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Angy Eiter
Das Klettern und die Heimat im Herzen

18.09.2019, 15:58 Uhr
Frankfurt (Oder) Von Christiane Flechtner

Nur eine Lücke von wenigen Millimetern oder ein winzigkleiner Absatz im Fels – doch für Angela Eiter reicht dies aus, um Halt zu finden. Die Wand ist nahezu senkrecht, für Laien sieht sie komplett glatt aus. Doch die erfahrene Kletterin liest in dieser Wand wie in einem offenen Buch. Kleinste Vorsprünge, Ritzen oder Löcher am Berg reihen sich für sie wie einzelne Wörter aneinander und bilden den einen besonderen Satz: "Bis dort hinauf zu kommen, ist möglich!" Und so reibt sich die 32-Jährige, die von allen nur Angy genannt wird, die Hände mit Magnesiapulver ein und beginnt zu klettern.

Die österreichische Sportkletterin, die zu den Weltbesten in den Disziplinen Lead und Bouldern zählt, lebte als Kleinkind in Jerzens, dem Geburtsort ihrer Eltern. Im Alter von drei Jahren zog die Familie nach Arzl ins Pitztal. Mit dem Klettern begann Angy, als sie elf Jahre alt war. "Zuvor hatte mich mein Papa, der leidenschaftlicher Bergsteiger war, immer in die Berge mitgenommen", erinnert sie sich. Klettern sei zu dieser Zeit noch wenig bekannt gewesen. "Doch als ich dann die Kletterschule in Imst besuchte, fing meine Leidenschaft fürs Klettern an"", erinnert sie sich.

Imst liegt im Oberinntal ganz im Westen Tirols, wo Ötztaler, Stubaier und Lechtaler Alpen die markante Kulisse bilden. Der Imster Hausberg Muttekopf hat bereits 2.750 Meter auf dem Buckel, und ringsum wachsen die Dreitausender in den Himmel. Mit mehr als 3.000 Kletterrouten und einer der höchsten Kletterhallen Österreichs ist Imst quasi zum "Climber’s Paradise" aufgestiegen.

"Ich entdeckte die Region Imst als meine Heimat für den Klettersport, wo ich groß geworden bin und immer noch mein Training in der Kletterhalle oder am Felsen ausübe", erklärt sie. "Mein liebster Platz ist die idyllische Landschaft des Muttekopfgebietes. Dort gehe ich wandern oder klettern und tanke meine emotionalen Energien auf. Ich liebe es, in die Welt zu reisen, um verschiedene Gegenden zu erforschen. Dennoch freue ich mich jedes Mal, wenn ich wieder in meine Heimatregion Imst zurückkehre." Zum Klettern bevorzugt sie Kalkstein: "Da habe ich als kleine Person genügend Griff- und Trittmöglichkeiten", erklärt sie.

Und wenn sie zum Klettern zu ihrem "Hausberg", den Muttekopf" hinaufgeht, begrüßt sie auf dem Weg nach oben am neu eröffneten Almzoo die Ziegen und Esel und kehrt nach ihrer Klettertour des Öfteren in die Latschenhütte von Waltraud Nothdurfter ein. Die Hütte am Fuße von Plattein und Muttekopf auf 1.635 Metern Seehöhe wurde 1932 von Albert und Rudolf Nothdurfter als Latschenbrennerei gebaut. Bis 1953 erzeugten die beiden hier das ätherische Öl der Latschenkiefer, das als Einreibung bei Erkältungskrankheiten und rheumatischen Beschwerden angewendet wird. Danach wurde die Brennerei in eine Schutzhütte ausgebaut und bewirtschaftet. Frisch verheiratet mit Peter Nothdurfter, zog die damals 27-jährige Waltraud im Jahr 1971 mit ihrem Mann auf die Latschenhütte und bewirtet seitdem Gäste aus aller Welt. Ob Franzosen, Italiener, Briten oder Deutsche – sie alle genießen die Gastfreundschaft der heute 73-Jährigen. Großer Beliebtheit erfreut sich ihr "Süßer Hüttenschmarren". Die Wirtin bereitet ihn nach einem alten überlieferten Bauernrezept zu. "Anfangs hatten wir noch keinen Strom. Licht wurde mit Petroleumlampen erzeugt, geheizt und gekocht wurde mit Gas und Holz", erinnert sie sich. Vieles hat sich seitdem verändert, aber eines nicht: "Den Herd heize ich auch heute noch mit Holz an, was dem Essen eine ganz besondere Note."

Die Umgebung rund um Imst hat aber noch mehr zu bieten, so auch tolle Rad- und Wanderwege im Gurgltal. Bei einer Radtour lässt sich die Landschaft wunderbar erradeln. Los geht es vom Hotel Hirschen mit E-Bikes auf der Via Claudia Augusta und dem Radwanderweg Gurgltal rund 20 Kilometer durch Felder. Nach einem Stopp am Bergbaumuseum "Knappenwelt Gurgltal" geht es weiter in Richtung Nassereith und dann hoch zum Fernsteinsee. Von dort geht es nach einem Fotostopp zurück zum Hotel.

Ortswechsel: In der Kletterhalle in Imst warten alle schon gespannt auf die Kletterikone, die heute und hier blutjunge Anfänger in die Kletterkunst einweisen wird. Wie wird sie sein? Streng? Ungeduldig? Doch als die junge Frau mit den blonden Haaren um die Ecke biegt, sich lachend eine Strähne aus dem Gesicht streicht und ihre Kletterschüler begrüßt, verschwinden Ängste und Zweifel. Das 1,54 Meter große Energiebündel erklärt ausführlich, worauf es beim Klettern ankommt, und zeigt die ersten Handgriffe. "Sicherheit geht immer vor", sagt sie, legt Gurte an und befestigt Seile mit Haken an der 20 Meter hohen Kletterwand. Die Teilnehmer sind begeistert – nicht nur von ihren eigenen Kletterfortschritten, sondern von der kleinen Frau, die nur aus Muskeln und unbändiger Energie zu bestehen scheint.

Angy Eiter hat eigentlich alles erreicht, wovon Klettersportler nur träumen können: So ist sie unter anderem viermalige Weltmeisterin und dreifache Weltcupgesamtsiegerin in der Disziplin Vorstieg, erreichte 2006 einen Weltcupgesamtsieg im Bouldern und Vorstieg und war 2010 Europameisterin in der Disziplin Lead.

2013 beendete sie ihre Wettkampfkarriere. Seither widmet sie sich überaus erfolgreich dem Felsklettern. Sie ist die erste Frau, der drei Routen im UIAA-Schwierigkeitsgrad 11 gelangen. Als ihr größtes Handicap beim Felsklettern bezeichnet Angela Eiter ihre zu kleine Körpergröße, denn aus diesem Grund würden ihr bestimmte Routen verwehrt bleiben – insbesondere dann, wenn sie von Männern eingerichtet wurden. "Aufgeben war für mich allerdings nur die allerletzte Option", erklärt Angy. "Vielmehr habe ich immer versucht, Lösungen und andere Wege zu finden."  Ganz nach dem Motto "geht nicht gibt’s nicht" hat sie Dinge erreicht, die unmöglich schienen. Den größten Erfolg im Felsklettern hat die Klettersportlerin im Oktober 2017 erreicht: Angy ist die erste Frau weltweit, die im Sportklettern mit "La Planta de Shiva" in Andalusien eine Route im französischen Schwierigkeitsgrad 9b bezwungen hat. Das Sportklettern inspiriert und fasziniert sie durch seine Vielfalt. Keine Route ist wie die andere und jede gibt ihre eigenen Rätsel auf. Kletterrouten sind wie Bücher, denn man muss "zwischen den Zügen" lesen können und herausfinden, welche Bewegungen oder Griff- und Trittkombinationen verlangt werden. So war es auch bei der schwierigen Route in Andaulsien: In mühsamer Kleinstarbeit hat sich die ambitionierte Kletterin alle Ritzen und Felsvorsprünge wie ein Puzzle zu Hause an der Kletterwand nachgebaut und diese immer wieder erklettert – mit Erfolg.

Sie inspiriert andere nicht nur durch ihre Siege, sondern vor allem durch ihre Leidenschaft am Klettersport, auch andere junge Mädchen und Jungen, mit dem Klettern zu beginnen. In einer eigenen Kletterschule, die sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Bernie Ruech eröffnet hat, gibt sie ihr Wissen weiter. "Ich habe nicht nur mein Können, sondern auch viel Herzblut in die Schule hineingesteckt, denn das Klettern ist eben mein Leben.

Weitere Infos unter www.angelaeiter.com

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