Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Festivalabschluss
Das war die Berlinale 2020

Christina Tilmann / 02.03.2020, 08:30 Uhr - Aktualisiert 02.03.2020, 08:32
Berlin (MOZ) Am Ende ist es doch das große politische Signal geworden. Nicht der deutsche Favorit "Berlin Alexanderplatz" hat das Rennen gemacht, sondern der Film, der als letzter im Wettbewerb lief: Mohammed Rasoulofs Episodenfilm "There Is No Evil", in dem sich der iranische Regisseur, der den Film wegen Berufsverbots heimlich unter Mithilfe von Assistenten drehte, mit den Auswirkungen der Todesstrafe im Iran auf das alltägliche Leben befasst – ein deutliches, unbedingtes Plädoyer für Mut und Verantwortung jedes einzelnen. Und eine absolut würdige Entscheidung, die den Ruf der Berlinale als Bühne für den politischen Film erneut bestätigt.

Dass das im ersten Jahr der neuen Leitung von Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek so sein würde, war noch bis kurz vor Schluss nicht erkennbar. Zu lange war der Wettbewerb dominiert von interessanten, aber nicht die Diskussion prägenden Filmen – und von Fehlgriffen wie Abel Ferraras wirrer Männerfantasie "Siberia" und Ilya Khrzhanovskiys "DAU.Natasha", für den immerhin der Kameramann Jürgen Jürges mit dem Preis für eine herausragende künstlerische Leistung auszeichnet wurde. Dass die Jury über diesen Film heftig gestritten hatte, war noch an Jeremy Irons’ Anmoderation zu spüren, und auch im Publikum gab es  bei der Verkündigung Buhs.

Herausragend waren hingegen unabhängige US-Regisseurinnen wie Kelly Reichardt mit ihrem sanften Western "First Cow" oder Eliza Hittman mit ihrem Abtreibungsdrama "Never Rarely Sometimes Always". Die junge Regisseurin wurde dafür mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, und war ganz überwältigt von ihrem ersten Berlinale-Besuch. Hier wachsen interessante neue Stimmen nach.

Mit gleich drei Produktionen präsentierte sich auch die deutsche Kinolandschaft auffällig stark, vor allem, was die Darsteller angeht.  Bei allem Erstaunen darüber, dass der in jeder Hinsicht monumentale Wurf "Berlin Alexanderplatz" nicht bedacht wurde, ist es nur zu verdient, dass Paula Beer als Märchenwesen Undine, das zwischen Berliner Großstadt und mythischen Wasserwelten seine große Liebe zu leben versucht, mit dem Preis für die beste Darstellerin ausgezeichnet wurde – und ihn am liebsten gleich an ihren Filmpartner Franz Rogowski weitergegeben hätte: "Man kann immer nur so gut spielen wie sein Gegenüber".

Das erste Jahr des neuen Festivalduos hatte es schwer, das war noch bei der erneut wenig glamourösen und ziemlich fahrigen Abschlussgala zu spüren. Es lag aber, soviel sei der Gerechtigkeit halber gesagt, weniger an den beiden, sondern an den Themen, die parallel zum Festival Deutschland und Welt beschäftigten. Die Terroranschlag von Hanau am Vorabend der Berlinale-Eröffnung warf seinen schwarzen Schatten auf die Eröffnungsfeierlichkeiten. Wetter und Location am Potsdamer Platz präsentierten sich in diesem Jahr unwirtlicher denn je. Und die von Tag zu Tag dringlicheren Meldungen in Sachen Corona ließen manch einen mit erheblichem Unbehagen in den vollbesetzten Festivalsälen mit witterungsbedingt hustendem und schniefendem Publikum ausharren – eine Woche später wäre das Festival wahrscheinlich abgesagt worden.

