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Fast seine gesamte Arbeitszeit hat Erhard Kniebel (63) der Dorfentwicklung rund um Angermünde gewidmet

Porträt
Leidenschaft fürs Landleben

Eines seiner letzten Projekte: Auf dem Monitor hat Erhard Kniebel Fotos von der Sanierung der Burgruine Greiffenberg.
Eines seiner letzten Projekte: Auf dem Monitor hat Erhard Kniebel Fotos von der Sanierung der Burgruine Greiffenberg. © Foto: Oliver Schwers
Oliver Schwers / 14.12.2018, 06:15 Uhr
Angermünde (MOZ) Er liebt das Dorf, war Bürgermeister, Verwaltungsangestellter, Feuerwehrchef. Sein ganzes Leben lang hat er sich um unendlich viele kleine und große Probleme auf dem Lande gekümmert. Jetzt verlässt Erhard Kniebel seinen Schreibtisch im Angermünder Bauamt.

„Wir müssen raus aus der Platte“, sagte der Familienvater Mitte der 80er-Jahre zu seiner Frau. Und meinte den Neubau in Schwedt. Er kam vom Land und wollte unbedingt wieder aufs Dorf. Doch so einfach ging das damals gar nicht. Häuser standen selten zum Verkauf. Und die Arbeit als Elektriker im Erdölwerk war dicht vor der Tür. „Meine Frau und ich wollten aber, dass unsere Kinder auch mit einem Bezug zur Natur aufwachsen“, sagt Erhard Kniebel. Und so tat er das, was für großes Erstaunen sorgte: Er ging einfach zum Chef vom Rat des Kreises Angermünde und erklärte dem, dass er Bürgermeister in irgendeinem Dorf werden wolle. „Sie hören von uns“, lautete die Antwort. Und in der Tat – wenig später eisten die Herren der Verwaltung den Elektro-Fachmann aus dem PCK heraus, sehr zum Ärger der dortigen Vorgesetzten. Der 30-Jährige wurde im Februar 1986 in Herzsprung jüngster Bürgermeister im Kreis Angermünde.

An Problemen mangelte es nicht. „Das Schwierigste auf dem Dorf sind aber die kleinen Befindlichkeiten“, erinnert er sich an den Start. „Einer kann mit dem nicht, der andere mit dem anderen nicht.“ Der Neueinsteiger musste sich in Wohnungspolitik, Verwandtschaftsverhältnisse, Feuerwehrsorgen und Naherholungsgebiet einarbeiten. Und er startete parallel dazu ein Fernstudium Staat und Recht. „Ich habe nie Versprechungen gemacht“, sagt Erhard Kniebel. „Als Bürgermeister ist man Dienstleister. Die Menschen haben ein Recht darauf, mit ihren Sorgen ernst genommen zu werden.“

So sieht er seine Arbeit bis heute. Auf seinem Monitor in dem winzigen Dienstzimmer des Angermünder Bauamts laufen Luftbilder mit traumhaften Aufnahmen von der historischen Altstadt, von krachend gelben Rapsfeldern, von der Burgruine in Greiffenberg, von alten Bauernhöfen und neuen Stallanlagen. Das Interesse zur Fliegerei ist seine Leidenschaft: „Alles was sich länger als zwei Minuten in der Luft halten kann, zieht mich magisch an.“

Wenn er heute seinen Zimmerschlüssel abgibt, schwingt eine gewisse Zufriedenheit mit, an der Entwicklung vieler kleiner Orte mitgewirkt zu haben. In seinen 25 Dienst-Jahren in der kommunalen Verwaltung lernten die vielen Menschen, die mit ihm zu tun hatten, seine ruhige Art schätzen. Kniebel kann zuhören, erzählt auch gern etwas ausschweifender.

Den Wechsel vom Dorfbürgermeister in die Behörde brachte ihm die politische Wende ein. Zwar wurde er bei den ersten freien Wahlen im Mai 1990 wiedergewählt, erklärte aber wenig später seinen Rücktritt und fing als Tourismus-Sachbearbeiter in der im Umbau befindlichen Angermünder Kreisverwaltung an. Im Frühjahr 1993 bewarb sich der Ex-Bürgermeister in Günterberg, wo im gerade gegründeten Amt Angermünde-Land ein Mitarbeiter für das Bauamt gesucht wurde. Eine komplett neue Aufgabe. Erhard Kniebel erlebte den Pioniergeist der 90er-Jahre, als Dörfer plötzlich Bürgersteige und Abwasser bekamen, als Lehmstraßen der Asphaltpiste wichen, als Bau-Pläne und Gewerbegebiete entstanden, als Gelder flossen für den Aufbau Ost. Viele Träume wurden später von der Realität überholt. „Und trotzdem waren diese Jahre die schönste Zeit, weil wir etwas bewegen konnten, weil Anträge und Abrechnung einfach waren, weil wir mit den Bürgermeistern nach Potsdam fuhren, um Türen zu öffnen.“

Doch der Job hat auch Kehrseiten: „Die Leute in unserer Gegend sind bis heute nicht auf Rosen gebettet. Und deshalb ist es immer schwer, ihnen erklären zu müssen, dass sie Straßenbeiträge zahlen müssen, weil es das Gesetz so will. Als Verwaltungsangestellter fängt man den Unmut ab, auch wenn man es selbst nicht als gerecht betrachtet.“

Die Fusion des größten Amtes in Brandenburg mit der Stadt Angermünde führt Erhard Kniebel ins Bauamt der Stadt Angermünde, wo er von Anfang an gut aufgenommen wird. Hier bleibt er seinen Dörfern weiter treu, ist für Erneuerungsprojekte, für Straßenbeleuchtung, touristische Infrastruktur, Flurbereinigung und vieles andere zuständig.

Das Mitwirken an kommunalen Projekten wird ihm fehlen, wenn er in den Ruhestand geht. Dafür kann er sich mehr um sein Haus in Herzsprung kümmern, kann Angeln gehen, der Feuerwehr weiter helfen. Seine Leidenschaft fürs Dorf hat Erhard Kniebel vererbt. Einer seiner drei Söhne ist Ortsvorsteher geworden. Reinreden will er ihm aber nicht. „Kinder müssen ihre eigenen Erfahrungen machen.“

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