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Gesucht und gefunden: Als Flüchtling war er noch allein unterwegs – in Lobetal hat Khaled Altal mit einer neuen Liebe die Zukunft geplant

An(g)ekommen
Nicht ohne die Kinder

Jana Reimann-Grohs / 17.12.2018, 14:42 Uhr - Aktualisiert 17.12.2018, 19:40
Lobetal (MOZ) Es gibt viele Gründe, nach Brandenburg zurückzukehren oder als Zuzügler ein neues Leben zwischen Prignitz, Uckermark, Fläming und Lausitz zu beginnen. In unserer neuen Serie stellen wir Menschen vor, die im märkischen Land angekommen sind.

In seiner syrischen Heimatstadt Zabadani war Khaled Altal Antiquitätenhändler, handelte mit Gold und Silber, besaß ein Auto und drei Eigentumswohnungen. Der Krieg hat in dem beliebten Ausflugsort, nahe der Grenze zum Libanon, fast alles zerstört. 2012 zog er in den Nachbarort Bludan, später nach Beirut, fand dort auch keine Arbeit.

Er müsse nach Europa auswandern, empfahlen Freunde. Und Khaled beschloss, im Jahr 2014 fernab allein neu anzufangen – weder der deutschen noch englischen Sprache mächtig. Über mehrere Staaten hinweg hat ihn sein Weg bis nach Deutschland geführt. Keine einfache Reise: zu Fuß, mit Bus, Boot und Bahn. Zehntausend Dollar Erspartes sind dafür draufgegangen. Weitere 50 000 hat seine Familie in den Kriegsjahren vor der Flucht aufgebraucht.

Als er im Frühling 2015 in Lobetal ankommt, liegt eine Odyssee aus kurzfristig gescheiterten Fluchtfahrten, Verhören durch die Polizei und diversen provisorischen Unterkünften hinter ihm. Auf seinem Umweg über die Türkei, Serbien, Albanien, Griechenland, Ungarn, quer durch Deutschland nach Eisenhüttenstadt und letztendlich Bernau trug er stets nur eine kleine Tasche, seine Jacke und ein Smartphone bei sich. Ehefrau und drei Kinder warteten im Kriegsgebiet, um auf einem weniger gefährlichen Weg nachkommen zu können. Durch gesetzliche Einschränkungen des Familiennachzugs 2016 war dies nicht mehr möglich und Khaled blieb fern.

Freunde, die mit Khaled flüchteten, sind in andere deutsche Städte weitervermittelt worden. Doch vollkommen allein auf sich gestellt war der 41-Jährige nie. Die evangelische Kirchengemeinde Lobetal nahm den Geflüchteten 2015 mit einer Willkommensinitiative auf, bei der er die einheimische Christine das erste Mal traf und sich mit ihr anfreundete. Neben ihrer Ausbildung zur Erzieherin erteilte die 25-Jährige damals ehrenamtlich Deutschunterricht. Seit Mai 2017 sind die beiden ein Paar.

Unter der Woche hilft Khaled seit seiner Ankunft täglich in der Ukraine-Hilfe Lobetal aus, lernt hier nebenbei Deutsch. „Am Anfang war die Kommunikation noch schwierig“, bestätigt Frieda Kirchherr als jahrzehntelange Ehrenamtlerin. „Jetzt überrascht er uns schon mit Witzen und versteht die Zusammenhänge“, so die 68-Jährige. Die Kollegen schätzen den jungen Mann. Viele Flüchtlinge hätten schon mitgeholfen – er sei als Einziger geblieben, bestätigt die 71-jährige Barbara Schartmann.

Er wollte nicht herumsitzen, argumentiert Khaled. Sich vom Jobcenter ohne Arbeit aushalten zu lassen, kam damals wie heute nicht infrage. Der Syrer packt gerne mit an, wenn Spenden wie Matratzen, Schränke, Kleidung und Spielzeug abgeladen werden. Immerhin sind es wertvolle Gegenstände und Waren, die woanders dringend benötigt werden. Dass er hier wirklich gebraucht wird, spürt Khaled jeden Tag. Im April 2016 erhielt er für sein „bemerkenswertes ehrenamtliches Engagement“ das Ehrenzeichen der Stadt Bernau verliehen.

Khaled ist bei der Arbeit stets gut gelaunt, sagen die Kollegen. In seinem tiefsten Inneren ist er aber oft traurig. Dieses Weihnachtsfest wird bereits das vierte sein, welches er ohne seine Kinder verbringt. Dennoch meint der Syrer: „Ich lebe hier gut in Lobetal. Ich habe eine schöne Wohnung, die Leute sind sehr gut, helfen mir immer.“

So richtig „angekommen“ ist er immer noch nicht. Nicht bevor er sich wieder selbstständig machen kann, nicht bis er seine Kinder wieder in die Arme geschlossen hat. Gemeinsam mit Christine und den zehnjährigen Drillingen, die weit entfernt bei Khaleds Eltern und der jüngsten von vier Schwestern in Zabadani leben, möchte sich der Syrer eine Zukunft in Deutschland aufbauen.

