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Fußballfans wehren sich gegen NPD-Vereinnahmung

Fans des 1. FC Union Berlin brennen bei einem Auswärtsspiel in Hamburg im April dieses Jahres Feuerwerkskörper ab. Sie sind radikal und verlassen manchmal die Grenzen der Legalität, aber auf politische Unterstützung durch die NPD legen sie keinen Wert.
Fans des 1. FC Union Berlin brennen bei einem Auswärtsspiel in Hamburg im April dieses Jahres Feuerwerkskörper ab. Sie sind radikal und verlassen manchmal die Grenzen der Legalität, aber auf politische Unterstützung durch die NPD legen sie keinen Wert. © Foto: dpa
Mathias Hausding / 23.08.2016, 11:31 Uhr - Aktualisiert 23.08.2016, 11:52
Berlin (MOZ) Radikale Fußballfans haben in der Öffentlichkeit zumeist keinen guten Ruf, sind als Krawallmacher verschrien. Im Berliner Wahlkampf sucht nun die NPD die Nähe zur Szene. Fan-Vertreter reagieren empört.

Das Foto zeigt einen Mann auf einer Leiter, der hoch oben an einer Laterne ein Wahlplakat befestigt. "Pyrotechnik nicht kriminalisieren - Fankultur erhalten" steht drauf, darunter groß das Logo der NPD. Und das direkt vor der Alten Försterei, Heimat von Union Berlin. Der Zweitligist engagiert sich seit Jahren im Kampf gegen Rassismus.

Mehr Provokation geht kaum. Das wird auch Sebastian Schmidtke klar gewesen sein. Der Berliner NPD-Chef hat den Schnappschuss vor wenigen Tagen auf seiner Facebook-Seite gepostet. Die Reaktionen sind wütend: "Ausgerechnet ihr Penner fischt jetzt bei uns?", kommentiert ein Besucher des Portals. "Keiner will euch haben", fügt er hinzu.

Sig Zelt, Sprecher des bundesweiten Zusammenschlusses "ProFans", hat überlegt, ob er auf die NPD-Aktion reagiert und ihr damit zusätzlich Aufmerksamkeit verschafft, sich dann aber gemeinsam mit seinen Mitstreitern dafür entschieden, in die Offensive zu gehen. Köpenick sei mit diesen Plakaten regelrecht zugepflastert worden, vor allem der Weg vom S-Bahnhof Köpenick zum Stadion an der Alten Försterei. "Ich hatte die Sorge, dass da Menschen eine Verbindung ziehen, die es nicht gibt", sagt Zelt.

Die NPD habe mit ihrer seit einigen Wochen im Vorfeld der Berliner Abgeordnetenhauswahl laufenden Aktion nahezu wortgleich Ziele und Argumente einer Initiative von "ProFans" übernommen. "Dabei ist die Ultra-Szene in Deutschland überwiegend links. Wer bei uns Mitglied ist, muss sich einem antirassistischen Grundkonsens verpflichten", betont Zelt, seit dem Jahr 1966 Union-Fan.

Dass die NPD unter Fußballfans auf Stimmenfang geht, vor Stadien gezielt Flyer verteilt, gerade sich als unpolitisch verstehende junge Menschen umwirbt und nun sogar Slogans der aktiven Fanszene und Ultrabewegung nutzt, trifft "ProFans" an einer empfindlichen Stelle. Zum einen ist es um das gesellschaftliche Ansehen der Hardcore-Fans unter den Fußballanhängern ohnehin nicht besonders gut bestellt. Sobald es irgendwo Ausschreitungen gibt, wird die Szene gern unter Generalverdacht gestellt. Der Ruf, NPD-nah zu sein, würde alles noch schlimmer machen.

