Als Geschäftsfrau Ruth führt sie ein wohlgeordnetes und vielleicht etwas zu kontrolliertes Leben in New York. Sie kann nicht begreifen, dass ihr Vater Edek, vor wenigen Wochen erst von Melbourne zu ihr nach New York gezogen, weit davon entfernt ist, einen ruhigen Lebensabend verbringen zu wollen. Lebensabend scheint überhaupt der völlig falsche Begriff für den munteren über 80-Jährigen zu sein, der sich erst in Ruths Büro nützlich zu machen versucht und damit heilloses Chaos anrichtet und wenig später auch noch ein Verhältnis mit der, wie Ruth findet, viel zu jungen attraktiven Polin Zofia beginnt. Und damit nicht genug: Zusammen mit Zofia will Edek zum Entsetzen seiner Tochter ein "Klopse"- Restaurant eröffnen.
Das ist die Geschichte, mit der Ulrike Folkerts derzeit Abend für Abend auf der Bühne des Theaters am Kurfürstendamm steht. Wir haben uns nach einer Probe mit der 55-Jährigen verabredet. Obwohl nur noch wenige Stunden bis zur Premiere sind, ist der Schauspielerin kaum etwas von Lampenfieber anzumerken. Mit Rucksack, in Jeans und Herbstjacke kommt sie flotten Schrittes von der Bühne. Sie gießt sich ein Wasser ein, will erst einmal runterkommen vom Probenstress. "Theater ist eben doch was ganz anderes als Fernsehen", meint die Schauspielerin. "Auf der Bühne lernt man viel mehr von sich kennen, kann ein Stück von Anfang bis Ende gestalten, auch mal eigene Akzente setzen. Und das jeden Abend von Neuem. Beim Fernsehen spielen sie ja nur einzelne Szenen, die dann am Schluss zusammengefügt werden."
Trotzdem ist sich Ulrike Folkerts darüber im Klaren, dass sie ihre große Popularität natürlich dem Fernsehen verdankt. Heute ist sie Deutschlands dienstälteste Tatort-Kommissarin, spielte in mehr als 60 Folgen. Und sie hofft, dass Publikum und TV-Macher sie noch möglichst in der Rolle der Lena Odenthal sehen wollen. Denn Tatort macht ihr Spaß. "Er klebt wie ein Kaugummi an mir", sagt sie. "Gerade mal 28 Jahre war ich alt, als man mir die Rolle der Tatort-Kommissarin angeboten hat. Ich war kurz zuvor erst nach Berlin gezogen, ohne zu ahnen, dass wenig später die Mauer fallen würde." Was für den Tatort damals zählte, war ein junges, unverbrauchtes Gesicht und vor allem eine Frau, die den alten Herren im Trenchcoat etwas entgegenzusetzen hatte. Zwar hat es mit Nicole Heesters und Karin Anselm auch zuvor einige weibliche Kommissare im Deutschen Fernsehen gegeben, doch die galten eher als die Ausnahme, als Exoten sogar.
Mit Lena Odenthal kommt plötzlich eine Frau in die Ermittlerriege, die der Verbrecherwelt auf sehr burschikose, energische Weise den Kampf ansagt. Da wird auch schon mal hingelangt, ausgeteilt. "Jetzt kommt der weibliche Schimanski" schrieben die Kritiker damals.
Die Rechnung ging auf: Zunächste etwas abwartend, dann mehr und mehr begeistert reagierte das Publikum auf Ulrike Folkerts "Lena Odenthal". Heute steht sie neben Maria Furtwängler , Jan Josef Liefers und Axel Prahl ganz oben auf der Beliebtheitsskala der Tatort-Kommissare.
Dass sie es einmal ganz an die Spitze der deutschen Schauspielstars schaffen würde, hätte sich die 1961 in Kassel geborene Frau anfangs nicht träumen lassen. Zwar hatte sie schon immer von der Schauspielerei geträumt, doch vom Elternhaus vorbelastet war sie in dieser Hinsicht nicht. Trotzdem machte sie ihren Traum wahr. Nach dem Abitur 1980 Studium der Theater- und Musikwissenschaft zog es sie zur praktischen Seite der Schauspielerei. An der Hochschule für Musik und Theater Hannover ließ sie sich von 1982 bis 1986 zur Schauspielerin ausbilden.
Zu jener Zeit lernte sie auch einen Kommilitonen kennen, der in ihrer späteren TV-Kommissars-Laufbahn noch einmal eine wichtige Rolle spielen sollte: Andreas Hoppe. "Als für unseren Tatort die Rolle eines Assistenten zu besetzen war, habe ich an Andreas gedacht und ihn gefragt, ob er sich nicht bewerben wolle", erinnert sich die Schauspielerin. Gesagt, getan. Andreas Hoppe kam zum Casting - und seither ist er der schräg-unkonventionelle TV-Ermittler Mario Kopper an der Seite von Lena Odenthal - seit 1996, beginnend mit dem Fall "Der kalte Tod". Odenthal und Kopper sind das ideale Fernsehpaar, wie viele finden.
