Sigrid Nikutta wirkt so schnell wie ein Hochgeschwindigkeitszug. Die neue Chefin der Berliner BVG hält sich an kein Tempolimit. Die erste Frau in diesem Amt will viel bewegen und keine Zeit verlieren. Seit viereinhalb Monaten gibt die 41-Jährige als Vorstandsvorsitzende an der Spitze eines der größten Verkehrsbetriebe Europas ordentlich Gas. Im Schnellgang plant die Mutter dreier kleiner Kinder, das bisher defizitäre Unternehmen in die schwarzen Zahlen zu fahren sowie die Sicherheit, den Service und das Image drastisch zu verbessern. Eine Mammutaufgabe.
Tempo gibt Sigrid Nikutta auch beim Interviewtermin vor, bei einer gemeinsamen Fahrt mit der U 55. Eine Stunde hat die viel beschäftigte Geschäftsfrau, deren Arbeitstag meistens um 6 Uhr morgens beginnt, in ihrem prall gefüllten Terminkalender dafür frei geräumt. Effektiv, wie sie ist, kommt sie direkt zur Sache.
„Ich bin in Polen geboren, genauer an der masurischen Seenplatte in Szczytno, zu Deutsch Ortelsburg“, erzählt Sigrid Nikutta. Kurz nach ihrer Geburt zog es ihre Eltern, wie viele Spätaussiedler, nach Deutschland. Seitdem ist eine tiefe Sehnsucht in der Familie geblieben. „Ich habe eine ganz hohe Affinität zu Polen. Mich faszinieren das Land, die Bevölkerung und meine Herkunft“, schwärmt Sigrid Nikutta, und ihre Augen leuchten. Wie immer, wenn sie von dem Nachbarland spricht, in dem sie noch bis vor Kurzem für DB Schenker, einer Tochter der Deutschen Bahn, gearbeitet hat.
„Leider haben mir meine Eltern die Sprache nie beigebracht. Das haben wir schon oft bereut, da ich mir meine rudimentären Polnisch-Kenntnisse später sehr mühevoll aneignen musste“, erzählt die BVG-Chefin. Oft schon ist sie im Urlaub mit ihrer Familie und mit ihrem Mann an den Ursprung zurück gekehrt. „Mein Mann war neugierig auf das Land. Für ihn hatte Polen zuerst einen hohen Exoten-Faktor. Er war dann völlig begeistert, auch weil wir Glück mit dem Wetter hatten und wir zwei Wochen auf der masurischen Seenplatte paddeln konnten. Das war ein Traum.“
Als bei DB Schenker dann ein Job in Polen frei wurde, hob Sigrid Nikutta prompt die Hand. Und sofort schwappten ihr etliche Vorurteile entgegen. „Die Leute haben mich gewarnt. Du wirst auf der Straße als Deutsche überfallen. Es kam das ganze Spektrum.“
Als sie später von ihren positiven Erfahrungen berichtete, waren alle überrascht. „Wenn ich erzählte, dass die polnischen Supermärkte wie in Deutschland sind, sogar die Preise – nur mit dem Unterschied, dass ein polnischer Mitarbeiter deutlich weniger verdient?–, war die Verwunderung groß. Erst recht, als ich Nahrungsmittel mitbrachte. Ich bin ein absoluter Fan von Piroggi, den gefüllten Teigtaschen. Die gab es bei uns auch, wenn Gäste zum Essen da waren. Die haben sich gewundert: Wie, so etwas gibt es in Polen?“
Solche Berührungsängste hatte Nikutta, die an der Universität Bielefeld Psychologie studierte, nie. „Ich habe Polen als sehr offen, gastfreundlich und herzlich wahrgenommen. Angenehm war auch das große Interesse, die Teilhabe der Mitarbeiter an meiner Familie. Das ist im deutschen Berufsalltag ein eher sekundäres Thema.“
Überraschungen im Berufsalltag gab es natürlich auch dort. „Der gravierendste Unterschied, und das würde man nicht vermuten, ist, dass ich Polen als deutlich bürokratischer wahrgenommen habe als Deutschland. Ohne Unterschrift und Stempel geht da gar nichts. Der Stempel ist total wichtig“, sagt die BVG-Chefin lachend. Fasziniert hat sie, wie die Handwerker alte russische Lokomotiven, für die es kaum Ersatzteile gab, mit einer „unglaublichen Kreativität“ wieder flott bekamen.
Flott machen will die neue Firmenlenkerin auch „den großen Tanker“ BVG mit den „fast 13 000 Mitarbeitern“ und den bisher 922 Millionen Fahrgästen. „Eine Milliarde Fahrgäste ist das Ziel, zudem wollen wir bis 2016 in unserer Bilanz die schwarze Null erreichen“, gibt sich Sigrid Nikutta ehrgeizig.
