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Andreas Neuenkirchen
Ein Leben zwischen Kung-Fu-Filmen, Kirschblüte und Karaoke-Bars

MOZ / 29.11.2018, 17:46 Uhr - Aktualisiert 05.12.2018, 17:13
Von Jens Rümmler

Karibik, Mittelmeer, Kanaren, Britische Inseln – es gibt so viele schöne Ecken auf diesem Globus. Wie verschlägt es einen da ausgerechnet nach Tokio, in die hektische und verrückte Hauptstadt Japans? Andreas Neuenkirchen kann diese Frage ganz und gar nicht verstehen. Der gebürtige Bremer verbrachte hier nicht nur schon etliche Urlaube. Seit zwei Jahren lebt er hier mit seiner japanischen Frau Junko Katayama und Tochter Hana. In seinem kürzlich erschienenen Buch „Happy Tokio“ (DuMont Reiseverlag) beschreibt Neuenkirchen recht amüsant, warum die Metropole „trotz ihrer Hässlichkeit Schönheit besitzt“.

Seine Streifzüge nennt er dabei „Tour durch das Tollste“. Sie führen den Journalisten vorbei an Stundenhotels, die aussehen wie Disneyschlösser, in Karaoke-Kabinen sowie in Cafés, in denen man nach 90 Minuten seinen Platz räumen muss. Der Wahl-Asiate berichtet über den Angriff einer „Killer-Krähe“ im Kinuta-Park, aber auch über die Kirschblüte, eine Art fünfte Jahreszeit in Japan. Andreas Neuenkirchen will dem Leser zeigen, wie Tokio wirklich tickt und was die chaotische, kitschige, aber auch hochmoderne Metropole für ihn so lebenswert macht.

Ende der 1990er Jahre kam der Hanseate erstmals nach Tokio, wie er im Gespräch sagt. Ein besonderer Fan der bevölkerungsreichsten Stadt Japans (ca. 9,5 Mio Einwohner) sei er damals nicht gewesen. „Das änderte sich, als ich das erste Mal durchs nächtliche Tokio irrte, auf der Suche nach meinem Hotel“, so der 49-Jährige. Der Mix aus Chaos und Disziplin, aus Hektik und Herzlichkeit der Menschen sei weltweit wohl einzigartig. Zudem entschädige das Tokioter Umland für vieles. „Meine Familie und ich fahren oft in die Berge von Hakone und legen uns dort ein paar Tage in heiße Quellbäder. Hakone ist unser Harz. Wenn uns nach maritimer Stadtluft ist, geht es nach Yokohama. Das liegt so nah, dass es viele Tokioter für einen Stadtteil Tokios halten“, berichtet Andreas Neuenkirchen vom überraschend grünen Umland.

Sonntags darf natürlich ein ausgedehntes Frühstück nicht fehlen: „Wenn wir uns was gönnen wollen, gehen wir in ein australisches Café und essen unter Surfbrettern „Eier Benedict“ (pochierte Eier auf Röstbrot mit gebratenem gekochten Schinken und Sauce Hollandaise – d. Red.). Für meine Frau ist das auch ein nostalgisches Vergnügen, denn sie hat in Australien studiert.“ Ansonsten sei Japan leider kein ausgesprochenes Frühstücksland. Das klassische japanische Frühstück aus Fisch, Miso-Suppe und Reis sterbe zusehends aus, berichtet Neuenkirchen. Vernünftige Alternativen fehlen. „Die ‚Morning Sets‘ der Cafés bestehen meistens aus einer Scheibe Toastbrot mit einem Klecks Schmelzkäse“, bedauert der Tokio-Fan. Hobbys gehören natürlich auch zu seinem Sonntag. Joggen zähle dazu. „Ansonsten liege ich gern auf dem Sofa und schaue im Halbschlaf alte Horror- und Kung-Fu-Filme.“

Als Exot fühle er sich im „Land der aufgehenden Sonne“ keinesfalls. Umgekehrt sehen ihn womoglich aber Einheimische als solchen, lacht der Familienvater. Zumindest würde er stets als Deutscher wahrgenommen und zu deutschen Themen befragt. „Am besten, man arrangiert sich damit und gibt hin und wieder eine Auskunft zu Fußball oder Bratwurst. Das verzweifelte Pochen darauf, man sei ja gar kein richtig typisch Deutscher, macht nur unglücklich“, lächelt der Schreiber. Umgekehrt sei es ja genauso: Der Japaner in Deutschland werde immer zuerst als Japaner gesehen, ganz egal wie viele Zwerge schon in seinem Vorgarten stehen.

