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Anne Kasprik
Trotz des Erfolgs immer auf dem Teppich geblieben

MOZ / 13.12.2018, 15:24 Uhr
Frankfurt (Oder) ([]) Von Jens Rümmler

Nervöse Brummi-Fahrer, Staus am Gewerbegebiet und hektisches Treiben im Stadtkern: Im quirligen Teltow tobt Montagmittag das pralle Leben. Doch keine drei Autominuten später erreicht man Kleinmachnows ruhige Seitenstraßen. In einer davon wohnt Anne Kasprik, mit Mitte 50 eine der Jüngsten unter den früheren DDR-Schauspielstars. Überhaupt weist ihr Heimatort eine hohe Promidichte auf. Kleinmachnow ist so eine Art märkisches Malibu, nur ohne Hügel und die Sonne Kaliforniens.

Am Gartentor bittet Anne Kasprik höflich ins Einfamilienhaus. Im Original wirkt sie viel zierlicher als auf der Leinwand. Gerade erschien ihr erstes Buch „Ich aus dem Osten“ (Verlag neues leben). Und als „Ostpflanze“ sehen Fans Kasprik bis heute. Dabei zierte sich die gebürtige Berlinerin vorm Buchprojekt: „Für eine Biografie ist es viel zu früh und die Ost-West-Nummer war mir nicht geheuer. Ich bin Europa, nicht Ost oder West.“ Das ist eine Anspielung auf verschiedene Drehorte, aber auch auf Ehemann Oren Schmuckler, ein Israeli.

Doch beim Stöbern in Erinnerungen, dem Studium alter Filme und Gesprächen mit „Tante Renate aus Berlin“ kam Anne Kasprik doch auf den Geschmack, wie sie sagt. „Eigentlich rase ich immer nach vorn. Aber 30 Jahre Mauerfall im November 2019 sind auch ein Anlass zur Rückschau.“ Erstes Fazit: Das hohe schauspielerische Level, das Anne Kasprik schon zur Wende erreichte, hielt die Mimin bis zum heutigen Tag. Als die DDR 1989 unterging, wies ihr Portfolio bereits 30 Film- und Fernsehproduktionen auf.

Schon als Abiturientin spielte Kasprik Theater. Mit ihrer offenen Art und den wachen grünen Augen eroberte sie schnell ein gesamtdeutsches Publikum. Sie dinnierte mit Billy Wilder, drehte mit Hildegard Knef, Bud Spencer und Terence Hill. Letzteren ließ sie vorm ersten Treffen mal eine Woche warten – um sich besser vorbereiten zu können. Das erwies sich als übertrieben, denn Hill – in dem Fall Regisseur des Italo-Westerns „Die Troublemaker“ – hatte sich unter hunderten Darstellerinnen längst für Anne Kasprik entschieden. „Das ging ohne viel Tamtam. Terence hasst Castings.“ Die Ansicht von Terence Hill (der als Mario Girotti im sächsischen Lommatsch aufwuchs) zum Thema Casting gibt Kasprik im Buch wieder: „Die Schauspieler seien aufgeregt und nervös, die Leute drumherum ebenfalls, das wäre eine Ausnahmesituation und würde kein realistisches Bild von den tatsächlichen Fähigkeiten bieten.“

Auch was den Schauspieler-Beruf angeht, nimmt die Märkerin im Buch und im Gespräch mit unserer Zeitung kein Blatt vor den Mund. Jeder, der wolle, dürfe sich heute Schauspieler nennen. Geschützt sei der Berufstitel nicht. „Mitunter erfährt das hübsche Näschen den Vorzug gegenüber einer richtigen Nase“, heißt es im Buch. Früher habe man dagegen vor dem Studium die Spreu vom Weizen getrennt. „Heute gilt: Jeder, der zahlt, kann eine private Schauspielschule besuchen. Die Schulen müssen überleben und sorgen sich nicht wegen des Überangebots.“ Das Ergebnis seien aktuell rund 15000 Darsteller im Land. Deren Einkünfte hätten sich laut Schauspielergewerkschaft BFFS in den letzten zehn Jahren halbiert. Etliche Akteure müssten Zweitjobs annehmen oder Hartz IV beziehen, so Kasprik.

