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Peter Berthold
Flug durch Deutschlands Vogelwelt

MOZ / 01.07.2019, 13:32 Uhr - Aktualisiert 02.07.2019, 16:25
Frankfurt (Oder) Von Jens Rümmler

"Wenn die Nachtigall verstummt, geht ganz Deutschland schwer vermummt." Udo Lindenbergs doppeldeutig gemeinte Liedzeile war schon vor Jahren auch Fingerzeig auf Artensterben in unserer heimischen Vogelwelt. Etliche Piepmätze, die wir noch aus Kindertagen kennen, verschwanden längst von der Bildfläche. Rund 80 Prozent der Vogelarten ging der Region des heutigen Bundesgebiets seit Beginn des 19. Jahrhunderts verloren. "Von etwa 300 Millionen Vogelbrutpaaren blieben 60 Millionen Paare übrig", mahnt Professor Dr. Peter Berthold, Deutschlands bekanntester Vogelkundler. Sein kürzlich erschienener Bildband "Unsere einzigartige Vogelwelt: Die Vielfalt der Arten und warum sie in Gefahr ist" (Frederking & Thaler) ist ein eindringlicher Weckruf.

Gleichzeitig zeigt die Lektüre, wie reich und vielgestaltig unsere Vogelwelt immer noch ist: Über 250 Arten zählen Ornithologen aktuell. In Folge der Klimaerwärmung wandern bzw. fliegen sogar neue Arten ein. Auch strengere Schutzmaßnahmen zeigen ihre Wirkung. "Kranich, Uhu und Seeadler geht es beispielsweise wieder besser", sagt Peter Berthold. Unmittelbar vom Aussterben bedroht seien dagegen Großtrappe, Auerhuhn und Uferschnepfe", so der Süddeutsche.

Der mehrfache Buchautor ("Jeder Gemeinde ihr Biotop") lehnte das neue Buchprojekt ursprünglich ab, ist im Interview zu erfahren. "Doch dann sah ich die beeindruckenden Bilder von Naturfotograf Konrad Wothe und dachte, das müssen wir machen." Der Bildband zeigt nunmehr alle heimischen Arten in typischer Flugbewegung oder Position. Peter Berthold steuerte kurze und verständliche Texte bei. "In der Kürze liegt bekanntlich die Würze. Aber einfach war es nicht, mich in der Textlänge zu disziplinieren", lächelt der gebürtige Zittauer. Etwa ein halbes Jahr lang sichtete er rund 10000 Bilder, um eine entsprechende Auswahl zu treffen und Beiträge zu verfassen.

Heraus kam ein beeindruckendes Vogel-Bilderbuch, das mit Kurztexten ein Nachschlagewerk für Fachkundige sowie für ornithologische Laien ist. Auf 225 Seiten kritisiert der Autor aber auch "Land-Zerwirtschaftung" und Naturraubbau. Sein Werk ist ein Muss für jeden Natur- und Vogelfreund.

Dass Peter Berthold selbst einer ist, versteht sich von selbst. "Maßgeblich trugen Oma und Opa dazu bei. Schon morgens um vier Uhr spazierten wir manchmal in einen Park, um der Morgenmelodie unserer Vögel zu lauschen. Als ich Kind war, wohnten wir am Zittauer Stadtrand", erinnert sich der 80-Jährige, der heute in Baden-Württemberg lebt. In seiner Familie hätten zwar nie Akademiker, dafür ausgesprochene Naturliebhaber gelebt. In Sachsen hatte Berthold auch sein Schlüsselerlebnis in Sachen Vogelkunde: "Anfang der 1950er Jahre entdeckte ich in meiner früheren Heimat eine von der Vogelwarte Radolfzell beringte Kohlmeise. Radolfzell lag im damaligen Westdeutschland", blickt der Träger des Bundesverdienstkreuz am Bande zurück.

