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Tochter Petra
Einen privaten Heinz Quermann gab es nicht

Jens Rümmler / 29.11.2018, 17:54 Uhr - Aktualisiert 29.11.2018, 20:02
Frankfurt (Oder) (MOZ) Seine Schlagerrevue lief mehr als 36 Jahre und brach damit alle Rekorde. Er entdeckte rund 1200 Sänger, darunter Frank Schöbel, Helga Hahnemann und Nina Hagen, erfand Shows wie „Da lacht der Bär“ und „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“: Heinz Quermann war der unbestrittene Schlagerpapst und Talentevater des Ostens, der große Strippenzieher in der DDR-Unterhaltungskunst. Nach der Wende „landete“ er als erster Ossi im Wachsfigurenkabinett des Berliner Panoptikums am Kurfürstendamm.

Heute hütet Tochter Petra Quermann das Erbe ihres berühmten Vaters, der 2003 mit 82 Jahren starb. In zwölf unterschiedlich aufgemachten Programmen erinnert sie an Showhighlights, plaudert aus dem Nähkästchen, erinnert aber auch an den schwierigen Alltag an der Seite eines „volkseigenen Entertainers“, wie sie ihren Vater nennt. „Einen privaten Heinz Quermann gab es nicht. Ich kenne ihn vor allem so, wie ihn auch sein Publikum wahrnahm“, sagt Petra Quermann, die in Hoppegarten lebt.

Wenn der gebürtige Hannoveraner zu Hause in Berlin-Karolinenhof arbeitete und an Sendungen feilte, musste daheim absolute Ruhe herrschen. An Spielen und Toben war dann nicht zu denken. Klingelte das Telefon, hörte Petra Quermann mehr als einmal: „Petra, Telefon!“. „Schlaf brauchte mein Vater nur wenig. Drei bis vier Stunden reichten ihm. Dafür konnte er überall, wo er gerade war, ein Nickerchen halten, notfalls auch kurz vor der Probe schräg hinter der Bühne“, erinnert sich Petra Quermann. Ihren Vater beschreibt sie als „wahres Arbeitstier“, das parallel Programme schrieb, für Funk und Fernsehen arbeitete und zusätzlich noch mit Live-Shows unterwegs war. Anfangs spielte Quermann sogar Geige und sang.

Schon 1939 bestand er zusammen mit einem gewissen Theo Lingen die Schauspielprüfung. Nur wenige wissen, dass der berühmte Dieter-Hallervorden-Sketch „Flasche Pommes Frites“ (Palim Palim) aus der Feder von Heinz Quermann stammt! Seine Schlagerrevue fand Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde: Sie war mit 36 Jahren und drei Monaten die ältestes Hitparade der Welt und wurde wöchentlich von ein und demselben Mann moderiert: Heinz Quermann.

Der bestritt laut Tochter rund 7500 Live-Veranstaltungen sowie 2500 Funk- und Fernsehsendungen, darunter „Ein Kessel Buntes“ und „Da liegt Musike drin“. Seine Lieblingsrolle war aber eher unscheinbar: Es war die Darstellung der „Märchenomi“ in der Sendung „Mit Lutz und Liebe“ (mit Lutz Jahoda). Die umgestrickten Märchen enthielten so manche Kritik am Ost-Alltag. Doch Heinz Quermann, in der DDR nie Mitglied der Einheitspartei SED, beherrschte den schwierigen Spagat zwischen Unterhaltungskunst und Partei-Lenkung. „Andere konnten das nicht so gut und wurden knallhart fallengelassen“, so Petra Quermann. Die 60-Jährige nennt als Beispiel u.a. den Name des Conferenciers O.F. Weidling.

Einmal im Jahr arbeitete Vater Quermann dort, wo seine Tochter heute lebt: in Hoppegarten. „Hier wurde auf dem Gelände des DDR-Staatszirkus jährlich die ‚Nacht der Prominenten‘ aufgezeichnet.“ Es war das Pendant zur westdeutschen Show „Stars in der Manege“. In beiden Formaten sollten sich Promis in anderen Unterhaltungsgenres beweisen, was mal besser, mal schlechter gelang. Zu Heinz Quermanns großen Coups zählte, die Darsteller der im Osten sehr populären dänischen Klamaukreihe „Olsenbande“ für Hoppegarten zu engagieren, allen voran Egon Olsen alias Ove Sprogoe. „Mit Geld war das natürlich nicht zu bezahlen“, blickt Petra Quermann zurück. Die Mimen wünschten sich russischen Malossol-Kaviar. Der war auch in Dänemark unerschwinglich teuer und damals schwer zu bekommen. Also ließ „Heinz, der Quermann“, wie er sich selbst nannte, seine Kontakte zur DDR-“Delikat“-Kette spielen und lieferte die wertvolle Fracht, 40 Döschen Malossol-Kaviar, beim dänischen Künstleragenten im Ostberliner Palast-Hotel ab.

Tochter Petra kann heute endlos über diese und andere Episoden plaudern und kalauern. Wehmütig ist sie dabei nicht. „Ich bin von Beruf Optimistin“, sagt die Mutter einer 31-jährigen Tochter. Privat lebt sie seit kurzem im Gemeinde-Ortsteil Waldesruh. Hier steigt auch ihr Sonntagsfrühstück mit einem guten Kaffee und Brötchen. Seit sieben Jahren ist die früher in der Gastronomie und im Einzelhandel beschäftigte Wahl-Märkerin mit diversen „Heinz-Quermann“-Programmen unterwegs. Mit dabei ist ihr Ehemann, der die Technik managt.

„In der Form, wie wir das heute machen, war das nie geplant. Vor sieben Jahren sprangen wir mal ein, als eine andere Veranstaltung in einem Seniorenheim hier in der Nähe ausfiel.“ Gleich zur ersten kleinen Show kamen 82 Besucher. Dabei war eigentlich nur für 50 Personen Platz. So ging es immer weiter. Petra Quermann und Gatte schmissen ihre Jobs, traten mittlerweile schon vor über 500 Leuten auf. Bis zu 160 Mal im Jahr laden beide zu bunten Erinnerungen an Heinz Quermann ein.

Von den vom Vater entdeckten Stars gefiel Petra Quermann Karel Gott am besten. Dabei hatte „Heinz, der Quermann“ bei dem Prager mal im Scherz prognostiziert: „Junge, du kannst ja richtig singen. Aus dir wird nie ein Schlagersänger!“. Heinz Quermann konnte aber auch ungemütlich werden, wenn einer mal nicht spurte. So bei einem bulgarischen Sänger, der laut Tochter Petra eine knappe Stunde zu spät zur Probe erschien. „Der durfte gleich seine Koffer packen“, erinnert sich die Hoppegartenerin. Als der Bulgare fragte, man wisse wohl nicht, was er für ein gefeierter Balkan-Star sei, soll Quermann entgegnet haben: „Das interessiert mich einen Scheißdreck.“

Abends nach der Gala erschienen Vater und (die schon erwachsene) Tochter oft im Hotel und alle fragten sich: „Was ist denn das für eine attraktive blonde Schnecke, die heimliche Freundin?“, zitiert Petra Quermann Hotelgäste. Die Familie amüsierte sich – vor allem Quermanns Ehefrau Ruth Peter (eine frühere Rundfunksprecherin), die zehn Meter hinter ihren Schützlingen ins Hotel einmarschierte. Seinen letzten großen Auftritt hatte Heinz Quermann bei der Verleihung der „Goldenen Henne“ im Jahr 2000.

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