Die Frau weiß, was sie will. Und auch, wie sie es bekommt. Das wissen mittlerweile auch ihre überwiegend männlichen Mitarbeiter. „Wenn ich anfangs mit großen und kräftigen Kollegen den Raum betrat, wurde ich häufig für die Assistentin gehalten. Das löste sich dann aber schnell auf.“ Die Managerin lacht. „Das meint niemand böse, so ist das Rollenverständnis.“ Sie hat mit ihrem Mann die „Rollen getauscht“. Der Computerfachmann ist zu Hause und kümmert sich um die Kinder (ein, drei und sieben Jahre).
Sigrid Nikutta, die im Gespräch kumpelhaft und bodenständig wirkt, gibt offen zu, „Macht“ zu wollen, weil sie etwas bewegen will. „Ich wollte nie diese typischen Frauenthemen wie Personalarbeit und Personalentwicklung machen. Die Macht in Unternehmen liegt oft in technischen Bereichen“, weiß die BVG-Vorstandsvorsitzende, die kleine handwerkliche Arbeiten durchaus selber erledigen kann.
Sie, die sich selbst als rational beschreibt, hat es nach ganz oben geschafft. Auch wenn sie dafür oft „sicher härter arbeiten musste, als ich das als Mann hätte machen müssen. Wenn Kinder da sind, bleibt die Mama zu Hause. So sind wir sozialisiert, das ist die Erwartungshaltung. Als Frau musst du dich permanent beweisen. Hallo, ich habe Kinder, aber ich arbeite, ich möchte weiterkommen und ich gehe nicht um 16?Uhr nach Hause“, sagt die Karrierefrau. Einen Mann in ähnlicher Position würde dagegen niemand fragen, wie er das mit den drei Kindern macht.
Sigrid Nikutta versucht, beides zu meistern. An einem „perfekten Tag“ schafft sie es zum Abendessen nach Hause und bringt die Kinder ins Bett.
War sie früher noch gegen eine Frauenquote, könnte sie sich eine Quote auf Zeit heute durchaus vorstellen, um den Frauen-Anteil im Management zu erhöhen. „Wenn 52 Prozent Abiturienten weiblich, aber nur zwei bis drei Prozent der Vorstände in Unternehmen weiblich sind, dann passiert etwas auf dem Weg. Das muss sich ändern. Das ist angesichts des demografischen Wandels auch ökonomisch notwendig. Und auf Kompetenz kommt es immer an.“ Auch bei der BVG soll der „kleine“ Frauen-Anteil von 17 Prozent nach Wunsch der neuen Chefin kräftig wachsen. „Wir suchen aktiv Frauen für technische Berufe und für die Ausbildung. Die Anzahl der Bewerbungen von Mädchen für technische Berufe ist in diesem Jahr schon doppelt so hoch wie noch im letzten Jahr“, freut sich Sigrid Nikutta.
Meist fährt sie mit der Bahn aus Biesdorf (OT von Marzahn-Hellersdorf), wo die Familie jetzt wohnt, zum Arbeitsplatz an der Jannowitzbrücke. Und kommt dabei auch am Bahnhof Lichtenberg vorbei, wo es kürzlich zu einem Überfall auf zwei Männer kam. „Hier ist die BVG zum Tatort geworden. Das ist schlimm. Dennoch zeigt unsere Video-Überwachung Wirkung. Die Täter wurden aufgrund der Aufzeichnungen schnell geschnappt.“ Und sie hofft, dass dadurch weitere Vorfälle verhindert, potenzielle Täter abgeschreckt werden.
Schließlich hat sie ein großes Ziel. „Wir wollen die BVG hipp machen. Es soll cool sein, BVG zu fahren. Das Angebot der BVG in Berlin ist sensationell, das müssen wir mehr rausstellen. Und noch mehr in die Sicherheit, den Service und die Sauberkeit investieren“, kündigt die Chefin der Busse und Bahnen an.
Die Neu-Berlinerin ist selbst schon viele Strecken der BVG abgefahren. Um sich ein Bild zu machen. Und um die Stadt und die neue Umgebung besser kennen zu lernen. „Wir haben uns Jahreskarten für den Berliner Zoo, das Aquarium und den Tierpark besorgt.“
Erst einmal müssen jetzt aber die Kisten ausgepackt werden. „Und wenn wir hier heimisch sind, dann fahren wir mit den Kindern in den Urlaub nach Polen“, freut sich Sigrid Nikutta.