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Mixed Martial Arts
„American Football ist gefährlicher“

Mixed Martial Arts (MMA) ist den meisten aus dem Fernsehen ein Begriff und wieder sehr angesagt. Die Kampfkünste sind generell technisch sehr anspruchsvoll.
Mixed Martial Arts (MMA) ist den meisten aus dem Fernsehen ein Begriff und wieder sehr angesagt. Die Kampfkünste sind generell technisch sehr anspruchsvoll. © Foto: dpa/Ina Fassbender
Uwe Wuttke / 06.12.2018, 09:00 Uhr
Berlin (MOZ) Spektakuläre Käfig-Action gibt es am 8. Dezember in der Arena am Ostbahnhof zu bestaunen. Dann erwarten die Kampfsportfreunde bei der 44. Veranstaltung der deutschen Mixed-Martial-Arts-Serie WeloveMMA zwölf Kämpfe, darunter zwei Titelfights. Eine Frage schwingt immer mit: Wie gefährlich ist der Sport?

Die Stimme ist fest, aber leise. Mit seinen sanften, ruhigen Augen und dem gepflegten Vollbart würde Dustin Stoltzfus auch als Doktorant oder Ingenieur durchgehen. Aber wenn der gebürtige US-Amerikaner im Ring steht, der ein Oktagon (Achteck)-Käfig ist, ist von Sanftmut nichts mehr zu sehen und zu spüren. Dann lässt es der 27-Jährige krachen. Vorzugsweise am Körper seines Gegners. Stoltzfus ist Mixed-Martials-Arts-Kämpfer und Champion im Mittelgewicht der Kampfserie WeloveMMA.

Die gastiert am Sonnabend in der Arena am Ostbahnhof. Und Stoltzfus ist einer der Hauptkämpfer. Er verteidigt seinen Titel gegen Filip Zadruzynski aus München. Im zweiten großen Kampf unter zwölf Duellen treffen der Mainzer Weltergewichts-Champion Adrian Zeitner und Mick Mokoyoko aus Köln aufeinander.

Aber was ist MMA? Es ist eine Kombination aus Boxen, Kickboxen, Jiu Jitsu, Karate und Ringen. Genau darin liegt für Stoltzfus die Faszination. Er selbst habe in der Grundschule Ringen betrieben und mit 15 Jahren mit Karate angefangen. „Später habe ich eigentlich alles ausprobiert, selbst den brasilianischen Kampftanz Capoeira.“ Ende 2012 begann Stoltzfus mit MMA-Training an. „Ich habe einen Kampf gesehen und wusste, das wollte ich ausprobieren.“

Und er war schnell erfolgreich. In neun seiner bisher zehn Profikämpfe ging der Mann aus Lancaster (Pennsylvania) als Sieger aus dem Käfig. Zuletzt gelangen ihm sechs Erfolge in Serie, in denen er sich auch zum ersten WeloveMMA-Champion seiner Gewichtsklasse krönte und seinen Titel ein Jahr später gegen Roman Kapranov verteidigte. Die Stärke des 1,80 Meter langen Athleten ist aufgrund seiner Vielseitigkeit, die Fähigkeit, sich gut auf den jeweiligen Gegner einstellen zu können. „Man muss immer die eigene Stärke anschauen. Wo passen deine Stärken zu seinen Schwächen und wie kannst du die ausnutzen.“ Das heißt, wenn einer gut im Ringen ist und der Gegner ehemaliger Kickboxer, dann wird der Ringer versuchen, in den Bodenkampf zu kommen, während sein Kontrahent auf Distanz achtet.

Letztlich geht es bei MMA darum, den Gegner zur Aufgabe zu bringen. Oder bis er k. o. geht und der Ringrichter den Kampf abbricht. Auch ein Punktsieg ist möglich. „Ich versuche, den Gegner immer mit Schlägen anzuklingeln und dann mit einem Würgegriff im Bodenkampf zu besiegen“, gibt Stoltzfus freimütig taktische Einblicke. Nicht alles ist erlaubt. Die Regeln sind  streng. Zum Beispiel ist es verboten, den Gegner am Boden liegend mit Ellbogen oder Tritten in Richtung Kopf und Wirbelsäule zu traktieren. Auch Schläge auf den Hinterkopf muss der Ringrichter sofort unterbinden. Verletzungen gibt es dennoch häufig. Meist sind es allerdings nur Platzwunden und blaue Flecken.

