere Ecken der Stadt, findet Mario Weber. "Hier liegen die Ursprünge Potsdams, von hier aus wurde schon vor über 1000 Jahren Fischfang betrieben." Die ersten Fischereirechte stammen seinen Angaben nach aus der Mitte des 15. Jahrhunderts.

Heute zählt Mario Weber Aal, Zander und Hecht zu seinen "Hauptfischen", wie er sagt. Unterwegs sei er auf dem Wasser zwischen Glienicker Brücke und der Stadt Brandenburg. Seit 1979 befährt er vor allem Havelgewässer. Vor 27 Jahren hat er sich selbstständig gemacht. Webers Wecker klingelt gegen 5 Uhr morgens. Sein Arbeitstag dauert von 6 bis 20 Uhr - montags bis samstags. "Ich habe das noch nie bereut, denn ich bin gern draußen in der Natur. Den ganzen Tag im Büro hocken, wäre einfach nicht mein Ding", sagt der Mann, der nur auf Nachfrage spricht und auch dann nicht besonders viel. Das Hobby zum Beruf zu machen und tagtäglich das Ergebnis seiner Arbeit zu sehen, verschaffe ihm eine tiefe Befriedigung, betont der 57-Jährige. Sonntag ist aber Familientag. Und dazu gehört auch ein gutes Frühstück - selbstverständlich nicht nur mit Fisch. Ein Bäcker esse ja auch nicht ausschließlich Kuchen und Semmeln, schmunzelt Mario Weber. Wichtig sei am Sonntagmorgen ein guter Kaffee und auch ein bisschen Zeit.

Als letzter seiner Zunft wurde Weber in Potsdam anscheinend auch zur Kämpfernatur. Denn Sorgen hat er viele. Da ist beispielsweise der zunehmende Verbau der Ufer mit Bootsstegen. "Das geht auf Kosten meines Fangreviers und damit meiner Produktion", moniert der Fischer. In der Kommunalpolitik finde er als Einzelkämpfer kaum Gehör. Politiker hätten Boote, deren Wähler ebenso. "Mehr muss ich zu dem Thema wohl nicht sagen." Die Politik gehe einfach nicht an das Thema ran. "Wir kommen da seit Jahren keinen einzigen Schritt weiter."

Mario Weber hadert aber auch mit der zunehmenden Vermüllung der Gewässer in und um Potsdam. "Fahrräder, ganze Autos und Heckmotoren von Booten landeten schon in meinen Reusen. Da pfeift bei mir dann echt der Kessel", schimpft der Groß Glienicker, der als Junge mal Förster werden wollte. Es ist das einzige Mal im Gespräch, dass der ruhige Märker seine Stimme leicht hebt. Die Nachtstreife der Wasserschutzpolizei sei schon vor Jahren wegrationalisiert worden, kritisiert der letzte Fischer von Potsdam.

Immense Schäden verursachten auch Freizeit-Kapitäne mit ihren teils führerscheinfreien Booten. Die fahren regelmäßig in Webers Reusen, was dem Fischereibetrieb jährlich eine hohe fünfstellige Summe an Reparaturkosten verursacht. Einen TÜV-Zyklus für diese und andere Boote gebe es erst gar nicht. "Was da für Floßkutschen unterwegs sind - man glaubt es nicht." Zu schaffen machen Mario Weber aber auch Kormorane. "Oft kommen sie im Schwarm von über 200 Vögeln. Jedes Tier frisst etwa ein halbes Kilogramm Fisch am Tag", seufzt der Märker.

Doch es gibt auch gute Nachrichten: Zum Beispiel ein erfolgreiches Aalprojekt, bei dem jährlich 4,5 Millionen Jungaale (Glasaale) in die Havel ausgesetzt würden. "Die Kurve beim Aalbestand geht eindeutig nach oben", lobt Mario Weber, der Aal als seinen Lieblingsfisch bezeichnet. Am liebsten isst er ihn geräuchert und "auf eine dunkle Stulle". Seine Kundschaft komme vor allem aus Potsdam und aus dem südlichen Berliner Raum. Außer dem eigenen Fischerfest betreibe er keine Werbung. "Ich bin nun mal kein Marktschreier, setze voll auf Mund-zu-Mund-Propaganda", sagt der Brandenburger lächelnd.

Bei der Frage nach Hobby und Freizeit muss er kurz überlegen. Motorrad fahre er hin und wieder - am liebsten über schattige märkische Alleen. Wenn es zeitlich passt, gehts abends noch auf die Jagd. Sein Revier hat er in Groß Glienicke, wo er aufwuchs. Auf dem Brandenburger Festland sei er ansonsten wenig unterwegs. Zuletzt habe er einen Kollegen an der Oder besucht. "Das ist auch ein schönes Fleckchen Erde dort." Mit Berlin muss man ihm gar nicht erst kommen, winkt Weber ab: zu laut, zu hektisch und zu touristisch sei es dort. Urlaub benötige er selten. Wozu auch, fragt er. Er sei doch tagtäglich dort, wo andere Ferien machen oder zu Ausflügen starten. 2018 geht es aber trotzdem mal eine Woche nach Norwegen - der Frau zu Liebe. Auf Korsika und dem französischen Festland war er aber auch schon.

Besonderes Fernweh verspüre er aber nicht. Viel wichtiger ist Mario Weber, dass er eines Tages einen Nachfolger für seinen Betrieb findet. "Wenn mal einer meiner Lehrlinge bei der Stange bliebe, das wärs. Damit die Fischertradition in Potsdam nicht völlig ausstirbt." Seit 12 Jahren bildet Weber aus. Doch die teils harte Arbeit, gerade auch im Winter, lässt junge Leute Webers Worten nach immer wieder abspringen. "Bei Minusgraden die schweren gefrorenen Netze aus dem Wasser zu hieven, ist schon nicht ohne." Den Reiz des Fischerberufs habe auch er selbst erst später verinnerlicht. "Viele Azubis springen leider ab, bevor sie an diesen Punkt gelangen."

Weitere Informationen:

Das Potsdamer Fischerfest findet am 11. und 12. August 2018 in der Großen Fischerstraße 12 statt: Angeboten werden unter anderem frischer Fisch, Kuchen sowie Spiele und Bootstouren für Kinder.

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