Privat gehen die Interessen und Neigungen allerdings schon etwas auseinander. Während der gebürtige Berliner Andreas Hoppe sich in Dreh- oder Bühnenpausen gern in die Ruhe der Uckermark - seiner zweiten Wahlheimat - zurückzieht, liebt Ulrike Folkerts das pulsierende Leben in ihrem Kietz im Wedding. "Deshalb bin ich damals hierher gezogen, und das brauche ich bis heute", gesteht die Frau, die mit ihren 55 Jahren noch meilenweit entfernt scheint von der Zeit eines ruhigen, altersgerechten Lebens.
Sport gehört heute wie eh und je zu ihren liebsten Freizeitaktivitäten. Laufen, Kraftsport, Ausdauer - das gesamte Programm. Kein Gramm zuviel hat sie auf den Rippen. Schon früh in ihrer Karriere hatte sich Ulrike Folkers als Homosexuelle geoutet und nahm in Zuge dessen 1994, 1996 und 2002 an den Gay Games in New York, Berlin und Sydney teil. In Sydney konnte sie Bronze und Silber nach Deutschland bringen. 1999 war sie selber Jurorin bei den lesbisch-schwulen Grand Prix Cologne gewesen.
Ulrike Folkerts hat ein großes Herz und setzt sich aktiv für all jene ein, von denen sie meint, dass sie Hilfe und Fürsprache benötigen. Schon früh stritt sie öffentlich für die Rechte von Schwulen und Lesben. Im sozialen Bereich engagiert sich die Schauspielerin besonders für das Verbot von Landminen aller Art. Und sie setzt sich stark für behinderte Kinder ein - besonders jene, die unter dem Down-Syndrom leiden. Zudem ist sie als Botschafterin aktiv und half der burundikids e.V. tatkräftig bei dem Bau einer Schule für Straßenkinder und Kind-Soldaten. Im März 2005 reiste sie in die Hauptstadt Bujumbura, um sich dort ein aktuelles Bild über die Lage zu machen. 2007 erhielt sie für ihren Einsatz bei burundikids e.V. und dem Aktionsbündnis Landminen.de den Courage Preis. Ulrike Folkerts hat in zwei Fernsehwerbespots der Aktion "Deine Stimme gegen Armut" mitgewirkt, die sich für weltweite Armutsbekämpfung einsetzt. Das war vor dem G8-Gipfel in Heiligendamm 2007, und 2010 trat sie gemeinsam mit zwölf Schauspielerkollegen aus dem Tatort in einem Spot im Vorfeld des UN-Millennium-Gipfels auf.
Ein Blatt vor den Mund hat Ulrike Folkerts nie genommen. Sie ist bis heute eher unangepasst, aufbegehrend. Ganz das Gegenteil von der Rolle in dem Stück "Chuzpe", in der sie derzeit am Kurfürstendamm zu erleben ist. Dort ist sie die angepasste stets kontrollierte Geschäftsfrau, die Probleme mit den scheinbar so gar nicht konventionellen Vorstellungen und Wünschen ihres alten Vaters hat.
"Chuzpe" ist ein Stück über Väter und Töchter, polnische Küche und New Yorker Neurosen; eine Geschichte ernster Irrungen und komischer Wirrungen, erzählt mit einer sehr unterhaltsamen Mischung aus Witz, Wärme und Verstand.
Die Rolle der Ruth gefällt Ulrike Folkerts, wie sie nach ihrem erfolgreichen Berliner Bühnendebüt im "Tagesspiegel"-Interview bekannte: "Anfangs habe ich gedacht, diese Frau geht mir echt auf die Nerven. Dauernd ist sie auf Diät, zieht die Bremse, ist vorsichtig. Aber dann habe ich verstanden, warum Ruth diesen Tick hat. Die Eltern haben nie wirklich über den Holocaust geredet, aber sie will wissen, was passiert ist. Typisch nächste jüdische Generation, die fragt: Wie konnte es dazu kommen? Das will sie begreifen und hat eine diffuse Angst, dass das wieder passiert. Als ich das verstanden habe, konnte ich Ruth auch in ihrem Kontrollwahn mögen. Außerdem hat mich sehr berührt, wie ein Vater und eine Tochter wieder zusammenfinden. Vielleicht liegt das an meiner eigenen Geschichte. Ich habe meinen Vater gerade wiederentdeckt. Meine Eltern haben sich scheiden lassen, ich bin bei meiner Mutter geblieben und sah ihn nicht so oft. Deshalb reagiere ich da so sentimental. Ich finde es total schön, wenn sich eine Familie wieder zusammenrauft."
Das Stück "Chuzpe" von Lily Brett mit Ulrike Folkerts, Joachim Bliese, Angelika Bartsch, Monika Häckermann, Meike Harten und Rabea Lübbe läuft noch bis 22. Dezember 2016 im Theater am Kurfürstendamm in Berlin. Karten gibt es beim MOZ-Ticket-Service unter https://shop.moz.de/Tickets bzw. unter Tel. (0335) 66599558
Bernd Röseler