Schwedt (coh) Den Brief mit der Kündigung hatten die 65 Mitarbeiter in Schwedt schon in der Hand. Doch die Gewerkschaft Ver.di zog vor Gericht. Eigentlich klagte sie auf die Einhaltung des Mindestlohns und einen Sozialplan, also ordentliche Abfindungen nach der Kündigung. Letztlich rettet sie damit den Standort und ?65 Jobs.
Die Mitarbeiter der „Münchner Akten- und Datenvernichtung“ (MAD) sortieren auf dem Gelände der Papierfabrik Leipa Altpapier. „70 Prozent von ihnen sind Frauen“, erzählt Grischa Hochsieder von Ver.di. „Es ist ein harter, schwerer Job. Sie stehen am Band und arbeiten im Dreischichtsystem.“ Im Juli 2010 bekamen sie die Kündigung, der Standort sollte geschlossen werden, erzählt der Gewerkschafter. Ein Schock für die Mitarbeiter aus Schwedt und Umgebung. Die Gewerkschaft sammelte die Kollegen, um eine Massenklage gegen den Arbeitgeber einzureichen. Es ging um den Mindestlohn und einen Sozialplan für die gekündigten Mitarbeiter. Eine sogenannte Musterklage, ein Verfahren stellvertretend für alle, wurde geführt. Die Klage ging bis zum Landesarbeitsgericht. Der Sozialplan hätte die Firma rund ?200 Millionen Euro gekostet, schätzt Grischa Hochsieder. Viel Geld. Deshalb entschied die Firma in Verhandlungen mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft, den Standort doch lieber zu behalten. Also statt Abfindung gab es die Jobs wieder.
„Grund für die beabsichtigte Schließung waren sicher die unmodernen Anlagen, welche die Firma unrentabel gemacht haben“, vermutet der Gewerkschafter. Deshalb zieht die Firma in Erwägung lieber eine neue Anlage zu kaufen, deren Preis etwa im einstelligen Millionenbereich liegt.
65 Jobs waren mit der Einigung gerettet. Einziger Wermutstropfen: Die 20 geringfügig Beschäftigten, die im Unternehmen angestellt waren, verlieren den Arbeitsplatz. Alle anderen behalten ihn. Der Stundenlohn für sie steigt von vormals 6,73 Euro auf 8,40 Euro. Das ist ein wenig über dem gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn in der Abfallwirtschaft von 8,33 Euro. „Die Mitarbeiter genießen zudem drei Jahre Kündigungsschutz“, freut sich Grischa Hochsieder.
„Die MAD-Betriebsstätte Schwedt hat in dem Geschäftsjahr einen Verlust im siebenstelligen Bereich erzielt“, sagt Robin Huesmann, Geschäftsführer der Leipa Holding und verantwortlich für die MAD. Deshalb habe sich die Geschäftsleitung gezwungen gesehen, Maßnahmen zu ergreifen. Das waren unter anderem Gespräche mit dem Betriebsrat über eine mögliche Schließung. „In langfristigen Verhandlungen mit Betriebsrat und Ver.di konnte ein Fortführungskonzept entwickelt werden.“ Dieses Konzept bedinge aber immer noch jährliche Verluste im sechsstelligen Bereich.
Unternehmen, Betriebsrat und Gewerkschaft würden alle notwendigen Maßnahmen unternehmen, um die 65 Arbeitsplätze zu sichern. Für eine nachhaltige Zukunftssicherung seien weitere Investitionen nötig. „Sollten wir gemeinsam unsere gestellten Ziele erreichen, ist die Unternehmensleitung bereit, eine Investition in eine neue Anlage vorzunehmen.“
Abfallsortierung am Band: Es ist ein harter, schwerer Job, am Band Altpapier zu ordnen. Die Mitarbeiter, größtenteils Frauen, arbeiten im Schichtsystem. Foto: MOZ/Karl-Heinz Wendland