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Haltestelle berät bei drohender Mietkündigung

Trainingswohnung statt Obdachlosenunterkunft

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Sonja Jenning / 12.07.2016, 19:17 Uhr
Fürstenwalde (MOZ) Die Zahl der Menschen, die in Fürstenwalde und Umgebung von Obdachlosigkeit bedroht sind und im sozialen Zentrum Haltestelle der Caritas Hilfe suchen, hat zugenommen. 20 Beratungen gab es allein in den ersten sechs Monaten des Jahres. Auch Familien mit Kindern sind betroffen.

"Jeder Fall ist besonders und für jeden einzelnen lohnt es sich zu kämpfen", sagt Ingrid Freninez, die Leiterin des sozialen Zentrums Haltestelle der Caritas in Fürstenwalde. 20 Mal hat sie in diesem Jahr Menschen beraten, denen der Verlust ihrer Wohnung und damit die Obdachlosigkeit drohen. Auffällig sei, so sagt sie, dass weniger Mietschulden sondern immer häufiger sogenanntes mietwidriges Verhalten wie Vernachlässigung oder Beschädigung der Wohnung oder Störung der Hausgemeinschaft dazu führten, dass Vermieter eine Kündigung aussprechen.

Aufgabe der Haltestelle sei es, die Betroffenen zu beraten, gemeinsam nach Lösungen zu suchen und Perspektiven zu erarbeiten. Drei völlig verwahrloste Wohnungen hat Ingrid Freninez in den vergangenen sechs Monaten gesehen. In zwei Fällen konnte sie die drohende Kündigung abwenden, ein Mal hat sie kapituliert. "Der Mann steht auf den ersten Blick mit beiden Beinen im Leben, geht einer täglichen Arbeit nach - doch mit allem anderen ist er überfordert", berichtet sie. Grund sei eine psychosomatische Erkrankung. Zwar sieht das Sozialgesetzbuch für solche Fälle Hilfe in besonderen Lebenslagen vor, doch deren Bewilligung erfordere einen "Riesenverwaltungsaufwand", der die Kraft der Betroffenen übersteige. Schlimmstenfalls führe der Weg direkt in die Obdachlosenunterkunft.

Das konnte im Fall einer alleinerziehenden Mutter mit vier Kindern verhindert werden. Nachbarn fühlten sich durch die Familie gestört, ein Wort gab das andere, bis das Mietverhältnis ins Wanken kam. "Mit dem neuen Vermieter haben wir ein sechsmonatiges Probewohnen vereinbart, das von uns begleitet wurde", berichtet Ingrid Freninez. Schon nach vier Monaten konnte sie die Familie abgeben, alle Auflagen des Vermieters waren erfüllt. Inzwischen habe die Wohnungswirtschaft (Wowi) signalisiert weitere "Trainingswohnungen" zur Verfügung zu stellen. "Das wäre ein Traum", sagt Ingrid Freninez, doch die Betreuung könne nicht im Ehrenamt erfolgen: "Wir brauchen eine neue Stelle und dafür brauchen wir eine Finanzierung." Eine Forderung, die sie in der vergangenen Woche vor den Mitgliedern des Kreis-Ausschusses für Soziales und Gesundheit formuliert hat.

551 Rat- und Hilfesuchende wurden im ersten Halbjahr 2016 in der Haltestelle gezählt. 341 kamen zur klassischen Sozialberatung. Viele haben Schulden bei ihrem Energieversorger, in den schlimmsten Fällen wurden Strom oder Gas bereits abgestellt. "Wir versuchen, eine Ratenzahlung oder einen Aufschub hinzubekommen, oder helfen dabei, ein Darlehen beim Jobcenter zu beantragen", sagt Ingrid Freninez. Ein weiteres Angebot ist das sogenannte Budget-Training, das derzeit in 34 Fällen erfolgt. 1380 Essensportionen wurden beim sozialen Mittagstisch zum kleinen Preis ausgegeben.

"Die Haltestelle ist seit 24 Jahren aktiv und ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen kann", bringt es Ingrid Freninez auf den Punkt, denn: "Uns gibt es nur, weil andere Probleme haben und Hilfe brauchen."

Sprechzeiten: täglich von 10 bis 12 Uhr oder nach Vereinbarung, Kontakt: 03361 590826 oder haltestelle-fuerstenwalde@caritas-brandenburg.de

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Trainingswohnung Ingrid Freninez Obdachlosenunterkunft Bettina Winkler Haltestelle

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