Zum anderen ist die Legalisierung von Pyrotechnik im Stadion tatsächlich seit Jahren ein großes Thema der Fans. "Wir sind damit bei allen politischen Parteien und dem DFB abgeblitzt, die Fußballfans hauptsächlich als Sicherheitsrisiko behandeln", bedauert Zelt. "Aber das heißt nicht, dass wir jetzt Unterstützung von der NPD wollen. Diesem Eindruck müssen wir entgegentreten."

Genau so unmissverständlich ist das in einer Pressemitteilung von "ProFans" formuliert, die jetzt als Reaktion auf die Berliner Plakataktion der NPD bundesweit Kreise zieht. "Alle Teile der Gesellschaft sind aufgerufen, in ihren Bereichen Widerstand zu leisten und Weltoffenheit, Mitmenschlichkeit und Toleranz zu verteidigen", heißt es darin. "Rechtsextremismus ist mit unserer Fankultur nicht vereinbar. Nazis und Rassisten sind Feinde unserer aktiven, kritischen, lautstarken und bunten Fankultur. Wer rechts wählt, wählt gegen unsere Fankultur."

Fragt man Sig Zelt, wie dieser Friedensappell zum zuweilen aggressiv anmutenden Auftreten mancher "Ultras" passt, ob "ProFans" überhaupt Rückhalt in der Szene hat, kommt er ins Erzählen. So sei bedauerlich, dass bei Konflikten die Perspektive jener Fans, die für eine von allen Seiten geschätzte Stimmung in den Stadion sorgen, zu kurz komme.

Er verweist auf zuweilen repressives Vorgehen der Polizei. "Da werden Auswärts-Fans bei der Ankunft auf dem Bahnhof sofort eingekesselt, können sich nicht mehr frei bewegen." Dies führe dazu, dass gemäßigte Leute wegbleiben oder nicht mit dem Zug, sondern mit dem Auto anreisen. Mögliche Folge davon sei, dass sich die Zusammensetzung der Gruppen bei Auswärtsfahrten ändert, eher Unvernünftige das Zepter schwingen.

Sig Zelt, der zu den deutlich älteren Fans gehört, gibt außerdem zu bedenken, dass man es bei der Ultrabewegung mit einer Jugendkultur zu tun habe, gelegentliche Grenzüberschreitungen inklusive. Wenn, wie im Mai dieses Jahres geschehen, Union-Fans auf der Rückfahrt von einem Spiel einen Regionalzug zerlegen, "ist das nicht zu tolerieren", so Zelt. Aber deshalb Restriktionen gegen alle Fans zu verhängen, sei der falsche Weg.

In besonderem Maße unverstanden fühlen sich die Fans beim Thema Pyrotechnik. Vor fünf Jahren hat der Deutsche Fußball-Bund Verhandlungen über eine Legalisierung abgebrochen. Ein herber Rückschlag für "ProFans". Seitdem hätten viele Gruppen die Lust an gemeinsamen Aktionen verloren. Die Initiative vereine nun noch etwa die Hälfte der Fan-Szenen von erster bis dritter Liga in Deutschland, sagt Zelt. Auch gegenseitige Animositäten, aber nicht politische Meinungsverschiedenheiten, seien der Grund dafür, dass zum Beispiel keine Gruppen aus Nürnberg und Stuttgart bei "ProFans" dabei sind.

Sig Zelt wünscht sich nach wie vor eine vorbehaltlose Diskussion über Pyrotechnik im Stadion. "Es sieht einfach sehr gut aus, spricht deshalb viele Leute an", ist er überzeugt. Wichtig seien Regeln: "Alles, was die Hand verlässt, gehört nicht ins Stadion." Das Schießen von Raketen in gegnerische Fanblöcke sei ebenso zu verurteilen wie das Werfen von Fackeln auf das Spielfeld. Auch auf die Herkunft der Erzeugnisse müsse man achten. "Ordentlich gemacht, ist das Abbrennen einer Seenotrettungsfackel ungefährlicher als das Anzünden von Wunderkerzen", beteuert Zelt.

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