Da war noch nicht daran zu denken, dass Berthold die Vogelwarte Radolfzell am Max-Planck-Institut für Ornithologie selbst einmal leiten würde.. Als Beringer startete er in der Radolfzeller Station 16-jährig seine große Karriere. Später hielt er engen Kontakt zu den Koryphäen seines Fachs auf der ganzen Welt. Dazu zählt er auch Berlins legendären Tierparkdirektor Professor Dr. Dr. Heinrich Dathe (1910 - 1991). Der Vogelzug verband Ost und West. "Unsere gefiederte Freunde halten sich bekanntlich nicht an Staatsgrenzen", lächelt der bärtige Mann. Westlich der Elbe zeigten Ornithologen u.a. großes Interesse an Seeadlern in ostdeutschen Gefilden, da diese Tiere in der alten BRD als ausgestorben galten.

Verwandte hat Peter Berthold im Osten heute nicht mehr, wie er etwas unvermittelt sagt. Mitte der 1950er Jahre sei er mit der Mutter aus der DDR ausgewandert. "Aber um die fünfmal im Jahr bin ich heute in Berlin, u.a. um an Tagungen teilzunehmen", erklärt der agile Senior. Kürzlich besuchte er die Zittauer Festveranstaltung "100 Jahre Vogelkunde in Sachsen". Dann berichtet Berthold lebendig von dienstlichen Stippvisiten u.a. in Alaska, Afrika, Neuseeland und in der früheren Sowjetunion. Tagelang sei er damals mit dem Zug vom Westen in den Osten des Landes gefahren. "Da begriffen wir die unfassbare Weite dieses Staatsgebildes", zeigt sich der Ornithologe, einst Dozent an der Uni Konstanz, fasziniert.

Seine erste Dienstreise hinter den "Eisernen Vorhang" ging seiner Aussage nach 1974 ins damals sowjetische Tallin. "Die Einreise funktionierte nur mit dem Schiff von Helsinki aus. Wir wurden etliche Male kontrolliert. Meine Güte, war das ein Akt." Dafür habe er bei der Rücktour mit gefälschten Papieren Waren ausgeführt. Wer die Genehmigungen fälschte und was "ausgeführt" wurde, sagt Peter Berthold lieber nicht.

Das Thema Reisen sei für ihn heute erledigt. Mit seiner Ehefrau zeltete er einst in Afrika – in Reservaten mit Löwen und Hyänen. Mallorca, Ibiza und Co tut er sich ohnehin nicht mehr an: Zu laut, zu voll und das Publikum ... "Bloß nicht! Mit dem Thema sind wir durch."

Deutschlands Vogelpapst nimmt im Gespräch kein Blatt vor den Mund. Im Alter könne man sich leisten, zu sagen, was man denkt! Viel lieber verbringe er beispielsweise den Sonntagmorgen am Bodensee oder in dessen Nähe – mit einem guten Kaffee und dem Blick zum Himmel. Und dass nicht nur, wenn Wandervögel ziehen. Zum Abend hin tauscht Peter Berthold den Kaffee gern gegen einen guten Rotwein, wie er sagt. Überhaupt sei er heute am liebsten in seiner Wahlheimat. Sein Tipp: "Lernt auch die eigene Gegend kennen, statt ausschließlich um die Welt zu düsen." Einen Lieblingsort außerhalb Deutschlands nennt der Vogelkundler aber dennoch: Madeiras Inselhauptstadt Funchal. "Dort krähen frühmorgens die Hähne. Für eine Stadt dieser Größe finde ich das einzigartig."

Zum Schluss hebt der Professor noch einmal mahnend die Hand. Die maßlose "Zerwirtschaftung" der Vogelwelt zeige: "Wir sind nahe daran, unsere Überlebensversicherung, ein dynamisch-stabiles Ökosystem, ungezügelter Hab- und Raffgier zu opfern. Unsere derzeitige Position ist höchst aufregend: Wir stehen hart am Abgrund, könnten aber noch umkehren und unsere Situation wieder deutlich verbessern." Noch hätten Tier- und Pflanzenbestände die Kraft zur Regenerierung!

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