Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Thomas Mees
Der Arbeitslose mit Kind

MOZ / 24.04.2019, 18:06 Uhr
Neuenhagen Von Jens Rümmler

Im schicken Mantel und mit Hut, Sohn Ulrich im Kinderwagen oder an der Hand: So schlenderte Hans Fallada vormittags durch Neuenhagen. Im Einspänner war der große Dichter in der Gegend aber auch zu sehen. In Neuenhagen galt er nur als "Der Arbeitslose mit Kind". Denn als andere arbeiteten, schien Fallada Müßiggänger zu sein. Was keiner ahnte: Genau zu dieser Zeit, im Jahr 1931, schrieb der Schriftsteller von Weltrang in nur 16 Wochen seinen großen Erfolgsroman "Kleiner Mann – was nun?"

"Hans Fallada war Frühaufsteher, brachte Ideen und Romane oft schon ab fünf Uhr morgens zu Papier. Vormittags ging er mit seinem kleinen Murkel raus zum Spaziergang. Ehefrau Suse machte den Haushalt", erfahren wir von Thomas Mees, mit der Materie bestens vertraut. Er befasst sich nicht nur seit 40 Jahren mit Fallada. Der frühere Kulturamtsleiter Neuenhagens schlüpft auch regelmäßig in die Montur des Schriftstellers, um mit Interessierten an dessen Wohn- und Wirkungsstätten entlangzuspazieren. Von 1930 bis 1932 lebte Hans Fallada, eigentlich Rudolf Ditzen, im Ort. Die Kleider, die Thomas Mees während des zweistündigen Rundgangs trägt, stammen übrigens aus dem Fundus des früheren Deutschen Fernsehfunks in Adlershof.

Beim zweistündigen Rundgang geht’s vom Bahnhof aus zum früheren "Rennstall Schlenderhan", vorbei am einstigen Wohnhaus im Falladaring 10 sowie auf Straßen entlang, auf denen auch der Schriftsteller spazierte. Der Dichter selbst erinnerte sich einmal so an seine Vormittagsrunden: "Jeden Morgen, wenn Suse den Hausstand besorgte, zog ich mit meinem Sohn im Kinderwagen los. Er lag drin (…) und sah mit seinen blauen Augen in den blauen Himmel. Ich schob den Wagen durch Altenhagen, ich schob ihn durch Neuenhagen, ich schob ihn durch Bollensdorf, durch Hoppegarten, ich schob ihn bis Altlandsberg. Überall tauchten wir auf: Der Kinderwagen und ich, wir gehörten zum Straßenbild der Gegend." (aus "Damals bei uns daheim")

Im Kolonialwarengeschäft "Carl Möser" (gegenüber dem heutigen Klub "Arche") hörte Suse das erste Mal, wie man vom "Arbeitslosen mit Kind" tuschelte. "Raus ins Grüne zog Fallada, um den Versuchungen der Großstadt Berlin besser zu widerstehen. 120 Zigaretten am Tag, Kaffee als Aufputschmittel und abendliche Kneipenbesuche, etwa in der "Mulackritze", waren bei Fallada ganz normal", berichtet Thomas Mees über den Tagesablauf des gebürtigen Greifswalders. Der Umzug nach Neuenhagen zeigte die gewünschte Wirkung. Die Jahre 1930 bis 1932 gehörten nach Aussagen des Dichters zu seiner "glücklichsten Zeit".

Schon 1929 offerierte die Siedlungsgesellschaft "Stadt und Land" Eigenheime und Mietwohnungen in Gartenhäusern – nur 12 Minuten vom Bahnhof Neuenhagen entfernt. Fallada beschreibt seine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in einem Brief an die Eltern: "Man kommt durch einen Vorbau auf einen kleinen Vorplatz, die einzige Tür führt in das Wohn- und Speisezimmer. Ganz geräumig, aber nicht sehr groß. Wie eben alles ein bisschen Puppenhaus ist. (…) Ich glaube, wir dürfen zufrieden sein." Zur kleinen Wohnung gehört auch ein Garten: "Bereits im ersten Sommer brachten die sechs Tomatenpflanzen fast einen Zentner Ernte ein", zitiert Thomas Mees Fallada.

