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Entwicklung verschlafen
Neuenhagens Bürgermeister kämpft für eine neue Schule

Oberhaupt in Neuenhagen: Bürgermeister Ansgar Scharnke (Die Parteilosen) am Arbeitsplatz seines Büros im Rathaus.
Oberhaupt in Neuenhagen: Bürgermeister Ansgar Scharnke (Die Parteilosen) am Arbeitsplatz seines Büros im Rathaus. © Foto: Jana Reimann-Grohs
Jana Reimann-Grohs / 11.06.2020, 05:00 Uhr - Aktualisiert 11.06.2020, 07:22
Neuenhagen (MOZ) Seine Gemeinde werde gegenüber anderen benachteiligt, klagt Bürgermeister Neuenhagen soll unabhängig von Altlandsberg eine Oberschule bauen dürfen. Wie er das erreichen will, erklärt er im Interview.

Herr Scharnke, warum ist Ihnen eine neue Oberschule so wichtig? Mit der Privaten des IB haben Sie doch eine?

Es geht um eine staatliche Oberschule. Ich hatte schon vor meiner Wahl gesagt, dass die Schulentwicklung in Neuenhagen und im Landkreis verschlafen wurde. Seit ich hier im Amt bin (13. Mai 2018), habe ich gegenüber dem Landrat klar Position bezogen: Unser Bedarf an Oberschul-, Grundschul- und Gymnasiumsplätzen ist überaus groß wegen des rasanten Zuzugs. Angesichts 19 000 Einwohnern haben wir als zweitgrößtes Mittelzentrum im Landkreis auch einen Anspruch darauf. Wir rücken damit immer mehr an Strausberg ran. Und Strausberg hat eine Vielzahl an Schulen. Der Bedarf für Neuenhagen ist da. Deshalb wird die Gemeindevertretung hoffentlich mit großer Mehrheit den Beschluss zur Errichtung fassen. Der Wunsch der Bürger danach ist ja nicht neu, er existiert seit vielen Jahren und wird vielleicht erst seitdem ich Bürgermeister bin gegenüber dem Landkreis und allen anderen stärker artikuliert.

Warum wurde dann jüngst von Landrat Gernot Schmidt behauptet, Neuenhagen wollte keine Oberschule – deshalb bekomme sie Altlandsberg?

Der Landrat hat auf der öffentlichen Sitzung des Schulausschusses am 27. Mai die Schuld auf meinen Vorgänger geschoben. Was dieser aber 2016 gesagt haben soll, kann heute keine Belange mehr für die Entscheidung sein. Der Plan für die neue Oberschule in Altlandsberg ist ohne Konsultation Neuenhagens im Rahmen des Kreistages im April 2019 gemacht worden und war nie Inhalt irgendeiner Debatte. Der Landrat hatte nur den Auftrag bekommen, mit Altlandsberg die Errichtung einer vierzügigen Oberschule mit gymnasialer Oberstufe zu verhandeln. Mehr gab es nicht. Dieser Kompromiss war nicht mit Neuenhagen abgesprochen. Ich sehe jetzt die Abgeordneten des Kreistages in der Pflicht, das Thema auf die Tagesordnung zu setzen.

Immerhin haben Sie das Gymnasium im Ort …

Wir haben das Einstein-Gymnasium (EGN), es ist aber für viele umliegende Gemeinden zuständig. Das EGN platzt aus allen Nähten und die private Oberschule (IB) ist nicht annähernd in der Lage, den aktuellen Bedarf zu decken. Wir hatten im Sommer 2018 eigentlich auch schon eine mündliche Zusage des ersten Beigeordneten Friedemann Hanke und Schulamtsleiters Tobias Seyfarth für die Idee des Campus mit Förderschule, Grundschule und Oberschule. Vielleicht hat der Landkreis es damals für einen guten Kompromiss gehalten, die Oberschule mit gymnasialer Oberstufe in Altlandsberg zu bauen. Das ist er aber aus meiner Sicht nicht.

Denken Sie, dass es hier in Neuenhagen jetzt noch möglich ist, eine staatliche Oberschule zu errichten?

Ja klar, wir haben den Platz. Ich habe auch nichts dagegen, dass Altlandsberg seine bestehenden Kapazitäten erweitert und eine neue Oberschule baut. Mit sechs Zügen ist sie aber völlig überdimensioniert. Altlandsberg will damit auch die umliegenden Gemeinden versorgen. Wir sind aber mit über 19 000 Einwohnern die größere Gemeinde. Zu viele Schüler müssten aus Neuenhagen über vier bis sechs Jahre jeden Tag nach Altlandsberg fahren.

Was wollen Sie also tun?

Weder die geplante Oberschule in Neuenhagen noch die Oberschule in Altlandsberg sind im aktuellen Schulentwicklungsplan des Landkreises enthalten. Nachdem Altlandsberg den Errichtungsbeschluss 2019 gefasst und beim Bildungsministerium eingereicht hat, fassen wir jetzt unseren. Ich werde meine Argumente in Potsdam vortragen. Der Landrat hat seine Zustimmung für eine Oberschule in Neuenhagen im Sommer 2019 verweigert. Letztlich muss das Bildungsministerium entscheiden, welchem Errichtungsbeschluss es die Genehmigung erteilt.

