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Jugendberufsagentur
Abstiegskarrieren vermeiden

Was soll ich werden? Viele junge Menschen sind bei der Berufswahl überfordert und benötigen nicht nur Hilfe aus dem Elternhaus und der Schule, sondern auch von der Jugendberufsagentur. Junge Menschen in Berlin und Brandenburg, sollen nun stärker unterstützt  werden.
Was soll ich werden? Viele junge Menschen sind bei der Berufswahl überfordert und benötigen nicht nur Hilfe aus dem Elternhaus und der Schule, sondern auch von der Jugendberufsagentur. Junge Menschen in Berlin und Brandenburg, sollen nun stärker unterstützt werden. © Foto: dpa/Hendrik Schmidt
Nina Jeglinski / 06.02.2019, 08:15 Uhr
Berlin (NBR) Schule vorbei – und wie geht es weiter? Dieser Satz soll in Berlin und Brandenburg der Vergangenheit angehören, zumindest wenn es um die Jugendberufsagenturen geht.

Bereits vor dem Schulabschluss sollen Jugendliche, die bei der Berufswahl unsicher sind, Hilfe von einer Jugendberufsagentur erhalten. In Kooperation von Schule, Kommune, örtlichen Arbeitgebern und Arbeitsagentur soll Unterstützung unter einem Dach angeboten werden.

In Berlin und Brandenburg gibt es zwölf bzw. elf solcher Einrichtungen, trotz guter Arbeitsmarktlage fällt es bestimmten Gruppen der Zielgruppe der 15- bis 25 -Jährigen schwer, den richtigen Weg nach Ende der Schulzeit zu finden.

„Gesellschaftlich wie wirtschaftlich können wir es uns nicht leisten, Jugendliche ohne Perspektive zurückzulassen. Manche Jugendliche sind nach dem Ende der Schulzeit nicht ausbildungsreif und brauchen mehr Unterstützung. Deshalb muss jetzt die Kooperation aller Partner intensiviert werden,“ sagte Bernd Becking, Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit, bei einem Besuch der Jugendberufsagentur Tempelhof-Schöneberg in Berlin.

Die ersten Jugendberufsagenturen wurden bundesweit bereits 2006 gegründet, in Mainz und Hamburg sind die Agenturen besonders erfolgreich. Trotz sinkender Arbeitslosenzahlen gilt die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen als eines der Hauptprobleme auf dem Arbeitsmarkt.

Deshalb wollen die Jugendberufsagenturen in diesem Jahr die Zusammenarbeit mit Schulen und potentiellen Arbeitgebern intensivieren. Als Vorbild dafür gilt Hamburg. Dort hat man gute Erfahrungen mit einer engen Verflechtung aller Beteiligten gesammelt, vor allem das Abrutschen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen soll verhindert werden. Oftmals gebe es regelrechte „Abstiegskarrieren“ bei jungen Leuten, das fängt mit keinem oder einem schlechten Schulabschluss an, es folgt eine Phase der Orientierungslosigkeit, der Einzelne wisse nicht, welchen Beruf er erlernen soll. Wenn dann eine Lehrstelle gefunden wurde, entspricht die Tätigkeit oftmals nicht den Vorstellungen des Jugendlichen oder die Firmen sind mit den Qualifikationen unzufrieden. Man trennt sich. Woraufhin bei jungen Menschen oftmals das Abrutschen in Aushilfsjobs, Arbeitslosigkeit bis hin zum Absacken in illegale Betätigungsfelder die Folge ist. Vor solchen „Karrieren“ warnt Christian Hoßbach, Vorsitzender des DGB Berlin-Brandenburg.

Nicht nur in Großstädten wie Berlin und Hamburg sei das zu beobachten, sondern auch in den Städten von Flächenländern wie Brandenburg. Trotz guter Wirtschaftslage waren in Berlin Ende 2018 insgesamt 11 732 Menschen unter 25 Jahre ohne Arbeit, in Brandenburg lag die Zahl bei 5255. Damit hat Berlin bei Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren die höchste Arbeitslosigkeit im Bundesgebiet. Die Quote bei den 15- bis 20-Jährigen ohne Arbeit liegt bei zehn Prozent, bei den 20- bis 25 -Jährigen waren es Ende 2018 acht Prozent. Den jungen Menschen, denen es nicht gelingt, eine Berufsausbildung abzuschließen, droht später ein fünfmal höheres Risiko, arbeitslos zu werden. Bildungsarmut steht häufig ganz am Anfang von Langzeitarbeitslosigkeit und endet meistens mit Altersarmut.

Was die Jugendberufsberatungen zunehmend beobachten ist, dass junge Menschen oftmals Hilfe suchen, weil sie keine Wohnung finden und aus dieser Situation ihre Ausbildung nicht aufnehmen oder nicht fortführen können, zudem kämen immer mehr junge Menschen mit psychischen Erkrankungen. „Im Grunde ist das eine Aufgabe, die früher in den Familien geregelt wurde, aber das klassische Familienbild wird durch neue Muster ergänzt“, sagt Holger Wenk, Pressesprecher der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit.

Auch auf solche Entwicklungen müsse sich die Gesellschaft einstellen. Als ein weiterer Trend gelte die steigende Zahl der Ausbildungs- und Studienabbrecher. Erstere ist auf Rekordniveau. 2018 hat bundesweit jeder vierte Azubi seine Lehre vorzeitig hingeschmissen. In Brandenburg war es sogar jeder dritte. Zudem haben in Brandenburg im vergangenen Jahr 30 Prozent der Studierenden ihr Studium abgebrochen, Gründe dafür waren mangelnde Fähigkeiten in den Fächern Mathematik oder inSprachen.

Die Gewerkschaften sehen in der schlechten Bezahlung der Auszubilden einen wichtigen Grund für die hohe Zahl der Abbrecher. Die Arbeitgeber beklagen mangelnde Disziplin und falsche Vorstellungen vom Berufsalltag.

An beiden Argumenten scheint etwas dran zu sein. Damit junge Leute ihre Perspektive in Brandenburg sehen und nicht abwandern, braucht es nach Meinung des DGB eine Mobilitätsoffensive. „Betriebe und Berufsschulen müssen gut ans Verkehrsnetz angebunden sein und die Monatskarten für Bus und Bahn bezahlbar,“ sagt Christian Hoßbach. Die Arbeitgeber wollen die Schulen stärker als bisher in die Pflicht nehmen. Dort sei es nicht nur nötig, realistischere Vorstellungen über Berufswege und den Berufsalltag zu vermitteln, sondern auch wieder eine stärkere Gewichtung auf Kompetenzen in den Fächern Deutsch, Englisch und vor allem Mathematik zu vermitteln, fordern Arbeitgeberverbände wie die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeber (BDA).

Hamburg ist schon einen Schritt weiter. Dort gibt es die Hilfestellung leistenden Jugendberufsagenturen bereits seit mehr als acht Jahren. Sönke Fock, Chef der Agentur für Arbeit Hamburg, erwartet für dieses Jahr – trotz aller vorhergesagten Eintrübungen der Wirtschaft –  eine Rekordbeschäftigung von einer Million sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, das Ziel will die Stadt bis spätestens Juni 2019 erreichen.

Damit Schulabgänger gar nicht erst zum Ausbildungs- oder Studienabbrecher werden, rät Fock, sich möglichst früh und ausführlich über die mehr als 300 Ausbildungsberufe zu informieren, Schule, Elternhaus und die Kommunen seien in der Pflicht jenen jungen Menschen dabei zu helfen, die dabei Unterstützung brauchen und suchen.

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