Bis dahin pendelt sein Herz täglich Tausende Kilometer weit. Im Kopf fliehen die Gedanken zurück in die Heimat. Das Mobiltelefon ist die einzige Verbindung zum alten Zuhause und zur Familie, die er schmerzlich vermisst. Stolz zeigt er Fotos seiner zwei Mädchen und des Jungen, verfolgt ihre Entwicklung über Videotelefonie.

Sie sollen ohne Straßenkämpfe, Bombeneinschläge, zerstörte Häuser und Angst aufwachsen, wünscht sich Khaled. In Syrien gäbe es zwar Probleme mit der Stromversorgung und dem Internet. Aber so oft er kann, rufe er die Drillinge an, schildert der Familienvater. „Ich brauche meine Kinder, hier bei mir – Oma und Opa kümmern sich sehr gut, aber ich möchte, dass sie eine Beziehung zu ihrem Vater haben.“

Bei der Botschaft in Beirut hieß es bislang, er müsse wegen des Visums geduldig sein – vor allem solle er nicht mehr nachfragen. Doch aufgeben wird Khaled die Familienzusammenführung nicht. Von seiner Frau ist er inzwischen geschieden. Sie ging nach Schweden und ließ die Kinder allein bei den Großeltern zurück, berichtet Khaled. Ende Juni kam endlich ein Schriftstück, dass er die Fürsorge hat.

„Seine Kinder haben mich am Telefon gefragt, ob ich ihre Herzensmama sein möchte“, erzählt Christine. „Sie haben ihre leibliche Mutter schon drei Jahre nicht mehr gesprochen oder gesehen.“ Es sind bereits Heiratspläne geschmiedet. „Meine Eltern fragen immer nach Tina und haben sie schon als neues Familienmitglied aufgenommen“, sagt Khaled stolz. Persönlich kennengelernt haben sie sie noch nicht.

Khaled fände es gut, wenn seine Kinder mit den beiden kleinen Geschwistern von Christine aufwachsen und schneller die deutsche Sprache erlernen, betont er. „Wir wollen, dass Khaleds Kinder mit uns zusammen wohnen können“ – ein Zimmer stehe schon bereit, sagt die 25-Jährige. In ihrem Mehrgenerationenhaus duftet es nach frisch gebackenen Plätzchen. „Ich liebe die Schokoplätzchen, die Christines Schwestern zusammen mit ihrer Mutter backen“, schwärmt Khaled.

In Syrien gebe es kein Weihnachten für Moslems, erzählt er. Trotzdem hätte er in seiner Heimat Zabadani viele Freunde gehabt, die als Christen mit ihm zusammen die Feiertage verbrachten. Ähnlich wie in Deutschland seien die Wohnungen festlich geschmückt und unter den Tannenbäumen liegen Geschenke – die gleichen Rituale, nur andere Lieder. Der Islam schließe nicht aus, dass auch er sich einen Christbaum aufstelle und Weihnachten feiere, sagt Khaled. Er sei trotz seiner Religionszugehörigkeit ein aufgeschlossener Mensch.

Die größten Familienzusammenkünfte feierte Khaled in seiner Heimat jedes Jahr im Juni – drei Tage lang nach dem Fastenmonat Ramadan. „Alle ziehen sich festlich an, tragen schöne Kleidung“, beschreibt er. Die Familien gehen dann zur Moschee und zum Friedhof, danach treffen sie sich in ihren Wohnungen, bekommen Besuch aus der Nachbarschaft. Die Kinder erhalten von den Erwachsenen kleine Geldgeschenke, es wird viel getanzt, Musik gehört, ein üppiges Buffet wird aufgetischt. In dieser Zeit werde viel gegrillt und gegessen, sagt Khaled – „vor allem Fleisch“. Auch Salate und Früchte wie Khaki, Äpfel, Orangen oder Datteln stehen in Fülle bereit. Dazu werde Schwarztee, Wasser und Kaffee gereicht.

Den Weihnachtsbaum haben Christine und Khaled zusammen ausgesucht. An Heiligabend wird die Kirche besucht. Nachmittags ist Bescherung und dürfen endlich die selbstgebackenen Plätzchen verzehrt werden, mit denen Khaled schon lange liebäugelt. Zum Abend gibt es Kartoffelsalat mit Würstchen. Das Weihnachtsmärchen „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ schaut Khaled dann traditionell auf der Couch im Wohnzimmer mit an – und schläft vermutlich wie gewohnt dabei ein, scherzt er. Doch er tue das gern, Christine und ihrer Familie zuliebe, beteuert er. Und weil er weiß, dass es dazugehört.

In dieser Zeit ist besonders die große Sehnsucht nach seinen Kindern schwer zu verarbeiten. Ihre leuchtenden Augen und die körperliche Nähe zu ihnen kann niemand, auch Christine nicht, ersetzen.

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