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Europaspiele
Minsk, eine Sportstadt zwischen zwei Welten

Die Minsk Arena: Sie fasst 8000 Zuschauer. Radsport, Gymnastik.
Die Minsk Arena: Sie fasst 8000 Zuschauer. Radsport, Gymnastik. © Foto: MOZ/Thomas Sabin
Thomas Sabin / 09.06.2019, 09:00 Uhr - Aktualisiert 11.06.2019, 17:26
Frankfurt (Oder) (MOZ) Die Europaspiele sind das europäische Pendant zu den Panamerikaspielen und den Asienspielen. 2015 machte Baku (Aserbaidschan) den Anfang und richtete die ersten Spiele dieser Art aus. Am 21. Juni werden die Spiele nun in Minsk zum zweiten Mal eröffnet. 

Der Vertreter des Sport- und Tourismusministeriums Weißrusslands sitzt am Kopf des dunkelbraunen vertäfelten Tisches. Im fünften Stock des Hotel Minsk legt Andrei Molchan die Hände zusammen und lehnt sich nach vorne.

An seiner Seite sitzt seine Assistentin. Sie hilft, wenn ihm der englische Wortschatz ausgeht. Molchan blickt über seine dünne Brille und lächelt freundlich. Er will erzählen, warum die zweiten Europaspiele dieses Jahr in Minsk stattfinden werden und warum die neuntägigen Spiele für das Land so wichtig sind.Molchan und das Minsker Organisationskomitee für die Europäischen Spiele (MEDOC) erwarten rund 3900 Athleten aus 50 verschieden Ländern. Bis zu 150 deutsche Athletinnen und Athleten werden im Juni in die weißrussische Hauptstadt reisen. Hinzu kommen 98 Betreuerinnen und Betreuer. Medaillen werden in 23 verschiedenen Disziplinen in 15 Sportarten vergeben. In acht davon können sich die Athleten für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio qualifizieren. Doch für Weißrussland geht es um mehr als nur um den Sport.

 "Belarus ist ein Transitland zwischen dem Osten und dem Westen. Und das wollen wir nutzen", erklärt der stämmige Politiker in gutem Englisch mit grauem Kurzhaarschnitt. "Wir machen das aber ganz anders, als es Baku gemacht hat", sagt Molchan und lacht herzhaft. Seine Assistentin macht sich Notizen. Wie ihr Chef setzt sie nie das Lächeln ab. 12 Journalisten aus dem westlichen Teil Europas sitzen den beiden gegenüber.

In Baku haben die Europaspiele bis zu einer Milliarde Dollar gekostet. Nach inoffiziellen Angaben sollen die Ausgaben sogar die 5-Milliarden-Marke erreicht haben. Das kann sich das kleine Land nicht leisten. In Minsk nehmen die Verantwortlichen weitaus weniger Geld in die Hand, bekräftigt Molchan. Sie haben das Projekt ganz anders angepackt.

Die weißrussische Hauptstadt ist Gastgeber der 2. Europaspiele 2019. Doch für Belarus geht es um mehr als nur um den Sport. Das Land arbeitet am eigenen Image.
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Vorbereitungen auf die Europaspiele 2019 in Minsk

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"Wir haben keine neuen Stadien oder Sportstätten gebaut, wie Baku. Die Sportinfrastruktur war bei uns bereits vorhanden." Deshalb gehen die zuständigen Behörden von Investitionen von bis zu 50 Millionen Dollar aus. In der Presse spricht man von rund 120 Millionen Dollar, je nachdem welche Ausgaben den Spielen zugeordnet werden. Eine genaue Zahl kann jedoch niemand, auch Molchan nicht, nennen.Investiert habe man unter anderem in die Modernisierung der Gebäude. Für die Spiele stehen nun 15 hochmoderne und architektonisch sehenswerte Sportstätten zur Verfügung, die innerhalb weniger Minuten aus dem Stadtzentrum zu erreichen sind.

 Das Dinamo-Stadion ist einer jener Austragungsorte. Nur wenige Minuten vom Hotel Minsk entfernt, funkelt die modernisierte Arena in der prallen Nachmittagssonne. Das Stadion wurde am 12. Juni 1934 eröffnet, im zweiten Weltkrieg jedoch fast vollständig zerstört. "So erging es 90 Prozent der Stadt", sagt Molchan, zieht die Augenbrauen nachdenklich nach oben und startet einen Exkurs durch die Landesgeschichte. Diese sei eine komplizierte und tragische.

Molchan erzählt von der Tschernobyl-Katastrophe in der benachbarten Ukraine und den Flüchtlingen, die dadurch ins Land kamen. Er erzählt von den Kriegen, die das Land prägten und vom Zerfall der Sowjetunion, deren Überbleibsel noch heute das Stadtbild prägen. Doch gerade der zweite Weltkrieg hat tiefe Spuren in Minsk hinterlassen.

Spiele sollen Image des Landes verbessern

Beim Betrachten der Außenfassade des Dinamo-Stadions fällt auf, dass hier Altes und Neuen zusammengeführt wurde. Nach dessen Zerstörungen wurde die Sportstätte bis 1954 wieder aufgebaut. Restaurationen und Modernisierungen lassen die Außenfassade aus Glas und Metall heute wie ein Fluggerät aus einer anderen Welt erscheinen. Ein Teil des alten Gemäuers ist in das Gesamtbild eingearbeitet. Der Innenbereich fasst rund 22 000 Zuschauer.Auf dem grünen Rasen im Inneren wuseln Arbeiter umher. Fotografieren ist jedoch an dieser Stelle für die Besucher verboten. Hier werden die Spiele in einigen Tagen feierlich eröffnet und mit einer Abschlusszeremonie beendet. Fahnen aus ganz Europa werden dann durch das Oval getragen.

 Belarus, gerne als die letzte Diktatur Europas bezeichnet, hat einen schweren Stand in der Welt – vor allem in Westeuropa. Äußerst selten liest man in der Presse vom kleinen Land. Wenn, dann meist von Festnahmen bei friedlichen Demonstrationen oder Militärübungen der Russen an der Nato-Grenze. Zudem ist Belarus das letzte europäische Land, das die Todesstrafe vollstreckt. Dennoch scheint Minsk im Aufschwung zu sein und sich mehr und mehr zu öffnen – auch dem Westen gegenüber.

"Ich sehe eine direkte Verbindung zwischen den Spielen und der Politik", sagt Molchan, der auch als Botschafter in Afrika tätig war. "Wir als Land wollen uns gut präsentieren, unser Image verbessern und die Bekanntheit unseres Landes steigern". Er ist der Meinung, dass das auf lange Sicht die politischen Beziehungen verbessern kann. Es sei sehr wichtig, dass sich die Menschen ihr eigenes Bild von Belarus machen.

 Zudem steht auf der einen Seite Russland, der wichtigste und einflussreichste Partner Weißrusslands – vor allem wirtschaftlich. Auf der anderen Seite steht die Europäische Union. Auch die Beziehungen zum Westen sind für Belarus von enorm wichtiger Bedeutung, macht Molchan klar. Und so versucht das Land zwischen den zwei Welten zu wandeln und zu bestehen, es beiden Seiten recht zu machen. "Unsere schwere Aufgabe ist es, zwischen der EU und Russland zu überleben und eine Balance zu finden", sagt Molchan und lässt seine Hände wie eine Waage über dem Tisch pendeln. "Das ist nicht leicht, aber ich denke, wir bekommen das ganz gut hin."

Visa-Bedingungen für Touristen gelockert  

 An vielen Ecken der Stadt wird dieser Tage gebaut. Bei einem Spaziergang – vorbei an moderner Architektur, Denkmälern und Monumenten, durch das historische Zentrum und seinen Tempeln mit farbenfrohen Kuppeln, oder vorbei an sowjetischer Architektur – fällt auf, Minsk zeigt eine heile Welt. Die Straßen sind blank poliert. Wer Müll sucht, sucht vergeblich. Die Gebäude strahlen, wie gerade frisch bebaut. Obdachlose scheint es in Minsk ebenso wenig zu geben, wie streunende Tiere. Und Kriminalität "gibt es bei uns so gut wie nicht", meint Molchan. "Belarus ist eines der Sichersten Länder der Welt. Besucher können sich hier sicher fühlen."

Um den Prozess der Annäherung und der Öffnung weiter voranzutreiben, sind die Europaspiele 2019 genau richtig. Dafür hat Belarus sogar die Visa-Bedingungen weiter aufgelockert. Die Tickets sind quasi die Eintrittskarte für das Land und gelten an der Grenzkontrolle als Visum. Mehr als die Hälfte sind bereits ausverkauft. Manche Sportarten ebenfalls.

 Die Veranstalter rechnen etwa mit 30 000 Touristen, die mit einem Ticket einreisen. Um noch mehr Menschen von einem Besuch nach Belarus zu überzeugen, wurde einiges getan. Der öffentliche Nahverkehr wurde ausgebaut, dafür 300 neue Fahrzeuge beschafft, darunter bis zu 50 Elektrobusse. Neue Straßennetze wurden entworfen, um den Verkehr zu entlasten. Und der Flughafen Minsk sowie das WIFI-System in den Gebäuden und der Bahnhof wurden modernisiert.

Für Belarus sind die zweiten Europaspiele 2019 also eine weitere Chance, das eigene Image aufzupolieren. Kulturell hat das Land jedenfalls eine Menge zu bieten und ist eine Reise wert. In erster Linie vielleicht, um Klischees zu beseitigen. Die Spiele bieten eine gute Chance dazu.

 Tickets und weitere Informationen zu den Spielen unter:www.minsk2019.by

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