Auch sie selbst erlebte den eigenen Worten nach solche Zeiten. Doch vor allem durch ihre fundierte Schauspiel-Ausbildung an der renommierten Berliner Hochschule „Ernst Busch“ war sie zur Wende gut aufgestellt, so Kasprik, Tochter des bekannten DDR-Regisseurs Hans-Joachim Kasprzik (das „irritierende z“ im Namen ließ sie 1990 tilgen). Schon zur Wende ergriff die Mutter eines Sohns die Initiative und klopfte bei Produzenten an – obwohl Selbstvermarktung bis heute nicht ihr Ding ist, wie sie sagt. Aufmerksamkeit erzeuge sie lieber mit schauspielerischer Leistung oder eben auch mit einem Buch. Von Homestorys und TV-Spielshows drücke sie sich eher. „Ich habe noch nie einen Journalisten angerufen, um in Haus, Hof und Garten Geschichten zu inszenieren“, so die Kleinmachnowerin.

Privat sei privat – das gelte auch beim Sonntagsfrühstück, schmunzelt die beliebte Mimin. Zum Morgenmahl gehören zwei Cappuccinos, Tomatensaft und ein kleiner Joghurt. Vor 15 Uhr verspüre sie dann selten wieder Hunger, ist zu erfahren. „Im Hotel frühstücke ich dagegen wie‘n Kerl, richtig deftig mit Rüherei, Gouda und Leberwurst“, so die charismatische Filmkünstlerin. In der freien Zeit erkundet sie mit ihrem Mann gern Potsdam, spaziert um den Heiligen See oder wandert zwischen Wannsee und Stölpchensee. „Natürlich kehren wir auch gern ein, beispielsweise im Bad Saarower „Bootshaus“. Bleibt etwas mehr Zeit, geht’s hoch an die Ostsee.“ Dass Anne Kasprik ihre Heimat liebt, spürt man, wenn sie davon schwärmt. Mit Köln, wo sie zeitweise lebte, sei sie dagegen nie warm geworden.

„Ich aus dem Osten“ liest sich im „Nullkommanichts“ weg. Die Lektüre besteht aus kurzen Episoden. Der Leser erfährt etwa, wie Kasprik Schauspielkollege Günter Schubert in einer „Polizeiruf“-Folge mal unabsichtlich ohrfeigte. „Das war so nicht geplant – ich aber richtig in Rage. „Schubi“ spielte einen Vergewaltiger, ich lieferte mir mit ihm als Unterleutnant Görz einen Kampf.“ Vor allem Ost-Lesern dürfte vieles in den Storys vertraut vorkommen, u.a. auch Redewendungen. So berichtet Anne Kasprik von Dingen, die „die Härte sind“ und von „Alu-Chips“ (DDR-Mark). Vor allem aber sind es Geschichten von einer aufrechten und reflektierenden Frau, die trotz des Erfolgs immer auf dem Teppich blieb.

Sie habe nie alles auf eine Karte gesetzt, sonst stünde sie im Filmgeschäft heute woanders. Familie und Freunde waren ihr wichtiger, als jeden Job anzunehmen, so Anne Kasprik. Dabei lief auch einiges schief: Gleich die erste Theaterpremiere fiel ins Wasser, weil eine Darstellerin im Stück „Frau Jenny Treibel“ sturzbetrunken zur Vorstellung erschien. Ihre erste TV-Serie „Einzug ins Paradies“ wurde erst später ausgestrahlt und nach dem „Troublemaker“-Dreh in Santa Fe blieben Rollenangebote in Hollywood aus. Für den James-Bond-Film „Spectre“ sei sie zwar gecastet, aber nicht besetzt worden. Resümee im Buch: „All das habe ich ohne Schaden überlebt. Und ich bin glücklich. Im kommenden Jahr feiere ich Silberhochzeit.“

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