Otto-Normalreisender versteht das nicht: Da soll eine völlig verschlafene grenzüberschreitende Bahnlinie endlich elektrifiziert werden. Doch an das zweite Gleis denkt niemand. Stattdessen würde bei einer späteren Ertüchtigung der Strecke alles wieder abgebaut und komplett erweitert werden müssen.
Der Bund bleibt dabei: Auf dem vergessenen rund 40 Kilometer lange Abschnitt zwischen Passow und Stettin sollen die Züge künftig mit elektrischem Strom fahren können. Das wurde auf dem jüngsten zweiten deutsch-polnischen Bahngipfel - einberufen von Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke - erneut bestätigt. Allerdings scheint der Zeitplan inzwischen nicht mehr genau festzustehen. Schon seit fünf Jahren ist die Rede von 2020. Jetzt könnte es sogar länger dauern.
Die Bahnbefürworter, die seit Jahren vehement für die Behebung der Kriegsfolgen auf der einst bedeutenden Verkehrsachse Berlin-Stettin kämpfen, würden sogar mit einer Verzögerung der Bauarbeiten leben, wenn im gleichen Zuge das zweite Gleis käme. So lautet jedenfalls die Forderung der Initiative deutsch-polnischer Schienenpersonenverkehr.
Auch Dietmar Woidke setzt sich persönlich für die Wiederertüchtigung der Bahnlinie ein, auf der man bereits zur Jahrhundertwende schneller zwischen den Metropolen reisen konnte als heute. Stattdessen müssen die Fahrgäste meist in Angermünde umsteigen.
Die hohen Erwartungen der regionalen Wirtschaft an den zweiten deutsch-polnischen Bahngipfel in Stettin wurden damit enttäuscht. "Das Ergebnis halbherzigen Infrastrukturausbaus kann tagtäglich an der Strecke Lübbenau-Cottbus studiert werden", sagt IHK-Geschäftsstellenleiter Jörn Klitzing. "Dort wurde ebenfalls aus Kostengründen auf die durchgängige Zweigleisigkeit verzichtet."
Bereits im Jahr 2012 wurden im deutsch-polnischen Staatsvertrag der zweigleisige Ausbau und die Elektrifizierung vereinbart. Die IHK Ostbrandenburg erwartet nun, dass diese Ziele konsequent planungs- und bautechnisch umgesetzt werden. Die Voraussetzungen sind erfüllt, das Übereinkommen mit Polen und die Verankerung als "Vordringlicher Bedarf" im neuen Bundesverkehrswegeplan 2030 sind gesetzt. Die Wirtschaft sieht dabei nicht nur den Personenverkehr.Nur durch die durchgehende Zweigleisigkeit könne die Strecke ihrem Potenzial für einen zeitgemäßen Personen- und Güterverkehr gerecht werden.
Rufer in der Wüste ist seit Jahren der Gartzer Amtsdirektor Frank Gotzmann. Der Ausbau der Bahnlinie würde seine Region deutlich besser ans deutsche und sogar internationale Verkehrsnetz anbinden. Das war schon einmal der Fall - beim Bau des zweiten Gleises 1873. "Ein Taktverkehr von langsamen Regionalbahnen und schnellen Regionalexpresszügen sei aufgrund der Eingleisigkeit betriebsbedingt nicht möglich", so Gotzmann. Er kritisiert, dass der gleiche Fehler begangen werde wie in Cottbus oder Uelzen, wo Engpässe später mit weitaus höheren Kosten beseitigt werden müssten.
Jetzt sollen sich Züge auf sogenannten Ausweichbahnhöfen überholen oder begegnen können. Das beschränkt Geschwindigkeiten und Zugfolge. Dabei prognostizieren Verkehrsplaner einen steigenden Bedarf. Allein die Flugreisenden aus dem Stettiner Raum, die jetzt stündlich massenhaft mit Kleinbussen über die Autobahn nach Berlin fahren, würden dafür sorgen.
Weiterhin gefordert werden mehr durchgehende Züge zwischen Berlin und Stettin.