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Bauer Giese trotzte dem rigiden Solldiktat

Repro eines zeitgenössischen Plakates, mit dem die Bauern in der SBZ aufgefordert wurden ihre Sollvorgaben an Nahrungsmittel in Qualität und Quantität termingerecht abzuliefern.
Repro eines zeitgenössischen Plakates, mit dem die Bauern in der SBZ aufgefordert wurden ihre Sollvorgaben an Nahrungsmittel in Qualität und Quantität termingerecht abzuliefern. © Foto: wodtke media
Hans-Jürgen Wodtke / 06.03.2016, 09:54 Uhr
Havelland (MOZ) "Spätestens ab Ende September 1945 kam der Kreis Jerichow II in eine kritische Lage", so der einstige Landrat Paul Albrecht in seinen 1986 verfassten Erinnerungen.

Weiter schrieb er: "Die Bodenreform war durchzuführen, die Betriebe mussten mit Rohstoffen versorgt werden, die Hackfruchternte forderte alle Kräfte, das Wintergetreide galt es in die Erde zu bringen und die immer noch durch den Kreis ziehenden Flüchtlinge brauchten Unterkunft und Verpflegung. Den Schwerpunkt unserer Aufgaben sahen wir folglich bei der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln. Das bedeutete für uns, die uneingeschränkte Erfüllung des Ablieferungssolls an Nahrungsmitteln unter allen Umständen zu sichern. Schon im Juli war den Bauern die Höhe ihrer Pflichtablieferung bekanntgegeben worden. Dazu hatte vorher die sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) über ihre Kommandanturen jedem Landratsamt die Ablieferungsvorgaben an Vieh und Feldfrüchten je Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche mitgeteilt. In den Ämtern wurden diese dann auf die einzelnen Bauernwirtschaften aufgeschlüsselt. Das Ablieferungssoll war nicht hoch. Gleichzeitig wurden von der Kommandantur die Ablieferungstermine festgelegt, die jedem Bauer schriftlich vom Landrat übermittelt wurden. Im September stellten wir jedoch fest, dass viele der Bauern im Kreis dieses geringe Soll noch nicht abgeliefert, dagegen aber einige Wenige ihr Jahressoll bereits schon jetzt erfüllt hatten. Damit gerieten unsere Lebensmittellieferungen in die Städte ins Stocken. Das aber musste von uns mit allen Mitteln verhindert werden, denn die Nahrungsmittelnot war dort noch wesentlich größer als auf dem Lande. Die städtische Bevölkerung war auf die ohnehin geringen Lebensmittelzuteilungen für ihr Überleben dringend angewiesen."

Darum wandten sich Albrecht und seine Helfer in einem deutlichen Appell direkt an alle Säumigen im Landkreis und forderten unmissverständlich: "Jeder Bauer kennt sein Soll und muss dieses bedingungslos erfüllen. Es gibt keine Entschuldigung, auch nehmen wir keine Erklärung an, denn unser Volk soll und darf nicht verhungern. Wir sind entschlossen, die fristgerechte Abgabe des Solls mit allen Mitteln zu erzwingen."

Neben den stetig wachsenden Menschenmassen, die hungernd von einem Tag auf den anderen auf Besserung hofften, hatte die hiesige Landwirtschaft auch noch die riesige Anzahl der damals hier stationierten Rotarmisten mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Bei deren Erfüllung duldete die Besatzungsmacht keine auch noch so geringe Nachlässigkeit der auferlegten Vorgaben.

Doch die Erfüllung der Pflichtvorgaben gestaltete sich damals für zahlreiche bäuerliche Betriebe oft viel schwieriger als das Landrat Albrecht in seinen Erinnerungen verharmlosend darstellt. So erforderte die termingerechte Ablieferung der vorgegebenen Menge und Qualität an landwirtschaftlichen Produkten immer wieder unglaubliche Anstrengungen und Entbehrungen von den Betroffenen. Die Ursachen waren vielfältig und hatten nur zu oft mit den an Willkür grenzenden Vorgaben und deren drastischer Umsetzung zu tun.

