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Bodenreform im Landkreis Jerichow II

So wie hier, wurde auch in den Orten des Landkreises Jerichow II, unter großer Anteilnahme der Bevölkerung das Bodenreformland an die Neubauern verteilt.
So wie hier, wurde auch in den Orten des Landkreises Jerichow II, unter großer Anteilnahme der Bevölkerung das Bodenreformland an die Neubauern verteilt. © Foto: wodtke media
Hans-Jürgen Wodtke / 27.09.2015, 09:04 Uhr
Havelland (MOZ) Vor 70 Jahren, am 14. September 1945, fand in Genthin, der Kreisstadt des einstigen Landkreises Jerichow II, eine wichtige Versammlung mit weit über 100 Personen statt. Es ging um die praktische Umsetzung der wenige Tage zuvor verkündeten Bodenreform im Landkreis. Geladen waren die Mitglieder der frisch gebildeten Ortsbodenkommissionen aus 89 Gemeinden des zwischen Elbe und Havel gelegenen Kreises, auch Elb-Havel-Winkel genannt. Eingeladen hatte der erst seit vier Wochen im Amt weilende Landrat Paul Albrecht (KPD).

In der Einführung zu seinem längeren Referat schilderte er die damalige Situation wie folgt: "Im Kreis besaßen 86 Großgrundbesitzer 1,9 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe, das waren 36,6 Prozent des Bodens. Die kleinen Bauern unter 5 Hektar, die 55,5 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe bewirtschaften, besaßen nur 4,9 Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche."

Weiter führte er aus: "In den letzten Monaten des Krieges haben die meisten Großgrundbesitzer ihre Güter verlassen. Sie waren mit Traktoren, Wagen, Vieh, landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten, Saatgetreide, Lebensmittel und Möbel über die Elbe zu den Amerikanern geflüchtet. Zurück blieben die Schlösser, Herrenhäuser und die Ernte auf dem bzw. im Boden."

Wir wissen heute, dass es den meisten der vorstehend von Albrecht beschriebenen Besitzer bei ihrer Flucht über die Elbe lediglich gelang, das Notdürftigste mitzunehmen. Dagegen hatte die Rote Armee nach der Besetzung der Orte im Mai 1945 alle verfügbaren Nahrungsmittel, Vieh und für sie nutzbare Transporttechnik requiriert. Danach raubten Plünderer anderes noch irgendwie Verwendbares von den verlassenen Höfen.

Es ist auch bekannt, dass Albrecht nur wenige Tage vor der einberufenen Versammlung alle die unter die Bodenreform "gefallenen" Altbesitzer, die sich weigerten, ihre Güter und Höfe zu verlassen, durch die Landpolizei festsetzen ließ.

Sie und ihre Angehörigen brachte man auf das Schloss Brettin. Hier belehrte man die Inhaftierten in zwei Versammlungen über den Inhalt zur Bodenreform. Anschließend wurde ihnen mitgeteilt, dass sie zur Sicherung einer reibungslosen Durchführung der Bodenreform aus ihren Gemeinden ausgewiesen und in einen anderen Kreis gebracht werden. Nach mindestens vier Wochen könnten sie dann, ihren Wünschen entsprechend, einen anderen Wohnsitz wählen. Dieser muss sich aber mindestens 50 Kilometer Luftlinie von ihrer ehemaligen Gemeinde entfernt befinden.

Den Teilnehmern der Versammlung verkündete Landrat Albrecht dazu nicht ohne Stolz: "Der Abtransport erfolgte auf Lastwagen mit Anhängern. Alles verlief reibungslos. Nur die Freifrau Elsa von Bonin machte Schwierigkeiten. Sie schreckte sogar nicht davor zurück, die Mitglieder der Bodenkommission tätlich anzugreifen und leistete bei der Räumung ihres Herrensitzes aktiven Widerstand. Anschließend gab sie die Erklärung ab, den Besitz unter keinen Umständen verlassen zu wollen, zog sich demonstrativ bis auf Hemd aus und legte sich in ihr Bett. Das konnte ich nicht durchgehen lassen und veranlasste, dass Frau von Bonin mitsamt ihrem Bett von 6 Männern auf einen Wagen verladen und abtransportiert wurde. Damit war auch der Protest dieser edlen Frau für immer beendet."

Rückblickend ist nur von wenig ernsthaftem und Erfolg versprechenden Bemühungen bekannt, in denen versucht wurde, die Umsetzung der Bodenreform in den Dörfern aufzuhalten. Belegbar ist lediglich, dass verschiedene Personen versuchten, die Enteignung des Herrn Dr. Mulert in Jerchel zu verhindern. Besonders stark hatte sich der damalige Präsident der Provinz Sachsen, Dr. Hübener, für die Aussetzung der Konfiskation des Jercheler Großgrundbesitzes eingesetzt. Er begründete das damit, dass Dr. Mulert als ein aufrechter Demokrat gelte, der vor 1933 Präsident des deutschen Reichsstädtetages war und nach der Machtergreifung der Nazis unter diesen in vielfältiger Weise gelitten habe. Jedoch auch für solche Fälle sah die Verordnung zur Bodenreform keine Ausnahmen vor. So wurde selbst dieser Antrag des Präsidenten auf der kurze Zeit später stattgefundenen Landrätekonferenz der Provinz ohne Erfolg abgeschmettert.

Auf der Versammlung am 14. September 1945 beendete Albrecht auch den Tage zuvor noch genährten Traum einiger Gutsverwalter vom Erhalt ihrer Güter als Saatzucht- oder Herdbuchbetriebe. Ob diese Entscheidung des Landrats auf persönliche Verärgerung oder auf höhere Anweisung zurückzuführen ist, lässt sich heute nicht zweifelsfrei belegen.

Aus dem Versammlungsprotokoll kann man seiner Rede jedenfalls folgendes entnehmen: "Wir teilen zu: 5 ha Eigenland-Ackerland, gehen unter bestimmten Umständen mit Genehmigung der Kreiskommission, wo der Boden schlecht ist, auf 8 bis 10 ha. In erster Linie wollen wir Kleinbauern schaffen, recht viele Kleinbauern. Je mehr wir ansiedeln können, umso besser ist es ja. Wir wollen so viel wie möglich unterbringen, darum ist die Zahl der Hektar so niedriger gehalten. Die Anträge auf 15 ha usw. können nicht genehmigt werden. Diese Normen sind bindend für uns und wir müssen uns daran halten. Unter 5 ha verstehe ich allerdings Ackerland, die Wiesen und besonders den Wald möchte ich dabei vorerst vollkommen außer Acht lassen. Zugeteilt wird also Ackerland."

Weiter heißt es in dem Protokoll zu Albrechts Rede: "In der Verordnung zur Bodenreform ist festgelegt, wer als Anwärter auf Neubauernstellen gilt. Das sind die kleinen Bauern unter 5 ha, Landarbeiter und Landwirte ohne eigenes Land und besonders die Flüchtlinge und Umsiedler, denen wir wieder eine Heimat geben müssen. Frauen sind ausdrücklich von der Vergabe von Land nicht ausgeschlossen. Auch wenn der Mann tot oder noch in Gefangenschaft ist, kann jede geeignete Frau Land bekommen."

Zurückblickend ist es schwer, sich in die damalige Zeit zu versetzen und darüber zu befinden, was notwendig und was überflüssig, gar schädlich für die weitere Versorgung der hungernden Menschenmassen war. Denn täglich kamen immer neue Flüchtlinge, Vertriebene und Gestrandete in unserer Region an. Diese mussten in Anbetracht des drohenden Winters irgendwo untergebracht und auch noch längerfristig versorgt werden. Die damals politisch Verantwortlichen hatten bei ihrem Handeln sicherlich nicht nur die Linderung der Not der Menschen im Sinn, aber ein Großteil ihrer Kraft und ihres Engagements haben sie mit Sicherheit dafür aufgebracht.

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