Kontakt zur Heimat zu halten, sei dienstbedingt schwierig. Neuenkirchen arbeitet als freier Autor für englischsprachige Medien in Japan und in anderen asiatischen Ländern. Geplant war seinen Worten nach, zweimal jährlich die Heimat zu besuchen. „Bisher haben wir es aber in zwei Jahren nur zweimal nach Deutschland geschafft. Da ich Familie in Bremen habe, geht der Heimaturlaub eher dorthin. Das sollte sich in Zukunft ändern. Ich möchte meiner Tochter irgendwann München zeigen, die Stadt, in der sie geboren wurde. Das wird sie wahrscheinlich schrecklich langweilen, aber da muss sie durch“, schmunzelt der Buchautor, der ab 1993 im Feuilleton Bremer Tageszeitungen und Stadtmagazine, später als Redakteur in München arbeitete.

Dafür kommt überraschend viel Besuch nach Tokio, scheint sich Andreas Neuenkirchen selbst ein wenig zu wundern. Meist reisten die an, mit denen er am wenigsten rechnete. „Das sind beispielsweise ehemalige Arbeitskollegen, mit denen man auf Arbeit eigentlich gar nicht so viel zu tun hatte. Oder Freunde aus der Grundschule, die man seit eben jener Zeit nicht mehr gesehen hat. Da staunt man erst und dann wird es meistens doch ganz schön.“ 2017 kamen erstmals Neuenkirchens Eltern nach Japan. „Es gefiel ihnen sogar.“

Von Japanern sei er insgesamt gut aufgenommen, vom Freundeskreis seiner Frau liebevoll integriert worden. Auch ein paar Freundschaften aus der Reisezeit der 1990er Jahre hielten. „Der Freundeskreis, den meine Frau und ich hier gemeinsam aufgebaut haben, ist recht international. Das kommt wahrscheinlich daher, dass man als internationales Paar mit Kind häufig mit anderen internationalen Paaren mit Kindern rumhängt.“

Humorvoll beschreibt Andreas Neuenkichen seinen Tokioter Alltag, beispielsweise den Weg zur Arbeit. So widersetze er sich erfolgreich dem morgendlichen Wettrennen um die einfahrende S-Bahn. Ein Gentleman (Damen sind ausdrücklich mitgemeint) renne nun einmal nicht wie ein aufgescheuchtes Monster los, betont der Norddeutsche. Diese Hektik sei völlig zwecklos. Denn: „Die Arbeit macht sich nicht von selbst, die wartet auf einen“, sagt der Mann, der sich offenkundig nicht stressen lässt.

Brandenburg und Berlin kennt er nicht besonders gut, wie Andreas Neuenkirchen einräumt. Vor 20 Jahren sei er als Nachwuchsjournalist regelmäßig zur Berlinale gepilgert. „Ich erinnere mich an Eiseskälte und schlafen im Kino. Anfang der Nullerjahre hatte ich einige Lesungen aus meinen mehr oder weniger literarischen Werken in Berlin, oft in lauten Kneipen. Inzwischen war ich bestimmt schon seit 15 Jahren nicht mehr dort. Ich müsste mal wieder hin“, so der Autor, der 2009 auch mit seinem Buch „Gebrauchsanweisung für Japan“ für Aufsehen sorgte.

Von den deutschen Destinationen sei ihm Bremen die liebste. Welche Stadt er hierzulande sonst noch mag? Hannover! „Hannover halte ich für Deutschlands unterbewertetste Stadt.“

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