Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Tilmann Bünz
Zwischen Kurischer Nehrung und Lettlands Küste

29.03.2019, 13:44 Uhr - Aktualisiert 29.03.2019, 14:04
Frankfurt (Oder) Von Jens Rümmler

Weiße Sommernächte, winzige Schäreninseln, Kälte und Polarlichter im Winter sowie das vielerorts entspannte Lebensgefühl der Menschen: Der Norden Europas hat es Tilmann Bünz angetan. Viele kennen ihn von der ARD – fürs Fernsehen liefert er seit mehr als zwei Jahrzehnten Berichte und Reportagen: "Mein Einsatzgebiet lag zwischen Grönland und Estland, ein absoluter Traumjob", so der Journalist, der heute vor allem in Stockholm und anderen skandinavischen Hauptstädten als Korrespondent arbeitet. Seine große Liebe gilt Schweden, wo er viele Monate im Jahr mit der Familie auf einer Schäreninsel lebt.

Vor einem Jahr schwang sich Tilmann Bünz in den Sattel, um einige seiner Sehnsuchtsorte per Rad zu erkunden. Diesmal ging es aber nicht an den äußersten europäischen Nordrand. Seine Tour führte ihn vielmehr in den westlichen Ostseeraum. Er strampelte zwischen Kurischer Nehrung und Riga, entlang einer Küste, die offenbar immer noch im Dornröschenschlaf liegt. Seine Reiseerlebnisse gibt nun das Buch "Wo die Ostsee Westsee heißt – Baltikum für Anfänger" (btb Verlag) wieder. Die Lektüre entführt in eine der schönsten Ecken des Kontinents, die viele von uns kaum kennen. Bünz beschreibt darin Land und Leute sowie deren Lebensumstände knapp 30 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zwischen Ost und West. Das Buch gewährt aber auch einen Blick in den Spiegel der Geschichte, etwa in die Historie des früheren Ostpreußens oder Königsbergs (heute "Kaliningrad"). Lesenswert sind allein schon die Erinnerung an Thomas Manns Jahre in Nidden auf der Kurischen Nehrung. Bis zu seiner Emigration aus Nazi-Deutschland 1933 bewohnte der große deutsche Schriftsteller hier ein Sommerhaus. Bünz‘ Buch ist aber auch eine Liebeserklärung an die traumhaft schöne Landschaft einer gerade entstehenden Reiseregion.

Was die drei baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland betrifft, beeindruckt Tilmann Bünz bis heute, wie sie ihre Unabhängigkeit von der früheren Sowjetunion erreichten: "Wie David gegen Goliath haben sie die Sowjets 1989 aus dem Land gesungen – mit Liedern und Gebeten, ohne Gewalt." Apropos: Musik sei allen drei Ländern wichtig. Hier gibt es immerhin mehr Dirigenten als Generäle, betont der Buchautor. Doch Unterschiede sieht er auch: "Esten machen am meisten Tempo. Letten gehen gerne in den Wald und schweigen eine Runde. Litauer basteln und aus drei Unfallautos entsteht ein Neuwagen", erklärt Tilmann Bünz mit einem Lächeln.

Privat würde der gebürtige Hamburger aber mit Schweden nicht tauschen, wie er sagt: "Ich wollte schon als Junge nach Schweden ziehen. In meinen Träumen war das die bessere Welt", so der Reporter, der für sein Buch ein Sabbatjahr beim Fernsehen nahm. Ein ostdeutscher Kumpel habe ihm mal erklärt: Wenn der Sozialismus funktioniert hätte, dann hätte es so ausgesehen wie in Schweden. Seine Lieblingsgegend sei der Schärengarten, die 30 000 Inseln und Inselchen vor Stockholm. "Dort wohnen ganzjährig rund 10 000 Menschen. Jeder hat also drei Inseln für sich", rechnet Bünz vor.

Der mag besonders die weißen Sommernächte der Schären, den weiten Himmel aber auch die Rehe im eigenen Garten, die sich dort so selbstverständlich aufhalten, als seien sie die Bewohner. Dass auf schwedischen Autobahnen keine Rennen gefahren werden und sich im Land alle duzen, liege ihm aber genauso. Was den gesamten Ostseeraum betrifft, so zählt er die dänische Südsee sowie "Hiddensee im Winter" zu seinen Favoriten.

Beim Sonntagsfrühstück gebe es keinen Unterschied, ob es im heimischen Hamburg oder am zweiten Wohnsitz in Schweden eingenommen wird: "Sonntags esse ich gern ein fünf Minuten gekochtes Ei mit Kaviar, der Kaviar für drei Euro das Gläschen. Dazu gibt es ein Laugenbrötchen. Erst trinke ich Tee, später auch Kaffee." In Schweden komme der Kaviar aus der Tube und statt Laugenbrötchen steht Knäckebrot auf dem Tisch, berichtet Tilmann Bünz.

Von Berlin kenne er vor allem das Regierungsviertel, auch Standort des ARD-Hauptstadtstudios. "Als junger Reporter bin ich hier 1993 noch durch weite Sandflächen von der Schadowstraße bis zum Lützowufer gelaufen", staunt der 61-Jährige über die Entwicklung rund um den Reichstag. Ansonsten kommt er in Berlin nicht so viel rum. Bleibt doch mal Zeit, schwimme er in Müggel- oder Wannsee. Schöne Gewässer gebe es aber auch im Märkischen: In Brandenburg kennt er eigenen Angaben nach Wandlitz, Werder und Kyritz an der Knatter.

Auslandseinsätze führten Tilmann Bünz in viele Ecken der Welt – von Tokio bis nach Washington. Auch das habe er genossen, weil er es spannend fand. "Ich bin immer noch gern Reporter nach all den Jahren. Man lernt, mit kleinem Gepäck zu reisen und nicht lange zu fackeln, wenn ein Einsatz kommt." Egal, wohin ihn die ARD schickte – ob Terroranschlag in Stockholm oder Geiselnahme auf den Philippinen: Geklagt habe er darüber nie. Denn nichts sei faszinierender als die Wirklichkeit, zitiert der Fernsehjournalist den Schriftsteller und Reporter Egon Erwin Kisch (1885 - 1948). Kehrt er zurück nach Hamburg, könne er Heimat intensiv spüren. Bünz: "Ich liebe meine Heimatstadt und schlafe gern im eigenen Bett. Aber nach einer Weile werde ich auch unruhig", schmunzelt der ARD-Mann. Erden würde ihn bei all der Reiserei vor allem die Familie. Das sind Ehefrau Jutta und die beiden Kinder Carlotta und Philipp.

Zum journalistischen Kontrastprogramm zählt sein früheres Buch über die Niederlande, das auf den ersten Blick nicht zum Portfolio des Schreibers passt. Tilmann Bünz erklärt die Hintergründe: "Ich habe als junger Mann 18 Monate in Amsterdam gearbeitet – als Freiwilliger der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste statt zur Bundeswehr zu gehen. Das war 1982. Seither ist dort viel passiert." Der Autor wollte herausfinden, was aus dem "Mutterland der Toleranz" geworden ist. Für die Zukunft hat sich Tilmann Bünz noch einige Reisen vorgenommen – beruflich und privat. Die nächste dienstliche Tour führt den engagierten Reporter zum Sängerfest in die lettische Hauptstadt Riga. "Das ist für einen Dokumentarfilm für NDR und Schweizer Fernsehen über das Thema 100 Jahre Baltische Staaten."

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG