Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Klaus Feldmann
Vor der "Aktuellen Kamera" schauten wir immer die Heute-Sendung ...

Klaus Feldmann sprach 28 Jahre lang die Nachrichten der Aktuellen Kamera. Hier tritt er mit Täve Schur bei einer Veranstaltung auf.
Klaus Feldmann sprach 28 Jahre lang die Nachrichten der Aktuellen Kamera. Hier tritt er mit Täve Schur bei einer Veranstaltung auf. © Foto: privat
Jens Rümmler / 29.06.2018, 13:25 Uhr
Frankfurt (Oder) (Mäso) Kurze und prägnante Sätze, gesprochen mit einer sonoren Stimme: Klaus Feldmann redet heute immer noch so, wie er vor knapp 30 Jahren die "Aktuelle Kamera" sprach. Der 82-Jährige gilt bis heute als das bekannteste Nachrichten-Gesicht der DDR -von 1961 bis 1989 las er die News der "Aktuellen Kamera" (AK). Dass das Format zu den umstrittensten im Ost-Fernsehen zählte, damit hat er offenbar seinen Frieden gemacht. Er habe die Meldungen gelesen, aber nicht deren Inhalt zu verantworten.

Gleichzeitig wurde der Berliner aber auch 14 Mal ostdeutscher "Fernsehliebling" - als Nachrichtensprecher! Kollegen attestieren ihm, dass er es offenbar schaffte, staubtrockene Meldungen von Planübererfüllung und Sozialismus relativ locker und gefällig zu präsentieren. "Dazu muss man sagen, dass der "Fernsehliebling' ein Publikumspreis war und nicht von irgendeiner staatlichen Jury vergeben wurde", sagt Feldmann. "Womöglich war es die einzige freie Wahl in der DDR", scherzt der rüstige Rentner. Dass man im Osten lieber Tagesschau oder Heute-Journal sah, ist ihm klar. "Wir sahen 19 Uhr ja selber die Heute-Sendung im ZDF, ehe 19.30 Uhr unsere "AK' startete." Nicht selten kam es infolge der West-Meldungen noch Minuten vor der "Aktuellen Kamera" zu kleineren Korrekturen.

In diesem Jahr steht bzw. sitzt Klaus Feldmann genau 70 Jahre hinterm Mikrofon. Er moderiert bis heute kleinere Events und Veranstaltungen. Schon mit 12 Jahren sprach Feldmann im Kinderfunk. In einem Mietertreff seiner Marzahner Wahlheimat plaudert der Journalist über sein Leben. Es geht aber nicht unbedingt um Nachrichten und Politik, sondern beispielsweise um Nüsse, die er für Eichhörnchen aufs Gartentor drapiert. Denn in der warmen Jahreszeit ist "Mister AK", wie ihn Ostmedien bis heute betiteln, gern draußen in der Natur. Seit 26 Jahren lebt er ab Mai auf einem Campingplatz am Helenesee bei Frankfurt/(Oder): "Ich habe heute keine Eile mehr, dafür viel Zeit für Naturbeobachtungen." Im Sommer steigt hier draußen auch sein Sonntagsfrühstück. Für ihn sei heute aber fast jeder Tag ein Sonntag, lächelt der charismatische Interviewpartner.

Nach zwei Lungenentzündungen müsse er gerade kürzer treten. Für den kommenden Winter plant er aber schon wieder einen Ski-Urlaub in Tirol. Auch auf Lesungen kann man den drahtigen Marzahner hin und wieder erleben. Wenn Klaus Feldmann plaudert, kommt er vom Hundertste ins Tausendste. Andere werden irgendwann heiser. Feldmann redet jedoch ohne Räuspern oder Pausen. Nur ganz selten nippt er mal am Wasser.

