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Im Takt der Züge

Frauke Adesiyan / 15.07.2010, 13:42 Uhr - Aktualisiert 21.07.2010, 15:54
Frankfurt (In House) „Ding dong.“ Mit zwei scheppernden Glockenschlägen aus den Bahnhofslautsprechern beginnt für viele Frankfurter der Arbeitstag. „Meine Damen und Herren auf Gleis 11 fährt ein: RE aus ...“, spult die Frauenstimme aus der Retorte ihren Text ab. Es ist 8 Uhr und in der Bahnhofshalle herrscht routinierte Geschäftigkeit. Bundespolizisten bauen ihren Infostand auf, im Reisezentrum geht das Licht an.

Wenige Minuten später walzt ein murmelnder Strom von Pendlern heran. Der Regionalexpress aus Berlin ist auf die Minute genau 8.04 Uhr eingetroffen. Mit müden Gesichtern bewegt sich die Masse einmal durch den Tunnel und die Halle auf den Bahnhofsvorplatz. Ohne einen Blick zur Seite laufen sie unter dem Schein der Neonröhren.

Mitten im Strom läuft Anja Miodecki. Die 17-Jährige steigt jeden Tag 7.49 Uhr in den Zug in Jacobsdorf, um zum Oberstufenzentrum nach Frankfurt zu fahren, wo sie ihr Abitur macht. „Erst kürzlich habe ich darüber nachgedacht, wie viel Zeit ich am Bahnhof verschwende“, erzählt sie. Sie setzt sich auf eine Bank auf dem Vorplatz, steckt sich Kopfhörer in die Ohren und wartet auf eine Freundin. Am Nachmittag geht es zurück. Allein in Richtung Berlin verlassen täglich etwa 3700 Fahrgäste den Frankfurter Bahnhof.

Eine Zahl, von der die Geschäfte profitieren. Die Kunden-Traube vor dem Bäcker ist gerade wieder auf vereinzelte Käufer zusammengeschrumpft. Verkäuferin Vivien Kadow belegt Brötchen, während ihre Kollegin die Auslagen auffüllt. „Es ist gut, dass die Kunden phasenweise kommen, dann können wir auch mal sauber machen und auffüllen“, erzählt sie. Süße Hörnchen, Käsebrötchen und Kaffee gehen in den Morgenstunden am besten weg.

Herzhaft geht es derweil in Letos Imbiss im Tunnel zu. Hier stecken schon die frischen Dönerfleisch-Ballen auf den Spießen. In einer kleinen Küche schneidet Keser Fuat Zwiebeln. Das rhythmische Hacken vermischt sich mit den Stimmen des Verkaufskanals, der auf dem Fernseher im kleinen Gastraum läuft. Keser Fuat kennt seine Kunden gut, oft weiß er schon vor dem ersten Wort, was gewünscht wird. Manchmal schon am Morgen ein Döner, meist aber Salat oder Getränke. Ein Lächeln bekommt jeder Gast, die hübsche Bahnangestellte aus Polen auch mal ein paar Brocken polnische Konversation.

Viel Zeit bleibt dafür jedoch nicht, ergießt sich doch schon der nächste Schwall der Pendler in die Oderstadt. Kurz vor halb neun sind wesentlich mehr Studenten unter den Fahrgästen, die aus dem RE1 steigen. Schwatzend und in kleinen Grüppchen starten sie in den Uni-Tag. Paula Koch ist eine von ihnen. Sie kann dem täglichen Pendeln auch positive Aspekte abgewinnen: „Es ist ganz gut, weil ich dadurch früher aufstehe, manchmal kann ich dann im Zug auch schon etwas für’s Studium machen“.

Während die Berliner aus der Bahnhofshalle strömen, stehen Frankfurter Schlange auf Bahnsteig 6. In den Zug Richtung Berlin will auch Kamil Fijalkowski. Mit einem Pappbecher voller Kaffee ist er auf dem Weg zu einem Geschäftstermin. „Im Moment fahre ich ganz gern Zug, da ist es so schön kühl“, lächelt der smarte junge Mann im Anzug. Er kennt die Strecke gut, jedes Wochenende fährt er nach Berlin. Am liebsten liest er auf der Fahrt in Ruhe eine Zeitschrift.

Unter all die geschäftigen Reisenden mischen sich kurz vor Neun auch Urlauber. Roland und Georg Nossal stehen mit vollbepackten Rädern auf dem Bahnsteig und warten auf den Regionalexpress nach Magdeburg. Kaffee und Bananenmilch haben sich Vater und Sohn noch schnell gekauft, bevor die Reise losgeht. In den vergangenen Tagen sind sie entlang der Neiße von Zittau nach Guben gefahren – 100 Kilometer am Tag. „Das war ganz schön anstrengend“, kommentiert Sohn Georg, sein Vater hebt die Augenbrauen. Im Zug hoffen beide auf ein bisschen Ruhe – drei Stunden fahren sie mit bis nach Halberstadt.

Doch so viel Zeit bleibt niemandem am Bahnhof zum Verschnaufen, schon in wenigen Minuten kommt der nächste Zug an.

 

Alle Teile der Serie 24 Stunden unter www.moz.de/24h

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