Was wäre aus Ihrer Sicht ein guter Kompromiss?

Es wird ja gerade am neuen Schulentwicklungsplan gearbeitet. Ich wünsche mir, dass Gernot Schmidt die Dimensionierung der Oberschule für Altlandsberg überdenkt. Anhand der Zahlen ist nachvollziehbar, dass Neuenhagen aktuell stärker wächst als Altlandsberg. Sinnvoll wäre: Altlandsberg erweitert seine Schule nur dreizügig und bekommt dann damit eine kostenlose Erweiterung der Grundschule, und wir würden auch eine dreizügige Oberschule bauen. Man könnte schauen, wie sich die Schülerzahl entwickelt und wo die Nachfrage größer ist. Ein paar Jahre später würde dann die jeweilige Schule erweitert.

Wie ist die derzeitige Entwicklung der Schulabgänger in Neuenhagen?

Die Hälfte sucht nach der sechsten Klasse einen Platz am Gymnasium und die andere Hälfte an der Oberschule. Wir haben jetzt neun Klassen, die in die siebten Klassen wechseln und könnten dementsprechend heute schon eine Oberschule mit mindestens vier Zügen füllen. Anhand der jetzigen ersten Klassen erkennen wir schon: In sechs Jahren werden wir sogar zehnzügig sein.

Was ist mit dem Gymnasium?

Die Situation ist dramatisch. Das EGN wurde ja erweitert, um für fünf Züge vernünftige Lernbedingungen zu schaffen. Im August werden wir dort sechs neue 7. Klassen haben. Die geschaffenen Kapazitäten für gute Lernbedingungen werden aufgrund der Übernachfrage gefüllt und es wird wieder enger. Viele Schüler haben dieses Jahr trotz Empfehlung keinen Platz mehr bekommen, in den letzten Jahren mussten sich etwa drei Klassenzüge woanders orientieren. Das EGN ist zuständig für die Umgebung. In Neuenhagen sollte ein breites Angebot an Oberschul- und Gymnasiumsplätzen geschaffen werden.

Könnte eine Schule mit gymnasialer Oberstufe die Situation entlasten?

Leider hat sich durch die Entscheidung, ein weiteres Gymnasium in Strausberg zu errichten nichts für unsere Schüler verbessert. Sicher würde eine gymnasiale Oberstufe im Ort zur Entlastung beitragen. Wer sich noch nicht sicher darüber wäre, eine Ausbildung oder Abitur zu machen, hätte die Option im Ort. Das würde auch das EGN entlasten. Müssen Schüler aber, die eigentlich im Ort bleiben wollen woanders hinfahren, wird auch der Andrang am Gymnasium bleiben.

Warum machen Sie sich noch für eine neue Oberschule in Neuenhagen stark?

Wenn die Kinder Neuenhagen verlassen müssen, um auswärts eine Schule zu besuchen, fehlt die Aktivität in den Vereinen. Das Lebensumfeld wird an den Ort der Schule verlagert. Müssen die Kinder nicht so viel umherfahren, haben sie auch mehr Zeit für außerschulische Aktivitäten. Außerdem wird Neuenhagen eindeutig benachteiligt. Es muss einmal die Kosten von 30 Millionen für die neue Grundschule tragen und bekommt dann keine Oberschule, die der Landkreis finanzieren würde. Der Schülerverkehr nach Altlandsberg würde vom Landkreis finanziert. Das tragen wir als Gemeinde mit einer Kreisumlage von zehn Millionen im Jahr deutlich mit. Das sind ein Viertel unseres Haushaltes.

Entwicklung der Schulabgänger und Klassenstärken in Neuenhagen

Grundschulenmit aktuell 1151 Schülern (davon 182 Schulabgänger für 2020/21):

Fallada-GS 240 Schüler in neun Klassen (54)

Goethe-GS 359 Schüler in 14 Klassen (51)

GS am Schwanenteich  552 Schüler in 22 Klassen (77)

Schulabgänger der Grundschulen (2014–2024):

2014/15:132 2015/16:134 2016/17:158 2017/18:140 2019/20:18 22020/21:185 2021/22:174 2022/23:185 2023/24:1912024/25:187      

Oberschule Internationaler Bund (IB)2019/20 mit 118 Schülern insgesamt – Aufnahme für Schuljahr 2020/21: 60 Schüler, verteilt auf drei 7. Klassen (160 insgesamt)Einstein-Gymnasium (EGN)2019/20 mit 811 Schülern insgesamt – Aufnahme für Schuljahr 2020/21: 180 Schüler, verteilt auf sechs 7. Klassen (888 insgesamt)

EGN-Schulabgänger (2014–2020):

