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Ausstellung
Hamburger Kunsthalle zeigt Werke über das "Trauern"

Die Hamburger Kunsthalle zeigt eine Ausstellung zum Thema "Trauer".
Die Hamburger Kunsthalle zeigt eine Ausstellung zum Thema "Trauer". © Foto: Lukas Schulze/dpa
Boris Kruse / 06.03.2020, 04:30 Uhr
Hamburg (MOZ) Sie erwischt uns alle irgendwann. Sie zieht uns den Boden unter den Füßen weg, sie wirft alle Gewissheiten, alle Sicherheit und Ordnung des Alltagslebens über den Haufen. Es gibt keine Medizin, die verlässlich dagegen wirkt: Die Trauer ist eine Macht, der wir uns kaum entziehen können. Ganz gleich, ob es dabei um den Verlust eines Menschen durch Tod geht, um das Ende einer Beziehung oder um einen Heimatverlust.

Die Hamburger Kunsthalle hat nun erstmals im deutschsprachigen Raum eine große Ausstellung zu diesem Thema vorbereitet. "Trauern. Von Verlust und Veränderung" bündelt auf zwei Stockwerken Arbeiten von rund 30 Gegenwartskünstlern aus 15 Ländern. Die Kuratorin Brigitte Kölle hat aus einer Fülle von Ausdrucksmitteln und Arbeitstechniken geschöpft – Gemälde und Fotografien sind ebenso darunter wie Skulpturen, Plastiken, Filme, Klanginstallationen und Diaprojektionen. Unter den vertretenen Kunstschaffenden sind Schwergewichte wie Rosemarie Trockel, Andy Warhol, Maria Lassnig und Christian Boltanski.

Jede Zivilisation entwickelt ihre eigenen Trauerriten, das wird in dieser bunten Vielstimmigkeit mosaikartig deutlich. Nicht alle gehen damit so verschämt und verschwiegen um wie die modernen westlichen Gesellschaften. Wer durch das Treppenhaus der Kunsthalle wandelt, wird von der neuen Klanginstallation "Four Part Harmony" von Suzan Philipsz in Empfang genommen. Darin wird die heidnisch-keltische Tradition des gemeinsamen, öffentlichen Wehklagens zu neuem Leben erweckt: Die Trauer ist eingehegt in ein gemeinschaftliches Ritual.

Ganz anders manche Ansätze, die die Vereinzelung und den Rückzug von Trauernden festhalten. Maria Lassnig (1919–2014) zeigt diese Trauerarbeit in ihren Gemälden mit einem geradezu körperlich spürbaren Schmerz, indem sie in "Balken im Auge / Trauernde Hände" (1964) einen Farbstrahl mit kräftigem Pinselauftrag durch das Auge der Trauernden hindurchfahren lässt.

Ein zentraler Aspekt von Brigitte Kölles Ansatz, um den herum die Ausstellung in mehreren Beispielen kreist, ist das Spannungsfeld aus öffentlicher und privater Trauer. Hier zeigt Kölle sich in ihrer Auswahl als genaue Beobachterin eines öffentlichen Diskurses, der beinahe schizophren anmutet: Einerseits ist allezeit Raum für die medial ritualiserte Trauer um prominente Sympathieträger – man denke an das kollektive Tränenvergießen um Lady Di, oder um Popstars wie Prince oder David Bowie.

Interessant wird es andererseits in dem Moment, in dem private Trauer verhandelt wird. Hier geht es deutlich verschämter zu. Es beginnt ein Bereich des Unaussprechlichen, Indirekten, ein verschwiegenes Zwischenreich. Es scheint, als würden die beteiligten Künstler nach einer Metapher für das Verlustgefühl suchen. So etwa der Kubaner Félix González-Torres, der in seiner Installation "Untitled (Loverboy)" von 1991 die Trauer um seinen an Aids verstorbenen Geliebten verarbeitet. González-Torres, bei dem ebenfalls HIV diagnostiziert wurde und der 1996 gestorben ist, lässt dafür in Museen einen Haufen Bonbons in Glitzerfolie aufschichten. Bei Beginn jeder Ausstellung haben die Bonbons das Gewicht von ihm und seinem bereits verstorbenen Freund zusammen. Die Besucher sind aufgefordert, sich die Bombons zu nehmen und zu lutschen.

Wer trauert, womöglich länger als die üblicherweise zugestandenen Wochen, zeigt Schwäche und ist potentiell dysfunktional – in einer Gesellschaft, die dafür selten Raum lässt. Viele kennen das: Während wir im Kino über ein ergreifendes Schicksal weinen können, fällt uns der offene Umgang mit dem Verlust Nahestehender oft schwer. Denn ein solcher Verlust rührt auch den Selbstentwurf vom Leben an, er wird zur Krise des Ich. So sind Trauerinszenierungen auch das Ausstellen eines persönlichen Gefühles am Beispiel des Fremden: Ikonen des öffentlichen Lebens als Blitzableiter für intime Gefühle.

In der Ausstellung wird das durch Andy Warhols Porträt von Jackie Kennedy deutlich, der Witwe des ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy (1917–1963), die hier als würdevoll und demonstrativ in der (und wohl auch für die) Öffentlichkeit trauernde Ikone gezeigt wird. Klugerweise wird der Ball aber in der Ausstellung sogleich zurückgespielt an das Gegenüber in dieser medial inszenierten Trauergemeinde. Zeitraffer um fünf Jahre vor, in das Jahr 1968 – wir bleiben bei den Kennedys: Der Fotograf Paul Fusco hat den Trauerzug begleitet, mit dem der Sarg Robert F. Kennedys von New York zur Bestattung nach Washington, D. C. überführt wurde. Rund eine Million Menschen säumten diesen Zug und erwiesen dem jüngeren Bruder an den Gleisen die letzte Ehre. Wir blicken ihnen direkt in die Augen, fotografiert von der Lokomotive des Zuges aus: Arbeitern, Familien, Senioren, Farbigen und Weißen – ein Querschnitt der amerikanischen Gesellschaft.

Trauer bleibt ein beängstigendes Gefühl. Aber diese vielgestaltige, kluge Ausstellung kann Augen öffnen und einen kathartischen Effekt erzeugen.

"Trauern. Von Verlust und Veränderung", bis 14. Juni, Kunsthalle, Hamburg,  www.hamburger-kunsthalle.de

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