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Mobilität
Kaum Betrieb am Berliner Hauptbahnhof

Verwaist: Am Berliner Hauptbahnhof fahren nach wie vor Züge. Doch Bahnsteige und Abteile bleiben in der Corona-Krise leer. Auch vor Ostern hat die Deutsche Bahn bisher keine erhöhte Buchungszahlen verzeichnet.
Verwaist: Am Berliner Hauptbahnhof fahren nach wie vor Züge. Doch Bahnsteige und Abteile bleiben in der Corona-Krise leer. Auch vor Ostern hat die Deutsche Bahn bisher keine erhöhte Buchungszahlen verzeichnet. © Foto: Maria Neuendorff
Maria Neuendorff / 07.04.2020, 04:45 Uhr
Berlin Die Szene hat etwasUnwirkliches: Als der RE 7 Richtung Wünsdorf-Waldstadt am Montagvormittag im Berliner Hauptbahnhof zum Stehen kommt, bleiben die Türen geschlossen. Niemand hat die Automatikknöpfe gedrückt, um auszusteigen. Auch der ICE im Untergeschoss, der demnächst nach Köln aufbricht, gleicht einem Geisterzug. Auf dem menschenleeren Bahnsteig sieht man in der Ferne nur zwei Zugabfertiger stehen, die ausGewohnheit auf Fahrgäste warten, die nicht kommen.

Normalerweise wäre auf dem Berliner Hauptbahnhof kurz vor Ostern die Hölle los. Aus den Zügen würden zum Start der Ferien nicht nur die üblichen Pendler, sondern auch zahlreiche Urlauber und Ausflügler strömen.330 000 Reisende tummeln sich täglich an Europas größtem Turmbahnhof. Nun, in Corona-Zeiten, drehen leere Rolltreppen ihre Endlosschleifen. Das Reiseaufkommen liegt laut Deutsche Bahn aktuell bei 10 bis15 Prozent.

Das Asia-Bistro hat ein Take-Away-Schild angebracht, aber auch um die Mittagszeit ordert niemand Chicken-Curry. Die Auslage des französischen Backshops wurde wohlweislich heute nur mit wenigen belegten Baguettes bestückt. "Normalerweise verkaufe ich täglich 100 Brezeln, aber nun kommen vielleicht pro Stunde zwei Kunden", berichtet der junge Verkäufer. Ihm sei zwaretwas langweilig, aber er sei glücklich, dass er überhaupt noch arbeiten dürfe. Normalerweise haben die Backshops im Hauptbahnhof rund um die Uhr geöffnet. Nun hat sein Chef die Öffnungszeiten auf 12 bis 18 Uhr verkürzt und für die anderen fünf Kollegen Kurzarbeit angemeldet.

Die Klamotten-Läden und der Hertha-Fan-Shop, in dem Reisende normalerweise auch an Sonntagen stöbern konnten, sind dunkel. Dafür kann man bei Rossmann und Rewe ohne Anstehen Ostereinkäufe erledigen. Nur, wenn alle paar Minuten eine S-Bahn in die Bahnhofshalle aus Glas und Stahl einfährt und ein paar Fahrgäste ausspuckt, belebt sich kurzzeitig die Kulisse.

Birgit Bogedain ist eine vonihnen. Sie kommt gerade aus der 24-Stunden-Pflege. Zehn Tage habe sie  durchgearbeitet, berichtet sie. Nun kam die Kollegin zur Ablöse, und sie kann ihre freien Tage zu  Hause in Südbrandenburg verbringen. Angst, sich im Regionalexpress anzustecken, habe sie nicht, sagt die 55-Jährige ohne Schutzmaske und mit Rollkoffer. "Das Gedränge in denZügen, das sonst herrscht, vermisse ich nicht wirklich".

Trotz Corona sind noch rund drei Viertel der üblicherweise fahrenden Züge im Einsatz "Fahren Sie nur, wenn es unumgänglich ist", steht auf einem elektrischen Laufband der Anzeigetafel.

Kundencenter geschlossen

Die meisten scheinen sich daran zu halten.  Auch vor Ostern habe man laut Deutsche Bahn bisher keine erhöhten Buchungszahlen verzeichnet. "Unsere Kundinnen und Kunden gehen ausdrücklich verantwortungsvoll mit der aktuellen Situation um", sagte Bahnchef Richard Lutz am Montag in einer Telefonkonferenz mit Journalisten. Seit der Ansprache der Kanzlerin habe anscheinendjeder begriffen, "dass diese aktuelle Zeit wirklich erfordert, dass wir diese Abstands- und Kontaktregeln einhalten."

Auf dem 70 000 Quadratmeter großen Bahnhof mit seinen fünf luftigen Ebenen ist das derzeit nicht schwer. Das Reisezentrum wurde wie alle anderen Bahn-Filialen in Berlin "auf behördliche Anordnung" geschlossen. Eine leicht verzweifelte Frau bittet eine Mutter mit Kind um Hilfe. Sie müsse schnell über Frankfurt (Oder) nach Polen, wisse aber nicht, wie die Automaten zubedienen seien. Auch sie arbeitet in der Pflege. "Meine Patientin ist gerade gestorben. Aber nicht an Corona, sie war fast hundert. Nun muss ich schnell nach Hause", sagt die Frau, während sie zitternd einen Fünfzig-Euro-Schein in den Automaten-Schlitz schiebt, den dieser immer wieder ausspuckt.

Draußen auf dem Bahnhofsvorplatz versucht eine Mittfünfzigerin, Obdachlosenzeitungen zu verkaufen. Anfangs habe keiner mehr eine genommen, berichtet sie. "Aber inzwischen kaufen die Menschen wieder welche." Obwohl ein Großteil der potenziellen Kundschaft derzeit wegbleibt, genieße sie auch einwenig die Ruhe, gesteht sie. "So sind auch die Betrügerbanden im Bahnhof verschwunden, die nur so tun, als verkauften sie Zeitungen", sagt die Frau und blinzelt in die Sonne.

Grundangebot gewährleistet

Der Fernverkehr innerhalb Deutschlands läuft weitgehend stabil. Aktuell entfallen lediglich einzelne ICE Sprinter- und Verstärkerzüge sowie einige Fernverkehrsverbindungen in touristische Ziele. Im Regionalverkehr innerhalb Deutschlands wird ebenfalls weiterhin ein stabiles Grundangebotgewährleistet, heißt es von der Deutschen Bahn. In einigen Regionen wurden Fahrplananpassungen vorgenommen. Im grenzüberschreitenden Personenverkehr kommt es aufgrund des Coronavirus derzeit zu großen Einschränkungen. Detaillierte Informationen finden Fahrgäste unter bahn.de/aktuell. ⇥neu

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