Auch wenn Klaus Feldmann zunächst Buchdrucker lernte, war für ihn schon als Kind klar, dass er mal zu Funk und Fernsehen will. Bereits mit 12 Jahren entdeckten ihn Talentspäher für den Kinderfunk. Später besuchte er die Rundfunkschule Weimar. Auf Nachrichtenleute von heute ist er nicht so gut zu sprechen: Es fehle häufig an korrekter Aussprache, guter Phonetik und Neutralität beim Sprechen der Meldungen. Das Ablesen vom Teleprompter habe News-Sendungen ohnehin verdorben, findet Klaus Feldmann. Die Akteure kämen oft nicht sachlich "rüber" und werteten durch Gestik und Mimik das Gelesene. "Ein Nachrichten-Sprecher sollte jedoch sachlich und neutral lesen - selbst beim Wetter", schmunzelt Feldmann. Gute und Nieten habe es allerdings zu jeder Zeit gegeben - in Ost und West.

Er selbst habe im Dienst nur zweimal Emotionen gezeigt: 1967 bei der Meldung über das schwere Zugunglück in Langenweddingen bei Magdeburg, bei dem 94 Menschen zu Tode kamen sowie 1975 nach dem Kriegsende in Vietnam. 1976 flog Feldmann aber auch mal vom Sender, weil er die Nachrichten beschwipst vortrug. Er habe nachmittags bei einem Kollegen ein Gläschen getrunken und auch noch die Sprechprobe gewohnt routiniert absolviert. "Doch während der Sendung wurden die Erfolge der Werktätigen immer schöner und die DDR noch fortschrittlicher", amüsiert sich Feldmann heute über seinen Aussetzer. Direkt gelallt habe er aber nicht, beteuert der Nachrichtenmann.

Verzichten wollte man auf Feldmann jedoch nicht, denn der verlas u.a. auch die Neujahrsansprache von Partei-Chef Erich Honecker. Rhetorisch fühlte sich der Staatslenker dazu anscheinend nicht in der Lage. "Wir haben das am Silvestertag immer vormittags aufgezeichnet." Vorgänger Walter Ulbricht hielt die Ansprache dagegen noch selbst, aufgenommen in dessen Feriendomizil in Oberhof, erinnert sich der Zeitzeuge.

Erich Honecker habe manchmal noch kurz vor der "AK" Korrekturen am Sendekonzept vorgenommen oder Manuskripte geändert bzw. ergänzt - in teils fehlerhaftem Deutsch. "Für uns war das eine Zwickmühle, da wir offiziell daran nichts mehr ändern durften." Klaus Feldmann übernahm eigenen Angaben nach trotz anderer Order keinen der Fehler. Honecker habe er in all den Jahren nur einmal persönlich getroffen, Ulbricht überhaupt nicht. Auch wenn ihn damals aufregte, dass über Tote an der innerdeutschen Mauer unpräzise oder über das Reaktorunglück von Tschernobyl erst spät berichtet wurde, sieht er seinen früheren Job in der Rückschau als "Traumberuf".

Im Interview erinnert sich der gebürtige Langenberger an "stinklangweilige" Bilanz-Jahresversammlungen mit Gewerkschaftschef Harry Tisch und Dokumentarfilme, die nie gesendet wurden. "Die Doku "Technik der neuen Zeit' sprach ich x-Mal. Der Inhalt wurde immer wieder überarbeitet." Offensichtlich waren sich die Macher nicht ganz so sicher, ob sich DDR-Technik im Weltmaßstab gut darstellen ließ. Letztlich landete das Format in der Schublade.

Ab und an kann man Klaus Feldmann auf dem Funkerberg in Königs Wusterhausen erleben. Hier führt er Interessierte durch die Ausstellung über das DDR-Fernsehen "Es gab nicht nur den Schwarzen Kanal". Auf Lesungen mit seinen Büchern "Das waren die Nachrichten" und "Verhörte Hörer" bereite er sich immer noch akribisch vor. "Aus dem Ärmel schüttele ich das nicht." Dann schnappt sich "Mister AK" seinen Umhängebeutel, grüßt alle freundlich und rauscht im weißen Flitzer zurück an den Helenesee.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG