Erst hat er ihnen ein Denkmal gesetzt – den Gestalten von Biesenbrow, dem Kummerow im Bruch hinterm Berge. In Ehm Welks Büchern über das uckermärkische Dorf sind Eigenheiten, Bräuche, Gemeinschaft, Sorgen und Streiche stets lebendig geblieben. Nun haben ihm die Nachfahren der Heiden von Kummerow selbst ein Denkmal gesetzt, in dem sie erstmals in voller Länge und an all den Originalschauplätzen die Romane komplett lasen und nachspielten. Jetzt ist das mehrjährige Projekt unter der Leitung des theaters 89 mit den letzten Kapiteln zu Ende gegangen. Von 10 Uhr am Morgen bis 10 Uhr am Abend folgte das Publikum den Profi- und Laiendarstellern, erst in die Angermünder Marienkirche, dann auf die Wiesen in Biesenbrow, später auf den Dorfplatz.

Keine Zeile wird ausgelassen

Eindrucksvoll ist die Szene um den gewalttätigen Müller Düker, der vor den Augen der versammelten Bauern sein Pferd wegen einer Wette zu Tode schindet und daraufhin selbst von den Kindern verprügelt wird.
Während die über 400 Zuschauer auf Bänken und mitgebrachten Stühlen sitzen oder einfach auf der Wiese liegen, läuft über Lautsprecher der komplette Erzählton ab, ohne eine einzige Romanzeile auszulassen, und untermalt von Musik.
Rund 50 Menschen aus Biesenbrow helfen mit, nicht nur als Schauspieler, sondern auch bei der Organisation des einzigartigen Mammutprojekts. "Es schweißt die Dorfgemeinschaft wieder mehr zusammen", sagt Ortsvorsteherin Birgit Ludewig. "Und wer jetzt das Buch aufschlägt, sieht die Schauspieler aus den Szenen direkt vor sich."
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Der Älteste ist Eckhard Kolle mit seinen 75 Jahren als Pastor von damals. "Für unser Dorf hat diese Aufführung sehr viel an Aufmerksamkeit gebracht", sagt er rückblickend. "Und die Romane sind sehr aktuell", meint Monika Stark alias Frau Düker. "Wir haben die Romane als Schulkinder gelesen. Als Erwachsener sieht man dann eher den philosophischen Teil. Die Menschen als Typen aber haben sich nicht verändert."
Die letzte Seite der Welk-Bücher ist nun umgeblättert, alle Kapitel vollständig gelesen, gehört, gespielt und gesehen. In Biesenbrow kehrt der Alltag ein. Was nun? "Vorbei", sagt Regisseur Hans-Joachim Frank. "Es war großartig und eine wunderbare Gelegenheit, sich mit Werk und Autor auf diese Weise zu beschäftigen. Wir haben mindestens 1200 Menschen erreicht. Ich glaube, alle die hier leben, wissen jetzt mehr darüber. Aber man kann nicht unendlich weitermachen. Das gehört zum Theater dazu. Am Ende bleiben Programme, Fotos und Erinnerungen."

Projekt geht in Geschichte ein

Und es bleiben die Eindrücke einer neu kennengelernten Welt der Jahrhundertwende mit dem Witz ihrer Zeit, von dem manches Detail bis in die heutigen Tage Bestand hat. Das theater 89 und die Biesenbrower selbst haben die Hintergründe aus Ehm Welks Büchern wieder in die Öffentlichkeit gerückt. Sein Werk bleibt unvergessen. Und das Projekt ist in die Geschichte eingegangen.