So hatten es die Filme schwer, gegen das Gewicht der widrigen Umstände Glanz und Glamour zu verbreiten. Nicht geholfen hat auch, dass durch die Verschiebung der Berlinale hinter die Oscar-Verleihung die großen Hollywood-Studios keinen Anlass mehr sahen, ihre Stars beim Festival schaulaufen zu lassen.  So kam nur, wer ein eigenes Anliegen auf der für politisches Engagement immer dankbaren Berlinale präsentieren wollte: Johnny Depp, der mit dem von ihm produzierten Film "Minamata" einen japanischen Umweltskandal der Siebzigerjahre thematisiert, oder Cate Blanchett, die mit "Stateless" ihre Serie zu Heimatlosigkeit und Flucht in Australien vorstellte. Immerhin sorge der Auftritt von Hillary Clinton für einige Aufregung.

Und was ist mit den Neuerungen? Die neu geschaffene Reihe "Encounters", in der Festivalchef Carlo Chatrian Raum für eine "neue Sprache im Film" schaffen wollte, hatte starke Beiträge wie Viktor Kossakovskys so melancholische wie ergreifende Tier-Doku "Gunda" oder Melanie Waeldes "Nackte Tiere", der mit einer lobenden Erwähnung gewürdigt wurde. Auch bei Beiträgen wie Josephine Deckers "Shirley" über eine manipulative Autorin (Elisabeth Moss) oder Ivan Ostrochovskys "Sluzobnici" über die Macht- und Überwachungsstrukturen in einem tschechischen Priesterseminar der frühen 1980er fragte man sich, warum Chatrian nicht den Mut hatte, diese Filme in den Wettbewerb und auf die große Bühne zu holen. So ist die Reihe in der Festivalwahrnehmung deutlich unter der Wahrnehmung weggetaucht und hat zudem den Traditionsreihen Forum, Panorama und Perspektive Deutsches Kino ein zusätzliches Abgrenzungs- und Profilierungsproblem beschert. Das Auswahlsystem Locarno so einfach mal nach Berlin importieren, geht eben nicht. Hier muss Chatrian im kommenden Jahr dringend nachjustieren.

Da war man dann sehr erleichtert, wenn ein Star wie Helen Mirren, die in diesem Jahr mit dem Goldenen Ehrenbären ausgezeichnet wurde, Presse wie Publikum souverän und mühelos die eigene Deutungsmacht spüren lässt, und selbst notorisch unhöfliche Journalisten zu Standing Ovations verführt. Die Macht und den Eigenwert des Kinos – sie hat man auf der diesjährigen Berlinale viel zu selten zu spüren bekommen.

Die Preise im Überblick

Bester Film:"Sheytan vojud nadarad" (There Is No Evil) von Mohammad RasoulofGroßer Preis der Jury:"Never Rarely Sometimes Always" von Eliza HittmanBeste Regie:Hong Sangsoo für "Domangchin yeoja" (The Woman Who Ran)Beste Darstellerin:Paula Beer in "Undine" von Christian PetzoldBester Darsteller:Elio Germano in "Volevo nascondermi" (Hidden Away) von Giorgio DirittiBestes Drehbuch:Fabio und Damiano D’Innocenzo für "Favolacce" (Bad Tales) von Fabio und Damiano D’InnocenzoHerausragende künstlerische Leistung:Jürgen Jürges für die Kamera in "DAU. Natasha" von Ilya Khrzhanovskiy und Jekaterina OertelJubiläumsbär 70. Berlinale:"Effacer l’historique" (Delete History) von Benoît Delépine und Gustave KervernPreise der Jury "Encounters":Bester Film:"The Works and Days" (of Tayoko Shiojiri in the Shiotani Basin) von C.W. Winter und Anders EdströmSpezialpreis der Jury:"The Trouble With Being Born" von Sandra WollnerBeste Regie:"Malmkrog" von Cristi PuiuLobende Erwähnung:"Isabella" von Matías PiñeiroBester Erstlingsfilm:"Los conductos" von Camilo RestrepoLobende Erwähnung:"Nackte Tiere" (Naked Animals) von Melanie WaeldeDokumentarfilmpreis:"Irradiés" (Irradiated) von Rithy PanhLobende Erwähnung:"Aufzeichnungen aus der Unterwelt" (Notes from the Underworld) von Tizza Covi und Rainer Frimmel

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG