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Anja Walczak
Humor ist für mich die beste Medizin

17.04.2020, 08:43 Uhr - Aktualisiert 17.04.2020, 08:56
Frankfurt (Oder) Von Jens Rümmler

Stress im Alltag, Terminhatz im Beruf. Privatleben? Fehlanzeige! Bis irgendwann die Quittung kommt: Ärzte stellen der MDR-Reporterin Anja Walczak vor 14 Jahren die erschütternde Diagnose: Hirntumor. Ihr Leben auf der Überholspur scheint von einem auf den anderen Tag vorbei zu sein. Doch die taffe Journalistin springt dem Tod gleich zweimal von der Schippe. Ihren Weg zurück ins Leben beschreibt die Hallenserin mit einer gehörigen Portion Galgenhumor im Buch "Feinde in meinem Kopf" (nymphenburger). Die Lektüre ist nicht das X-te Betroffenheits-Sachbuch, sondern ein echter Mutmacher.

Wie man Krankheiten und Krisen meistern kann – Anja Walczak macht es vor. "Humor ist für mich dabei die beste Medizin", sagt die Frau aus der Saalestadt lächelnd. Ihre Erfahrung der letzten Jahre: "Oft sind Menschen mit schweren Erkrankungen die lustigsten. Vielleicht, weil ihnen bewusst wird, dass ihre Lebenszeit endlich ist. Das ist eine positive Nebenwirkung von Krankheiten", betont Anja Walczak. Pessimismus bringe gar nichts, außer Verdruss und Lethargie.

Auf die lange Bank schiebt sie scheinbar nichts mehr. Interviewtermin mit dem Märkischen Sonntag? Gern, aber nicht irgendwann, sondern übermorgen. Treffpunkt ist auf halber Strecke zwischen Halle und Ostbrandenburg in Bad Belzig. Dunkle warme Augen strahlen Reporter und Besucher im gemütlichen Café an. Keiner würde auf die Idee kommen, dass diese Frau mal schwer krank war.

Ein epileptischer Anfall im Supermarkt stürzte Anja Walczak Ende 2005 in die Krise. Auslöser war ein faustgroßer Tumor im Kopf, gutartig, wie Ärzte ihr sagten. "Nach der geglückten OP konnte ich lange Zeit keine Sätze zu Ende sprechen, geschweige denn rechnen. Ich verstand die Handlung einfach gestrickter Fernsehserien nicht mehr", blickt die heute 46-Jährige zurück. Wenn sie eine Zeitungsnachricht las, wusste sie am Ende nicht mehr, wie die Meldung begonnen hatte.

Acht Jahre später wiederholt sich der Alptraum: Diesmal finden Mediziner gleich acht Kopf-Tumore, die per OP und Chemotherapie entfernt werden. Als die studierte Journalistin der Verzweiflung nahe ist und sie auch ihr Humor verlässt, bringt ein Klinikerlebnis die Wende: "Als ich mich in endlosen Krankenhausgängen verlief, lächelte mich hinter einer Glastür plötzlich ein Kind an. Es hatte keine Haare und ich begriff sofort: Ich bin auf der Kinderkrebsstation gelandet. Mein erster Gedanke: Wenn es dieses Kind schafft zu lächeln, dann bist du es ihm schuldig zurückzulächeln. Wir lächeln uns zu und das gibt soviel Kraft."

Im Bad Belziger Café auf Burg Eisenhardt ist es mucksmäuschenstill. Die Frau, die soviel Herzenswärme ausstrahlt, beeindruckt offenbar auch andere Gäste. Nach einem Stück Blaubeerkuchen beschreibt Anja Walczak ihre wichtigste Waffe im Kampf gegen den Tumor: Galgenhumor. "Mir hat es immer geholfen, böse Worte in gute zu verwandeln. Ich sagte beispielsweise nie, ich gehe zur Bestrahlung, sondern ins Sonnenstudio."

Amüsieren kann sie sich auch über die Putzfrau im Krankenhaus. "Als sie mal wieder durch unser Vierbettzimmer wirbelte, gab ich ihr zu verstehen, dass ich mit ihr nicht tauschen möchte. Sie konterte, dass sie auch nicht in meiner Haut stecken wolle. Als ich sie fragte, ob sie kein Zuhause hat, weil sie ständig hier sei, kam von ihr umgehend die Gegenfrage. Diese Putzfrau war im Krankenhaus mein Seelsorger."

Anja Walczak stellt im Buch klar, dass sie ihre Erkrankung noch vor ein paar Jahrzehnten nicht überlebt hätte. "Ohne Schulmedizin geht es nicht und ich bin sehr dankbar, welche Möglichkeiten wir hier in Deutschland haben", erklärt die Autorin. Doch im Gesundheitssektor tummeln sich auch schwarze Schafe, wie Walczak deutlich macht. Etliche Mediziner würden erstaunlich unsensibel mit Patienten umgehen, andere ließen Berufsethos vermissen. Resümee der Journalistin: "Tabletten sind nicht das Maß aller Dinge, Ärzte auch nicht!"

Beim Fernsehsender MDR macht sie heute weniger: statt 120 Prozent nur noch 80 Prozent, wie Anja Walczak erklärt. Sie sei damit zufrieden, Kollegen und Fernseh-Zuschauer sind es anscheinend auch. Zwei Tagen Stress lässt sie in der Regel zwei ruhige Tage folgen, sagt die Frau, die ihr früheres Pensum für die Tumore mitverantwortlich macht. Auch unnützen Freizeitstress und Erlebnisdruck habe sie aus ihrem Leben verbannt. Ausflüge, Abenteuer, Shopping und Partys? Alles zu seiner Zeit, aber nicht mehr nonstop. "Da spiele ich lieber mit Freunden Rommè oder nehme ein gutes Buch zur Hand. Ich muss nicht mehr auf allen Hochzeiten tanzen – höchstens auf meiner eigenen", lässt die Buchautorin wieder ihren typischen Humor aufblitzen. Sie spielt auf ihren langjährigen Partner Michael an, den sie kürzlich im Leuchtturm von Kap Arkona auf der Insel Rügen heiratete. Danach gab‘s zwei Fischbrötchen und einen herrlichen Strandspaziergang. Remmidemmi und Party brauchten die Fernsehreporterin und der Zeitungsredakteur nicht. Schon lange vor der Vermählung stand für Anja Walczak fest: "Wenn dich ein Mann trotz Haarausfall und Riesennarbe am Kopf liebt, muss er der Richtige sein."

Angst vor dem Tod hat Anja Walczak nach eigener Aussage nicht. "Ich habe schon bis jetzt gut gelebt und meine Zeit genutzt. Das kann ich bereits im 47. Lebensjahr sagen", so die studierte Journalistin, die auf Krebsaktionstagen anderen Menschen Mut macht. Statussymbole müsse sie nicht sammeln, da sie die am Lebensende ohnehin nicht mitnehmen könne. Ihre Botschaft: "Du brauchst nicht Millionär zu werden. Du brauchst Gesundheit." Unter Druck setzt sich Anja Walczak deshalb längst nicht mehr.

In die Bundeshauptstadt sowie ins brandenburgische Umland kommt die frühere Redakteurin von "Radio Brocken" sehr gern: "Berlin ist so groß und facettenreich, da finden wir immer etwas Neues. Ein Sonntagsfrühstück auf dem Berliner Fernsehturm ist aber obligatorisch, der Spaziergang durchs Brandenburger Tor und Unter den Linden ebenso." Quartier nehmen die Walczaks gern in Brandenburg, beispielsweise im Hotel an der Woltersdorfer Schleuse. Mit dabei ist fast immer Hund Arthus. Von dem Golden Retriever hat sich Anja Walczak etwas Wichtiges abgeguckt: "Ein Hund lebt im Moment. Er denkt nicht, was gestern war oder was morgen ist. Er freut sich, wenn es ihm gut geht. Jetzt." So macht es auch die Hallenserin. Anja Walczak lebt wieder los.

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