Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Wolfgang Lippert
Entertainer unter den Vogelkundlern

29.11.2019, 16:06 Uhr - Aktualisiert 29.11.2019, 16:21
Berlin Von Jens Rümmler

Er heißt Wolfgang Lippert und wird von seinen Freunden "Lippi" gerufen. Allerdings singt er nicht "Erna kommt" und moderiert auch keine MDR-Nostalgie-Sendungen. Dafür kennt Wolfgang Lippert den Vogelgesang nahezu aller heimischen Arten. Wie sein Namensvetter "Lippi"  gilt er in seinem Metier als Star. Der Diplom-Biologe, Tierfilmer und Fotograf ist ein bundesweit angesehener Zoologe und Vogelkundler. Unter dem legendären Heinrich Dathe arbeitete er im Tierpark Berlin-Friedrichsfelde, setzte für das Ost-Fernsehformat "Tierpark-Teletreff" seine tierischen Schützlinge in Szene und drehte für DEFA und DDR-Fernsehen Naturfilme. Mit dem westdeutschen Tierarzt und Verhaltensforscher Bernhard Grzimek fachsimpelte der gebürtige Nordrhein-Westfale über Zootiere, mit Heinz Sielmann fuhr er im Trabi durch die DDR. "Diese Kontakte waren für uns im Tierpark ganz normal", betont Wolfgang Lippert.

Zu seinem Namensvetter hat der 81-Jährige gleich eine Geschichte parat. "Vor rund 35 Jahren war ich der einzige Wolfgang Lippert, der im Ostberliner Telefonbuch stand. Fans dachten, es handelt sich um Schlager-Lippi und schrieben an meine Adresse", erinnert sich der rüstige Naturschützer. Der kannte die Privatadresse des Sängers von seiner Adlershofer Fernseharbeit. "Also habe ich die Poststapel weitergeleitet", amüsiert er sich.

Doch das ist für den agilen Senior, der in der Altmark bei Stendal aufwuchs und später an der Humboldt-Uni DDR-Dissident Robert-Havemann kennenlernte, nur eine Randnotiz. Seine Metiers heißen Freilandbiologie, Umweltschutz und vor allem Ornithologie. Aus dem Stand berichtet Lippert über Kiebitz und Kranich, über "kriminelle Elstern" und "rabiate Reiher". "Ich wusste immer, wo welche Vögel im Osten Deutschlands leben", so der Mann, der nach dem Kriegstod des Vaters bei seinem Opa aufwuchs.

2019 streift Wolfgang Lippert eigenen Angaben nach im 68. Jahr durch Flora und Fauna. Bei Führungen und in Vorträgen erklärt er Vogelstimmen und Balzverhalten von Großvögeln und Piepmätzen. Das alles klingt nach einem schönen Arbeitsleben in freier Natur. Doch einfach und locker ging es bei Lippert selten zu. Als er 1961 nach seinem Biologie-Studium in Halle an die Humboldt-Uni Berlin kommt und dort später Sympathie für die Thesen von Dissident Robert Havemann bekundet, ist seine offizielle Bildungslaufbahn beendet.

Doch Heinrich Dathe, der legendäre Tierparkdirektor, holt den Fachmann 1965 in sein Tierreich. "Ich wurde dort wissenschaftlicher Mitarbeiter, speziell Kurator für Säugetiere", blickt der Köpenicker zurück. Da er gut fotografieren und filmen konnte, steigt er bei Dathe binnen kurzer Zeit zum Verantwortlichen für Film- und Fernsehaufzeichnungen aus dem Tierbereich auf. "Über 14 Jahre arbeitete ich für die Sendung ‚Tierpark-Teletreff‘ des Ost-Fernsehens." Lippert schrieb Drehbücher und lieferte spektakuläre Kameraeinstellungen, ohne jemals eine Journalisten- oder Kameraausbildung absolviert zu haben.

Lippert, der ohne Punkt und Komma reden kann und locker von einem Thema zum nächsten springt, erinnert sich an die Fachsimpelei mit Tierfilmer Bernhard Grzimek über dessen Bücher und Dokus. "Heinz Sielmann saß nicht nur auf meiner Couch. Dieser Riesenklotz von Mensch zwängte sich auch in meinen Trabi und freute sich riesig, mal in einer echten Rennpappe zu sitzen." Mit dem Gefährt fuhren Lippert und Sielmann zur Großtrappen-Beobachtung nach Mittenwalde (Dahme-Spreewald). Als sich beide aus dem Trabant schälen, trauen die Bauern einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft ihren Augen nicht."Das waren die erstauntesten Gesichter, die ich je sah."

Lippert erinnert sich aber auch an "Pionierleistungen" des Tierparks Friedrichsfelde, wie die Infrarot-Beobachtung von Tieren, etwa bei Geburten von Bären und Mähnenwölfen. "Diese erste spezielle Anlage stammte aus dem ‚Werk für Fernsehelektronik Berlin‘." Mit Tierparkchef Dathe kam er gut klar, wie Lippert sagt. "Wenn allerdings etwas nicht lief oder Ungenauigkeiten auftraten, konnte er auch richtig fuchsig werden", so der Diplom-Biologe, der eigenen Angaben nach in der DDR nicht promovieren durfte und nach der Wende im Berliner Senat für Stadtentwicklung und Umweltschutz arbeitete.

1979 wechselte Wolfgang Lippert vom Tierpark zum DDR-Fernsehen. Hier wirkte er an der Produktion von 18 Tier- und Naturschutzfilmen mit. "1984 ging ich als Fachredakteur zum Deutschen Bauernverlag, zur Zeitschrift ‚Garten und Kleintierzucht‘." Seiner früheren Heimat, der Altmark, blieb der Tausendsassa in all den Jahren treu. Bis heute findet man den Ornithologen als Gutachter bei Naturschutzaktivitäten und Vogelzählungen. Für den Nabu habe er mal 100 Kilometer rechts und links der Elbe Flächen kartiert, ein Aufwand, den heute kaum noch einer betreibt.

Auch als Rentner bleibt der Wahl-Berliner der Freiland-Biologie verbunden – mit Fotogerät, Stativ und Fernglas. Als Buchautor ("Warum der Fuchs die Altmark mag", Rainer-Große-Verlag) machte sich Lippert zuletzt einen Namen. Gerade arbeitet der umtriebige Berliner für einen Bio-Landwirtschaftsbetrieb in Neu Zittau (Oder-Spree). Hier geht es um Bodenbrüter, die im Einklang mit Rinderbeweidung leben. Das sei eine "tolle Sache", die aber mit Intensiv-Beweidung bzw. Massentierhaltung nicht funktioniere, seufzt Wolfgang Lippert.

Aufregen kann sich der Nestor der ostdeutschen Freilandbiologie auch im 82. Lebensjahr: beispielsweise über Lobbyisten und Bürokraten, die eine Umstellung der Landwirtschaft auf "Bio" seiner Ansicht nach verhinderten. "Unsere Agrarbehörden sind unfähig, Bio-Landwirtschaft zuzulassen, damit Bio-Diversität, also eine biologische Vielfalt, gelingt", moniert Lippert. Die Politik könne oder wolle nicht begreifen, dass man mit Naturschutz kein Geld verdienen kann. Gewinnmaximierung sei heute anscheinend das einzige Ziel. "Ich mache mir große Sorgen, denn unsere Kinder und Kindeskinder müssen von der Politik angerichtete Schäden ausbaden. Wenn der Mensch nicht umdenkt, schafft er sich selbst ab!"

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG