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Fridays for Future
Stimmen von der Rekord-Klima-Demo in Berlin

Von Maria Neuendorff / 21.09.2019, 09:35 Uhr
Berlin Die ersten Demonstranten erscheinen am Freitag im Business-Anzug. Gegen 11 Uhr versammeln sich Unternehmer vor dem Finanzministerium,  während die Politik noch über die Maßnahmen zum Erreichen der Klimaziele verhandelt.

"Ich habe schon die ganze Zeit darüber nachgedacht, wie ich mich einbringen kann", sagt Björn Weinbrenner. Wie viele andere Erwachsene ist er dem Aufruf gefolgt, sich an diesem historischen Tag der globalen Schüler-Bewegung anzuschließen. "Auch Unternehmer wollen ihren Beitrag zum Umweltschutz leisten, aber viele wünschen sich große Lösungen der Politik, die alle betreffen, damit der Wettbewerb fair bleibt. Ich kann damit leben, einen CO2-Preis zu zahlen", sagt Weinbrenner, der mit seiner Frau und dem einjährigen Sohn nach Berlin-Mitte gekommen ist. Für den großen Tag des weltweiten Streiks hat sich der 40-Jährige in weißem Hemd und schwarzem Jackett extra freigenommen und seine Webseite abgeschaltet, um wie 270 000 andere in Berlin eine Zeichen zu setzen.

"Runter vom Gehweg. Alle auf die Straße. Die Fußgänger wollen durch", ruft der Demo-Führer ins Megafon, bevor er einen Preisaufschlag auf Öl, Gas und Kohle fordert.

Autofahrern soll an diesem Tag nicht nur ins Gewissen geredet werden, sie sollen es auch besonders schwer haben. Schon am Freitag um kurz vor 8 legen Aktivisten mit einem Fahrradkorso den Ernst-Reuter-Platz kurzzeitig lahm. Der Aufruf kommt von der Gruppe "Ende Gelände", die einen sofortigen Kohleausstieg fordert.

Ebenfalls im morgendlichen Berufsverkehr seilt sich an der Berliner Stadtautobahn A100 in Tempelhof ein Kletterer der Umweltschutzorganisation "Robin Wood" von einer Brücke ab und hält den Berufspendlern ein Plakat entgegen: "Saubere Autos sind eine dreckige Lüge", ist darauf zu lesen.

Auch auf der Jannowitzbrücke in Mitte steht der Verkehr am Morgen still. Aktivisten haben die viel befahrene Kreuzung mit rotweißem Absperrband blockiert. "Warm greetings from Berlin – Warme Grüße aus Berlin", steht auf einem Plakat an der Fahrbahn.

Doch auch für Fahrradfahrer und Fußgänger ist rund um das Brandenburger Tor schon kurz vor 12 Uhr kein Durchkommen mehr. Demonstranten stehen schon bis zur Siegessäule, als Eckart von Hirschhausen auf der Bühne am Brandenburger Tor eine andere Distanz ins Feld führt. "Die Atmosphäre ist nur so groß wie die Strecke von hier bis nach Prenzlauer Berg. Da können wir nicht unendlich viel reinpumpen", sagt der Moderator und Mediziner, der für den Klimaschutz weniger Fleisch isst und  keinen SUV fährt. Ungeachtet der Fülle strömen Tausende der Weltverbesserer mit Plakaten, in Kostümen und mit Pappmaché-Globen durch die Straßen, aus der die Autos nach und nach verschwinden.

Viele haben ihre eigene Musik mitgebracht. Bis zum Brandenburger Tor, wo die Band Culcha Candela nun den Massen anheizt und wo der Demo-Zug eigentlich starten soll, dringen die meisten gar nicht mehr durch. Doch selbstgebaute Lautsprecherwagen und kleine Musikgruppen sorgen auch in den Seitenstraßen für Stimmung. Unter einem "SOS-Amazonia"-Plakat wird zu brasilianischen Trommelrhythmen getanzt. Daneben haben sich ein paar junge Leute auf den Boden gelegt. Immer mehr Passanten machen es ihnen gleich. Doch es handelt sich nicht um eine der angekündigten Sitzblockaden der Befürworter des friedlichen Ungehorsams, sondern um eine Performance der "Somatischen Akademie" aus Kreuzberg. "Es geht darum, seinen Körper im Inneren zu spüren und den Kosmos drumherum, das lenkt vom Konsum ab", erklärt der 36-jährige Nino, bevor er wieder die Augen schließt.

Dabei sein ist alles, ist das Motto beim Woodstock der Weltretter. Für einen Tag haben sich die Berliner und Brandenburger die Hauptstadt zurückerobert. Touristen sind nur noch Statisten und werden ungläubig mit in den Strom gezogen, der sich zum Nachmittag wie ein Krake im ganzen Regierungsviertel ausbreitet. "Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut", skandiert eine Kinderchor. Um die Hälse der Grundschüler baumeln dicke Schilder mit Telefonnummern, falls jemand im Trubel verloren geht.

Auch für diesen besonderen Streiktag wird es wieder einen unentschuldigten Fehltag geben. Doch viele Schulen haben diesmal extra Exkursionen oder Projekttage zum Thema Umwelt organisiert oder lassen zumindest keine Klassenarbeiten an diesem Tag schreiben.

"Das ist hier besser investierte Lernzeit als jeder Unterricht", findet Christian Gaca, Vater von vier Kindern, der gerade mit dem Kistenfahrrad hinter dem Hotel Adlon parkt. Um heute auch als Erwachsener die "Fridays-for-Future"-Bewegung zu unterstützen, bummelt der 43-Jährige Überstunden ab. "Ich habe über eine E-Mail vorher angesagt, dass ich ab 11 Uhr nicht mehr erreichbar bin", berichtet der Berliner, der im Medienbereich arbeitet. Obwohl ein wichtiger Termin anstand, habe sein Chef das akzeptiert. "Wenn man wirklich was verändern will, muss man aus seiner Komfortzone herauskommen", findet Gaca. "Aus Gesprächen mit Freunden weiß ich aber, dass es auch Arbeitgeber gibt, die das nicht so locker sehen."

Das Büro Blau, ein Bildungsunternehmen, das in Brandenburg unter anderem Regionalmanagement betreibt, hat die Arbeit heute kollektiv ruhen lassen. "Wir müssen was tun, denn wir sind in Brandenburg durch die Hitze vom Klimawandel unmittelbar betroffen", sagt Ingrid Lankenau. In ihrer Stimme schwingt leicht Wut mit, vor allem darüber, dass sich die Politiker mit wichtigen Entscheidungen so lange Zeit gelassen haben. "Wenn wir in der Wirtschaft so arbeiten, wären wir längst bankrott." Die 56-Jährige glaubt aber auch, dass jeder einzelne etwas ändern kann. "Seit dem Sommer nehmen wir, wo es möglich ist, auch zu Terminen nach Brandenburg den Zug, auch wenn es häufig mehr Zeit in Anspruch nimmt."

Mit den Beschlüssen des Klimakabinetts, über die erst am Nachmittag erste Details bekannt werden, sind die wenigsten zufrieden. "Wir haben gerade gehört, dass sie ein Witz sind", sagt Angelika Strinzel. Nach vier Stunden des Demonstrierens läuft sie erschöpft mit ihrem sechsjährigen Sohn auf der autofreien Leipziger Straße nach Hause. Trotzdem ist sie glücklich, heute dabei gewesen zu sein. "Zwei von 270 000 Menschen zu sein, das Gefühl ist schon mächtig und berührend", sagt die 42-Jährige, die auch weiter auf die Straße  gehen will. "Wir müssen die Zerstörung, die wir angerichtet haben, jetzt sofort stoppen und nicht erst in 2021."

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