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Im Regionalverkehr werden die Karten ab 2022 neu gemischt / Das stellt Streckenbetreiber vor Herausforderungen

Herausforderung
„Lokführer sind wie Goldstaub“

Bahn-Netz in Brandenburg
Bahn-Netz in Brandenburg © Foto: VBB/MMH infografik
Andreas Wendt / 16.01.2019, 06:00 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Gelb statt rot: Ab Ende 2022 werden die Karten im Regionalverkehr neu gemischt. Die roten Züge von DB Regio werden auf Brandenburgs beliebtester Pendlerstrecke, dem RE 1, durch die gelben der Odeg ersetzt. Die Bahn verliert ihr regionales Prestigeobjekt.

Ende Mai dieses Jahres werden der für Brandenburg zuständige Konzernbevollmächtigte der Deutschen Bahn, Joachim Trettin, und Brandenburgs Verkehrsministerin Kathrin Schneider noch einmal mit Sekt anstoßen – zum 25. Geburtstag des DB-Erfolgsmodells, des Regionalexpress der Linie 1 von Frankfurt (Oder) über Berlin nach Magdeburg, der der erste überhaupt in ganz Deutschland war. Nach den Feierlichkeiten übernimmt die Ostdeutsche Eisenbahn Gesellschaft (Odeg) die Strecke, auf der täglich weit mehr als 45 000 Fahrgäste befördert werden. Und die Fahrgastzahlen steigen nach Prognosen des Fahrgastverbandes Pro Bahn jährlich um fünf Prozent.

Mit der Neuvergabe des 28 Millionen Zugkilometer umfassenden „Elbe-Spree“-Netzes endet im Dezember 2022 die Vorherrschaft der Deutschen Bahn auf der Traditionslinie, einer Ära, die am 27. Mai 1994 mit mintgrünen Zügen und bescheidenen 4000 Pendlern pro Tag begann. Aktuellen Prognosen des Verkehrsverbundes Berlin Brandenburg (VBB) zufolge geht die Kurve bei den Fahrgastzahlen auch künftig steil nach oben. Bis 2030, so hat es der VBB ermittelt, sei mit erheblichen Nachfragesteigerungen von abschnittsweise bis zu 100 Prozent zu rechnen. Der VBB hat reagiert: Der RE 1 fährt mit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2022 in der Hauptverkehrszeit öfter und soll pro Zug 600 Passagieren einen Sitzplatz mit kostenlosem Wlan-Zugang bieten. Peter Cornelius, Landesvorsitzender von Pro Bahn, fragt sich, ob die heute für Ende 2022 prognostizierten Fahrgastzahlen von der Realität überholt sein werden. „Reichen die Kapazitäten in fünf Jahren noch?“, fragt er rhetorisch.

Dass DB Regio das Prestigeobjekt an den Konkurrenten Odeg abgeben muss und stattdessen den bislang von der Odeg betriebenen RE.2 übernimmt, sehen Verkehrsexperten als unproblematisch. „Die Qualitätsunterschiede zwischen RE 1 und RE 2 sind nicht mehr so groß“, sagt Jens Wieseke vom Berliner Fahrgastverband IGEB. Auch bei der Bahn selbst hält sich die Trauer – offiziell – in Grenzen. In einer Mitarbeiterinformation setzt DB-Manager Trettin sein Personal davon in Kenntnis, dass der wahrscheinliche Zuschlag für zwei der vier ausgeschriebenen Lose an DB Regio deren Leistungsvolumen künftig etwas vergrößert. Gehen bis zum 21. Januar keine Einsprüche ein und stimmt die Vergabekammer zu, werden Züge von DB Regio künftig zwischen Nauen, Berlin und Cottbus (RE.2), zwischen Berlin, Flughafen BER und Cottbus (RE 20), zwischen Dessau, Berlin und Senftenberg (RE 7) und einigen Regionalbahnen fahren, unter anderem auf der neuen Linie RB32, die Oranienburg und Ludwigsfelde künftig direkt an den Flughafen BER anbindet.

Die Odeg wiederum hat mit dem RE 1 den großen Fisch an Land gezogen und wird den RE 8 von Wismar über Wittenberge, den BER und nach Fertigstellung der Dresdner Bahn bis Finsterwalde auf Reisen schicken. „Im Netz Elbe-Spree wird die Odeg dann zukünftig mit der DB Regio gemeinsam gleich großer Partner sein“, gibt Geschäftsführer Arnulf Schuchmann seinem Personal in einer Express-Info mit auf den Weg. Beide Unternehmen müssen jetzt Personal und Fahrzeuge beschaffen, was nach Einschätzung von Gewerkschafter Frank Nachtigall bei der Odeg kein Problem sein soll. Auch bei den Gehältern seien  beide Unternehmen bis dahin auf Augenhöhe, sagt der Bezirksleiter der Lokführergewerkschaft GdL. Schon jetzt hat die Odeg mit Firmensitz in Parchim fast 500 Mitarbeiter und befördert knapp 20 Millionen Fahrgäste im Jahr. Wie schon bei vorangegangenen Ausschreibungen von regionalen Verkehrsnetzen hat der VBB in den Verträgen einen Betriebsübergang festgeschrieben. Im Falle eines Betreiberwechsels könne jeder Triebfahrzeugführer oder Zugbegleiter davon ausgehen, den Arbeitsplatz beim neuen Betreiber zu denselben Rahmenbedingungen fortzuführen, heißt es dazu seitens des Verkehrsverbundes. „Die Bahn“, sagt Jens Wieseke vom Berliner Fahrgastverband, „wäre auch schlecht beraten, wenn sie Lokführer vor die Tür setzen würde, weil sie nicht mehr benötigt werden – Lokführer sind wie Goldstaub.“

Um den vom VBB prognostizierten Fahrgastanstieg künftig bewältigen zu können, sieht Wieseke die Bahn bei infrastrukturellen Fragen in der Pflicht – Bahnsteiglängen, die nicht auf allen Stationen das Halten längerer Züge zulassen oder eingleisige Streckenabschnitte wie beim RE 2 zwischen Cottbus und Lübbenau, die der Odeg schlechte Pünktlichkeitswerte  und Unzufriedenheit bei den Pendlern eingebracht haben. „Wenn DB Regio jetzt die Strecke von der Odeg übernimmt, wird sie merken, was für ein schwieriges Kind der RE 2 ist“, glaubt Wieseke. Den Zeitplan könnte nun nur noch ein möglicher Einspruch von unberücksichtigten Mitbewerbern in Gefahr bringen. „Wenn sich jemand benachteiligt fühlt, hat der VBB ein Problem“, sagt Peter Cornelius.

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