Unter diesen rigorosen Vorgaben hatten auch Wilhelm Giese und seine Familie in Jerchel zu leiden. Bauer Giese durfte nach der entschädigungslosen Enteignung seines eigenen Bauernhofs im damals westhavelländischen Marzahne, den Hof seines gefallenen Schwagers, im zum Kreis Jerichow II gehörenden Jerchel, weiterführen. Dieser lag in den letzten Kriegsjahren nahezu brach. So standen außer dem Wohnhaus, Scheune und Stallungen kaum Ackergeräte und neben zwei alten Zugochsen keine weiteren Tiere zur Zucht zur Verfügung. Außerdem fehlte es an Saatgut und Düngemitteln. Dennoch konnte man annehmen, dass es die Gieses trotz ihrer durch die Enteignung aufgezwungenen totalen Mittellosigkeit, doch noch besser als viele der Neubauern getroffen hatte. Das war aber nur zum Teil der Fall, denn ihr nun übernommenes Anwesen wurde als Großbauerwirtschaft eingestuft und deshalb mit drastischen Sollabgaben belegt. Diesen Vorgaben mussten sie sich stellen, wenn sie den seit Generationen im Familienbesitz befindlichen Hof behalten wollten. Doch in der Folgezeit stellte sie die ordnungsgemäße Bedienung der Zwangsabgaben immer wieder vor riesige Probleme. Denn es war ihnen aufgrund der betrieblichen Situation, auch unter größten Anstrengungen und bei weitestgehendem Verzicht die erzeugten landwirtschaftlichen Produkte selbst zu nutzen, nie möglich die hohen Sollvorgaben zu erfüllen.

Ein Teufelskreis dem Wilhelm Giese anfangs noch zu entkommen versuchte, indem er wertvolles Ackerland verkaufte. Mit dem Geld gelang es ihm dann, mit auf dem Schwarzen Markt oder unter der Hand teuer erworbenen Produkten, das fehlende Abgabesoll leidlich auszugleichen. Doch das konnte für die Dauer keine Lösung sein: wertvolles Ackerland gegen überteuerte Waren zur Deckung der Sollvorgaben zu verwenden, für die er dann nach den festgelegten Aufkaufpreisen einen wesentlich geringeren Preis bezahlt bekam.

So wurden die Gieses trotz aller Plackerei auf ihrer Landwirtschaft schnell wieder zu Sollschuldnern und deshalb verpflichtet, bis zur Sollabdeckung alle erzeugten Produkte abzuliefern. Als solche bekamen sie keine Genehmigung mehr die auf dem Hof erzeugten Hühnereier, Milch sowie Rind- und Schweinfleisch für den eigenen Verzehr zu nutzen. Diese Vorgaben wurden streng überwacht und Zuwiderhandlungen konnten für einige Zeit im Gefängnis enden. Doch wie sollte eine Familie überleben, wenn sie sich nicht aus ihrer eigenen Landwirtschaft versorgen und auch kein Anrecht auf Lebensmittelkarten besaß?

Für die Gieses brach damit für die nächsten Jahre eine schwierige und entbehrungsreiche Zeit an, in der sie nur überleben konnten, indem sie immer wieder über die Grenze des Erlaubten gingen. Zahlreiche andere Bauern, denen Ähnliches widerfuhr, verließen in dieser Zeit ihr angestammtes Hab und Gut und flüchteten, um Bestrafungen vorzubeugen, unter größter Geheimhaltung in eine der Westzonen. Für Bauer Giese aber war das keine Option, ihn sollten die neuen Machthaber nicht noch einmal von seinem Hof vertreiben.

So trotzte er weiter dem rigiden Solldiktat und den permanenten Anfeindungen der damals politisch Verantwortlichen. Umso mit seiner beharrlichen Ausdauer, letztendlich den Erhalt des Familienbesitzes in die heutige Zeit zu sichern.

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