„Brutalo-Sport ohne Regeln“ – der Vorwurf der Kritiker verfängt  bei den Athleten naturgemäß nicht. Auch Stoltzfus kann da nur lächeln. Für ihn ist MMA kein gefährlicher Sport. „Ich habe mich dabei nie wirklich verletzt.  American Football war deutlich gefährlicher. Da hatte ich ständig Probleme.“ Vor allem mit den Knien. Das hatte zur Folge, das ihm beimMMA-Training einmal als Spätfolge ein Meniskus riss.

In jedem Fall wird die Sportart  immer populärer. Private Studios schießen wie Pilze aus dem Waldboden empor. „In den USA hat die Sportart dank des Verbandes Ultimate Fighting Championship dem Boxen den Rang abgelaufen. Auch in Berlin gibt es schon 100 Kampfsportschulen, die MMA anbieten“, sagt Oliver Franke, der die deutsche Serie WeloveMMA, eine der größten in Europa, mit seiner Agentur betreut. Wie viele Kämpfer es in Deutschland gibt, weiß keiner so genau, weil es keinen offiziellen Verband gibt, sondern zahlreiche kommerzielle Anbieter.

Doch besitzen die Athleten nicht eine Vorbildfunktion? „Die Debatte um die Gewalttätigkeit von MMA ist eine vorgeschobene“, sagt Leo Istas von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Er forscht zu Mixed Martial Arts sowie dem Boxsport und ist einer der Experten auf dem Gebiet der Kampfkünste. „Die Sportler wissen, worauf sie sich einlassen. Sie entscheiden selbst, wann sie aufgeben.“ Beim gesellschaftlich anerkannten Boxen sei dies nicht gegeben. Da entscheiden Trainer und Ringrichter. „Die Gefahr der Hirnverletzungen ist viel höher als bei MMA, da die Treffer zum Kopf im Fokus stehen“, sagt Stoltzfus. Dadurch träten Langzeithirnschäden wie Parkinson auf. Er macht sich Gedanken über die Benutzung von Handschuhen, auf die er selbst sogar verzichten würde. „Ich habe lieber Platzwunden als ein Hirntrauma“, sagt er, denn aus seiner Sicht schützen Handschuhe aufgrund ihres Gewichtes nur den, der sie trägt. Die Verantwortung gegenüber ihren Körpern obliegt den Sportlern.

Stoltzfus will keine gesellschaftliche Diskussion eröffnen. MMA sei kein Sport für Hinterhofschläger, findet er. „Natürlich gibt es Ausnahmen, aber die kommen in diesem Sport nicht  weit. Du brauchst viel Disziplin im Training, musst auf Ernährung achten und intelligent sein, denn du musst viele Sportarten erlernen.“ Deshalb betreiben ausgesprochen viele gebildete Kämpfer diesen Sport. Als Beispiel berichtet Stoltzfus von Anne Merkt. Die 33-jährige Hamburgerin ist promovierte Psychologin und erfolgreiche MMA-Kämpferin. Auch er selbst hat ein Studium als Übersetzer für Deutsch sowie Englisch abgeschlossen und ist darüber in Deutschland hängengeblieben.

Hier sieht er seine sportliche Zukunft. Und das, obwohl es als Profi bislang kaum etwas an nennenswerten Kampfbörsen zu verdienen gibt. Der Sport lebt von den Eintrittsgeldern – am Sonnabend werden in der Arena am Ostbahnhof rund 4000 Zuschauer erwartet. Attraktive Fernsehgelder spielen noch keine Rolle. Spektakulär, wie die Kämpfe von Stoltzfus und Co. sind, kann das noch kommen.

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