2014/15:7672015/16:7202016/17:6992017/18:8022018/19:7982019/20:8112020/21:888 ⇥jrg

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Jeannette Rüdiger 12.06.2020 - 10:12:03

@Herr Kuck

Sehr geehrter Kuck, die Gemeindevertreter und ein Bürgermeiser sollten doch stets zuerst Ihre Gemeinde oder Stadt vertreten. Die Kostengründe, die gegen zwei Schulen sprechen, sind nicht hinnehmbar. Es wurde über Jahre gespart. Über Jahre steigen die Schülerzahlen und es wurde nur beobachtet und gehofft, die Eltern würden schon eine Lösung finden. Was spricht gegen zwei Oberschulen? "Nur" Kostengründe sprechen dagegen. Das ist sparen auf dem Rücken der Kinder und Familien. Altlandsberger Kinder fahren mit dem Schülerverkehr, wenn sie aus den umliegenden Dörfern kommen, die zu Altlandsberg gehören. Es spricht überhaupt nichts gegen einen exklusiven Schülertransport. Viele Neuenhagener Schüler fahren mit dem Elterntaxi, Rad oder erst mit der Bahn und dann mit dem Linienbus. Da bestehen schon deutliche Unterschiede. Der evtl. enstehende Radweg von Neuenhagen durch die OT Elisenhof und Wiesengrund, machen das auch nicht besser. Links ist ein Wald, rechts ist Feld. Wer lässt da sein Kind bei Wind und Wetter fahren? Diese mögliche Radwegstrecke ist im übrigen nie in 5 min. zu bewältigen. Nicht einmal motorisiert. Es ist wie es ist. Die Kinder zahlen den Preis. Altlandsberg braucht eine neue / größere Oberschule. Neuenhagen aber auch!

Alfred Kuck 11.06.2020 - 08:19:07

Nicht in allem hat Herr Scharnke recht

Einige Aussagen von Herrn Scharnke sind stakt gemeindlich kolloriert. Die langsamere Entwicklung Altlandsberg hat auch damit etwas zu tun, dass die Stadt Altlandsberg vom Land her in der Entwicklung gebremst wird, weil es kein Mittelzentrum ist. So ist z.Bsp. Altlandsberg beschränkt an der Fläche, die als Wohnbauflächen ausgewiesen werden dürfen. Auch ist nicht nachvollziehbar, warum Neuenhagener Kindern ein pendeln nicht zumutbar sein soll, Altlandsberger Schülern und Schüler anderer Gemeinden aber wohl. Selbst Altltlandsberger Grundschüler kommen mit dem Schülerverkehr in die Schule. Bezüglich der von Herrn Scharnke angesprochenen 2 Standorte einer jeweiligen dreizügigen Oberschule ist auch die Kostenfrage zu beachten. Verursachen zwei Schulen mehr Baukosten und wie sieht das Verhältnis bei den Unterhaltungskosten aus. Ich würde mir wünschen, dass ein wenig die gemeindlichen Wünsche stärker territorial betrachtet werden. Alles nur in einer Gemeinde anzusiedeln halte ich für falsch, denn sies bringt auch Verkehrsprobleme, Umweltbelastung usw.. So einfach wie Herr Scharnke die Situation darstellt ist sie nicht. Mehr territorial Zusammenarbeit über die Mittelzentren hinaus führt meiner Meinung nach eher zum Ziel.

Jeannette Rüdiger 11.06.2020 - 05:49:44

Schulentwicklung in Neuenhagen

Die Schulentwicklung in Neuenhagen wurde nicht nur verschlafen. Die steigenden Schülerzahlen wurden schlicht ignoriert. Eine größere bzw. neue Oberschule ist für Altlandsberg mindestens genauso dringend nötig, wie eine staatliche Oberschule in Neuenhagen. Dem ehemaligen Bürgermeister die Schuld zu zuschreiben, greift eindeutig zu kurz. Es sind und waren auch immer Gemeindevertreter daran beteiligt und beteiligt gewesen. Einige ehemalige Gemeindevertreter vertraten die Ansicht, "wir sind für die kurzen Beine da". Das bedeutet dann eben für die Eltern zukünftiger Oberschüler, die eine staatliche Oberschule wünschen, Einstein-Gymnasium oder weite Wege für ihre Kinder. Einen exklusiven Schülertransport zu den jeweiligen Schulen, gab es natürlich auch nicht. So kämpften und kämpfen sich täglich viele Kinder ( und mit Anfang der 7. Klasse, ist man noch ein Kind) mit schweren Rucksäcken in die Busse, S-Bahn und Straßenbahn. Schaut einfach mal nach Berlin. Da werden in Rekordzeit Schulen gebaut. Nachhaltig, hell, ausbaufähig und wiederverwendbar. Selbst wenn 2016 eine Aussage oder Entscheidung getroffen wurde, so muss doch die damalige und heutige Zeit ins Verhältnis gesetzt werden. Die Eltern von Neuenhagen wünschen eine staatliche Oberschule.

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