Die Geschichten und Storys sprudeln aus ihm nur so heraus. Besonders der ehrliche Erzählstil des Dichters habe es ihm angetan. "Fallada war immer nah dran am Geschehen, beschrieb das Leben mit allen Höhen und Tiefen. Dabei lieferte er nie Kitsch", betont der gebürtige Thüringer. So erlangten u.a. auch "Jeder stirbt für sich allein", "Wolf unter Wölfen" oder "Der Trinker" Weltruhm. "Ohne seine Frau Suse, bürgerlich Anna Ditzen, wäre dieser Erfolg jedoch nicht möglich gewesen. Von Beginn an war sie wichtige Beraterin und Korrektorin. In Haushaltsdingen hielt sie Fallada den Rücken frei", so Thomas Mees.

Auch nach der Scheidung von Hans Fallada 1944 sowie nach dessen Tod 1947 in Berlin-Pankow engagiert sich Anna Ditzen für die Gemeinschaft im späteren Wohnort Carwitz und wird geschätzte Gesprächspartnerin bei der Aufarbeitung des literarischen Nachlasses. Lebenstüchtig ließ sie sich später in Feldberg ein eigenes Häuschen errichten. Die Neuenhagener Bibliothek trägt seit 2012 ihren Namen. Hier arbeitet heute Thomas Mees in der Buchpflege. Der sympathische Berliner rettet mit viel Aufwand alte Schmöker vor dem Verfall und richtete in der Bücherei eine Fallada-Gedenkecke ein. Bis heute halte der Kontakt zum letzten lebenden Sohn des Schriftstellers, Achim. Eine Neuenhagener Grundschule trägt den Name "Hans Fallada", im Theatron am Rathausplatz sitzt der Autor in Bronze gegossen als Skulptur.

Über das Band "Schauplätze der Weltliteratur" entdeckte Thomas Mees 1979 "die Klasse" Falladas. "Das war ein geschmuggeltes West-Buch", verrät der Mit-Sechziger augenzwinkernd. Im Hauptberuf arbeitete er da gerade als Bühnentechniker im alten Friedrichstadtpalast, erlebte hier Promis unterschiedlicher Genres, darunter Ella Fitzgerald und Udo Jürgens.

Wenn er sich privat nicht mit Fallada beschäftigt, liest er gern oder besucht Schwimmbäder. "Vier- bis fünfmal in der Woche ziehe ich in Berlin-Kaulsdorf oder Marzahn meine Bahnen. Aber immer ganz auf locker", lächelt der gebürtige Weimarer. Sein Sonntagsfrühstück lässt er sich gemeinsam mit Frau Christiane im heimischen Mahlsdorf schmecken. Dazu gehören seinen Worten nach u.a. eine "Müsli-Kraftschale", Vollkornbrötchen, Aronia-Saft und eine halbe Pampelmuse.

Übrigens ist Thomas Mees nicht nur als Hans Fallada unterwegs. In Buckow mimt er auf geführten Spazierrunden auch Bertolt Brecht. Auch der große Dramatiker hat es ihm angetan, so Mees, der Brechts Muse Käthe Reichel (1926 – 2012) noch persönlich kennenlernte. Natürlich weiß der Berliner auch, dass sich Fallada an der Geldsammlung für Brecht beteiligte, als der 1933 vor den Nazis flüchtete. "Verleger Peter Suhrkamp versteckte Brecht noch eine Nacht bei sich, ehe der Lyriker vom Anhalter Bahnhof aus Deutschland verließ."

Derzeit prüft die Gemeinde, ob aus der früheren Wohnung Falladas ein literarischer Gedächtnisort wird. Der original erhaltene Fußboden, die Terrasse mit altem Zementputz und Geländer sind in erstaunlich gutem Zustand. Nach dem Auszug des Schriftstellers 1932 lebten hier nur wenige andere Mietparteien.

Fallada-Führungen nach Voranmeldung: 03342/80435 (Bibliothek Neuenhagen bei Thomas Mees.)

Jeden 3. Sonntag im Monat Brecht-Führung ab 12.30 Uhr am Tor des Brecht-Weigel-Hauses Buckow oder nach Anmeldung zum Wunschtermin (10 Euro).

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG