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Interview
Leben in der Kleinstadt: "Inszenierung des Gegeneinanders"

Ricarda Pätzold
Ricarda Pätzold © Foto: Annette Koroll
André Bochow / 30.05.2019, 19:57 Uhr
Berlin (MOZ) Leben in der Kleinstadt galt, im Gegensatz zu dem in den Metropolen, als spießig, muffig, abgehängt. Neuerdings wird genau solch ein Lebenidealisiert. Die Stadtforscherin Ricarda Pätzold vom Deutschen Institut für Urbanistik hält das Gegeneinander für inszeniert.

Frau Pätzold, hat sich das Leben in der Kleinstadt geändert?

Es kommt immer darauf an, wen man fragt. Fragt man Großstädter nach Kleinstädten, kommt vermutlich ein anderes Bild heraus, als wenn man die Bewohner der Kleinstädte befragt. Wer freiwillig in einer Kleinstadt wohnt, wird vermutlich Übersichtlichkeit und Ruhe zu schätzen wissen und weniger Probleme mit Langeweile haben.

Die Deutschen ziehen viel weniger um als etwa US-Amerikaner. Haben die Deutschen ein ausgeprägteres Heimatgefühl, wenn es um ihren Wohnort geht?

Zumindest sind sie offensichtlich sesshafter. Es hängt natürlich von der Generation ab. Und von den Möglichkeiten. Wer an einem Ort geboren wurde, in dem er später auch eine befriedigende Arbeit findet, dann bleibt er eben. Aber klar, es hat auch mit Risikobereitschaft zu tun. Da haben die Amerikaner wohl eine andere Mentalität. Immer im Durchschnitt natürlich.

Wie wirkt das Leben in Groß-und Kleinstädten in Deutschland aufeinander ein?

Es ist da viel von Konkurrenz die Rede. Großstädte ziehen die Menschen an, Kleinstädte werden verlassen. Oder umgekehrt: Großstädte gehen den Bewohnern auf die Nerven. Deshalb suchen diese ihr Heil im Umland. In Wirklichkeit laufen die Prozesse gleichzeitig ab. Entscheidend für die Zufriedenheit und das Heimatgefühl ist die Wahlfreiheit. Wenn ich gezwungen bin, an einem Ortzu bleiben oder diesen zu verlassen, geht es mir eher schlechter. Egal ob in der Groß-oder in der Kleinstadt.

Die kleinen und mittleren Städte im Umfeld nehmen nicht den Druck von den Großstädten?

Das wird immer wieder gesagt. Aber so einfach ist es nicht. Um mal Sachsen als Beispiel zu nehmen. Weil Leipzig immer voller und teurer wird, ziehen viele nach Delitzsch. Aber weil Dresden wieder bezahlbaren Wohnraum baut, gibt es unter Umständen Wegzüge aus Zittau. Es hängt sehr von den konkreten Umständen ab.

Wo ist das sozialere Leben möglich? In der überschaubaren Kleinstadt?

Ach, da wäre ich skeptisch. Wenn es keine Firmenansiedlungen gibt, dann fehlt es in der Regel auch an Geld für das gesellschaftliche Zusammenleben. Das wirkt sich auf Vereine, die Feuerwehr, die Schulen, die Stadtfeste und auf die Sicherheit aus. Armut, Ausgrenzung, soziale Benachteiligung gibt es auch in kleineren Städten. Da ist es allerdings kein Massenphänomen. Dafür sind die Benachteiligten auch nicht durch Anonymität geschützt.

Und in der Großstadt? Berlin hat eine Kiezstruktur –ist das nicht einfach nur die Kleinstadt in der Großstadt?

Na ja. Da ist schon ein Unterschied. Es mag so wirken, als ob die Kieze die überschaubare Einheit einer Kleinstadt bieten. Aber die Möglichkeitsräume sind dann eben doch andere. Und wer in Berlin in Spandau am Wasser wohnt, muss vielleicht doch durch die ganze Stadt nach Schöneweidezur Arbeit.

Gibt es eine ideale Größe für Städte – also eine Größe, in der sich urbanes Lebensgefühl mit Heimatgefühlen gut mischen kann?

Man hat tatsächlich versucht das herauszufinden. Die Gartenstadtbewegung am Anfang des vergangenen Jahrhunderts wollte dem Moloch Großstadt durch Entlastungsstädte beikommen. In Ägypten hat man später Ähnliches um Kairo herum versucht. Auch da wurde die Stadt mit der idealen Größe und mit dem idealen Abstand zur Großstadt gesucht. Doch ideale Lösungen gibt es nicht, erst recht in dem Zusammenhang von Lebensgefühl und Stadtgröße. Es gibt urbane Kleinstädte ebenso, wie langweilige Großstädte.

Aber wollen nicht doch alle irgendwie etwas Ruhiges und Grünes? Reicht es nicht schnelles Internet und gute Verkehrsverbindungen für Kleinstädte zu organisieren?

Natürlich ist so etwas wichtig. Aber das allein schafft noch kein Heimatgefühl. Was mich an den derzeitigen "Land first"-Debatten stört, ist die Inszenierung des Gegeneinanders. Es ist in den vergangenen 15 Jahren nicht nur um Großstadtentwicklung gegangen. Es hat viele Ansätze gegeben, das Leben in kleinen und mittleren Städten zu verbessern. Von Stärkung der Zentren über Sanierungen bis zu Fördermitteln für Wirtschaftsansiedlungen. Es gab auch Erfolge. Nur eben nicht überall.

Seit 1964 sind in Deutschland die Bodenpreise um 1800 % gestiegen. In München um 34000 % - 70 Prozent der Immobilien gehören 10 Prozent der Bevölkerung – brauchen wir vor allem erst einmal eine Art urbane Bodenreform?

Natürlich brauchen wir eine andere Bodenpolitik. Grund und Boden ist nun einmal nicht vermehrbar. Und wenn jemand mit Immobilien, mit Wohnen exorbitante Gewinne macht, dann muss man diese Gewinne eben teilweise abschöpfen und für das Gemeinwohl nutzbar machen. Wenn die Bodenwertsteigerungen das Leben in Städten – großen wie kleinen – behindert oder unmöglich macht, dann muss es eine gesellschaftliche, staatliche Reaktion darauf geben.

Um noch einmal Sibylle Berg aufzugreifen: Die fragt sich, ob das Leben in kleinen, langweiligen Städten anders wäre, wenn die Bewohner sich komplett selbst verwalten würden – ein utopischer Gedanke?Oder einer, der für alle Kommunen gelten könnte?

Tja, da müsste erst einmal die Frage beantwortet werden, wer sich eigentlich selbst verwalten will. Leute, die jetzt nicht einmal zur Kommunalwahl gehen? Und wenn die Kreisgebietsreformen die Verwaltungseinheiten immer größer machen, wird schon eine normale Bürgerbeteiligung immer schwerer. Im Grunde hat die Unübersichtlichkeit der Großstadt im ländlichen Raum Einzug gehalten. Städte mit 25 Ortsteilen und die Kreisstadt oft weit entfernt – da hat sich die Überschaubarkeit irgendwie auch erledigt.

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