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Covid-19
Bestatter in Brandenburg beschleicht wegen Corona ein mulmiges Gefühl

Letztes Geleit: Der Verband Deutscher Bestatter hat seine Forderung bekräftigt, alle Bestattungsunternehmen als systemrelevant anzuerkennen. Auch, um die Unternehmen ausreichend mit Desinfektionsmitteln und Schutzkleidung versorgen zu können. (Symbolfoto)
Letztes Geleit: Der Verband Deutscher Bestatter hat seine Forderung bekräftigt, alle Bestattungsunternehmen als systemrelevant anzuerkennen. Auch, um die Unternehmen ausreichend mit Desinfektionsmitteln und Schutzkleidung versorgen zu können. (Symbolfoto) © Foto: Nicolas Armer/dpa
Kerstin Bechly / 07.05.2020, 03:30 Uhr - Aktualisiert 07.05.2020, 07:05
Bernau/Berlin (MOZ) In Brandenburg sind bis Mittwoch früh 151 Menschen an Covid-19 verstorben. Sie auf ihrem letzten Weg zu begleiten, ist für Bestatter risikobehaftet, denn eine Ansteckung bei der Übernahme der infektiösen Toten in Krankenhäusern und Pflegeheimen lässt sich nicht ausschließen. "Es ist schon ein anderes Gefühl, wenn man einen Corona-Toten abholt, trügerisch, ein wenig mulmig", gibt Jörg Düring, Bestatter aus Bernau, zu.

Weil das Coronavirus über Tröpfchen übertragen wird, befürchten einige Bestatter, dass sie sich beim Umlagern eines infektiösen Leichnams anstecken. "Es kommt vor, dass beim Umheben restliche Luft aus den Lungenflügeln des Toten herausgedrückt wird. Krankheitserreger können in diesem Moment durch Mund und Nase entweichen", beschreibt Fabian Lenzen, Bestatter in Berlin und Pressesprecher der Bestatter-Innung von Berlin und Brandenburg. Laut Robert-Koch-Institut (RKI), der deutschen Bundesoberbehörde für Infektionskrankheiten,  sind darüber hinaus theoretisch auch eine Schmierinfektion und eine Ansteckung über die Bindehaut der Augen möglich.

Alles über das Coronavirus und seine Folgen für Brandenburg und Berlin in unserem Corona-Blog.

Der Fachverband des Deutschen Bestattungsverbands hatte beizeiten empfohlen, Tote mit hoch ansteckenden Viren sofort in eine spezielle Schutzhülle oder in mit Desinfektionsmitteln getränkte Tücher zu wickeln. Corona-Tote sollen zudem mit einem Mundschutz in den Sarg gelegt werden, der umgehend zu verschließen ist und – so ausdrücklich empfohlen – zur Einäscherung in ein Krematorium gebracht wird.

"Im Klinikum Bernau wurden uns die Toten gleich in einer  Schutzhülle übergeben, bevor wir sie in eine luftdichte Bergehülle umgelagert haben. Die Hüllen und auch der Sarg waren jeweils mit dem Covid-19-Hinweis versehen", beschreibt Bestatter Jörg Düring den achtsamen Umgang. Auch die Schutzkleidung bedeute Sicherheit.

Niemand weiß  bisher, wie lange das Coronavirus, das der Risikostufe 3 zugeordnet ist (siehe Info-Kasten), nach dem Tod des infizierten Menschen noch lebensfähig ist. Untersuchungsergeb-nisse des RKI zur sogenannten Tenazität, dem zeitlichen Überleben des Erregers, liegen bisher nur zu unbelebten Oberflächen sowie Aerosolen vor.

"Sehr gut orientieren kann man sich an den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts zum Umgang mit SARS-CoV-2-infizierten Verstorbenen. Die ist keine Rechtsvorschrift, aber die weitgehendste Empfehlung", betonte Fabian Lenzen zu Wochenbeginn. Die Empfehlungen zur Basishygiene, zu besonderen Hinweisen und infektionsschutzrechtlichen Herausforderungen aufgrund von Bestattungsriten seien nach Ostern veröffentlicht worden. "Einheitliche Regeln sind wichtig, wenn wir den Angehörigen gegenübertreten", betont Lenzen.

Noch länger mussten die Bestatter auf eine Richtlinie des Landes Brandenburg warten. Die "Empfehlungen für Bestattungsunternehmen zum Umgang mit Verstorbenen, die an Covid-19 erkrankt waren" sind seit Dienstag auf der Homepage des Ministeriums für Soziales und Gesundheit nachzulesen. Dort wird beispielsweise beim Freiwerden keimbelasteter Tröpfchen auf Anforderungen an die Schutzkleidung hingewiesen. Bei der Beschaffung dieser haben die Bestatter der Innung unterschiedliche Erfahrungen gemacht. "In Berlin sind wir durch den Senat gleich eingebunden worden. Unsere Bestatter haben drei Lieferungen an Schutzmaterialien erhalten. Bei Desinfektionsmitteln gibt es noch Lücken", schätzt Fabian Lenzen ein. "In Brandenburg hieß es aus dem Krisenstab, die Kreise seien zuständig. Dort halfen einige weiter, andere verwiesen wieder zurück an das Land. Inzwischen bekommen wir die notwendigen Lieferungen."

Das Bestattungsunternehmen von Jörg Düring hatte sich selbst gekümmert und die höheren Ausgaben in Kauf genommen. Bei Desinfektionsmitteln war es das Vier- bis Fünffache normaler Preise, Atemschutzmasken schossen vom Centbereich bis zu vier, fünf Euro nach oben, liegen jetzt bei 1,50 Euro pro Stück.

Sehr sensibilisiert

Nicht mehr in Kontakt mit Covid-19-Toten kommen die Mitarbeiter im Krematorium Lichterfelde bei Eberswalde. Ein Rechtsmediziner aus Potsdam nehme im Auftrag des Landkreises die zweite Leichenschau vor. "Sofort danach geben wir die Särge ins Feuer", erklärt Geschäftsführer Mario Gless. Über 30 Corona-Tote sind diesen Weg bisher gegangen.

Vor gut zehn Tagen hat Jörg Düring zum letzten Mal einen Corona-Toten aus der Brandenburg-Klinik in Bernau abgeholt. Auch wenn er hofft, dass es keine zweite Welle mit mehr Toten gibt, nehmen er und seine Mitarbeiter einiges mit in die Zukunft: "Jeder von uns ist sehr sensibilisiert. Wir schützen uns mehr, weil wir Familie, Freunde und andere nicht gefährden wollen."

Alles über das Coronavirus und seine Folgen für Brandenburg und Berlin in unserem Corona-Blog.

Risikoeinschätzung von Viren

Arbeitsschutzmaßnahmen zum Schutz vor Infektionen in Bestattungsunternehmen ergeben sich aus der Biostoffverordnung und den Technischen Regeln für Biologische Arbeitsstoffe.

Eingestuft ist der Corona-Krankheitserreger in der Risikogruppe 3 wie auch Krankenhauskeime, Hepatitiserreger und HIV.

Die Skala der Biostoffverordnung reicht von der Stufe 1 mit Viren, bei denen es unwahrscheinlich ist, dass sie beim Menschen eine Infektionskrankheit verursachen, bis zur 4 und damit höchster Ansteckungsgefahr wie durch Ebola-Viren. ⇥red

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