Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Geschichte einer Bauernfamilie

Der am 6. September 1945 enteignete Bauer Ernst Zander war zu dem Zeitpunkt längst tot. Er hatte sich im Mai 1945 das Leben genommen. Die Urkunde wurde seinem Sohn Georg zugestellt, der in Halle lebte.
Der am 6. September 1945 enteignete Bauer Ernst Zander war zu dem Zeitpunkt längst tot. Er hatte sich im Mai 1945 das Leben genommen. Die Urkunde wurde seinem Sohn Georg zugestellt, der in Halle lebte. © Foto: privat
Rene Wernitz / 11.03.2016, 09:17 Uhr
Nitzahn/Sölden (MOZ) Mit Dokumenten und Briefen schildert Christian Zander das Schicksal einer preußischen Bauernfamilie. Im Jahr 1646 auf das Amt eines Lehnschulzen in Nitzahn gesetzt, wurde sie 1945 im Zuge der Bodenreform enteignet. Es ist die Geschichte seiner Familie, die sich in Zanders 352-seitigem Buch nachvollziehen lässt, das im Hamburger Kovac-Verlag erschienen ist.

Christian Zander ist kein Havelländer. Er wäre es vielleicht unter anderen Umständen geworden. Doch seinem Vater, Georg Zander, sei es unter Strafandrohung verboten gewesen, das Kreisgebiet zu betreten, so der Sohn, der 1950 in Wernigerode zur Welt kam. Der Vater, der nur kurz, im August 1945, den Hof betrat, lebte nach dem Krieg zunächst in Halle. Das Gebiet westlich der Havel gehörte seinerzeit zum Landkreis Jericho II, ein Bestandteil der Provinz Sachsen.

Nachdem die Familie im Jahr 1953, noch vor dem 17. Juni, die DDR verlassen hatte, blieb doch ein Karton in Besitz von Georg Zander, den er bei seinem Besuch auf dem Dachboden des Schulzenhofs entdeckt hatte. Der Hof war 1646 an den Lehns- und Gerichtsschulzen Zander als materielle Grundlage verliehen worden, 1798 war die Immobilie in Privateigentum übergegangen. Die Dokumente aus dem Karton bieten noch heute ein gutes Bild der Geschichte einer preußischen Bauernfamilie, die das dörfliche Amt des Lehn- und Gerichtsschulzen innehatte. Ein Bild, das sich durch mehrere Jahrhunderte verfolgen lässt.

Zum Papierkonglomerat würden die Briefe zweier Vorfahren aus dem Siebenjährigen Krieg gehören, so Christian Zander, ferner Testamente und Dokumente von Erbschaftsauseinandersetzungen, Schulzeugnisse und Schreibhefte von 1816, Gerichtsurteile und Protokolle, Grundbucheintragungen, Aufstellungen von Besitzverhältnissen im frühen 19. Jahrhundert, alte Lehnsbriefe, auf Tierhaut geschrieben und gesiegelt, sowie zahlreiche Briefe des Frontoffiziers Ernst Zander aus dem 1. Weltkrieg, der der Großvater des Buchautors war.

"Das gerichtliche Protokoll einer Erbschaftsverhandlung nach dem Tod des Altbauern 1738 lässt tiefe Blicke in den Alltag des bäuerlichen Lebens und Denkens in dieser Zeit zu. Die auch eine Zeit des Umbruchs gewesen ist: Die von oben verfügte Auflösung der alten feudalen Rechte auf dem Land wurde in einem mühseligen, zähen Prozess in eine neue Wirklichkeit umgesetzt, die Landwirtschaft im Kapitalismus", berichtet Zander, der bei Lüneburg aufwuchs. Später studierte er Deutsch und Politische Wissenschaften in Berlin und zuletzt in Freiburg, wo er Tischler bzw. Schreiner wurde, die Meisterprüfung ablegte und seit 1993 als Ausbilder für die Handwerkskammer Freiburg tätig ist.

Über jene Soldaten im sieben Jahre dauernden Krieg (1756-1763) erklärt der heute in Sölden (Baden-Württemberg) wohnhafte Zander, dass sie einfache Musketiere waren, Fußsoldaten und Infanteristen in der Armee Friedrichs des Großen. "Sie berichten in zahlreichen Briefen über ihre Erlebnisse, ihre Hoffnungen, ihr Leiden. 1758 wurden sie in der Schlacht bei Hochkirch erschossen. Darüber existiert eigenartigerweise ein historischer Augenzeugenbericht", so der Nachfahre über seine Vorfahren.

"Ganz konkret wird den vielfältigen Aufgaben eines Lehns- und Gerichtsschulzen im preußischen Auftrag nachgegangen, seiner Doppelrolle als Unterste Amtsbehörde, andererseits als Sprecher der Dorfgemeinschaft", so Zander. Die Dorfgemeinschaft habe ihren Schulzen 1812 wegen Vorteilsnahme bei Einquartierung und Beherbergung napoleonischer, französischer Soldaten und Offiziere angezeigt. Doch der Familiengeschichte tat das keinen Abbruch.

Um 1910 gelang dem Hofbesitzer die Pacht eines Rittergutes im Nachbardorf. Am Ersten Weltkrieg nahm der Sohn, Ernst Zander, als Leutnant teil. Zahlreiche Feldpost-Briefe und -Schreiben aus Frankreich und Belgien haben sich erhalten. Diese offenbaren den Wandel von freudiger Begeisterung, Kriegsbegeisterung, hin zu einer tiefen Müdigkeit, die am Ende nur noch den Schluss, den Kriegschluss ersehnt. Letztlich der Zweite Weltkrieg: Die Unruhe im Dorf in den vierziger Jahren. Die Fluchtwelle der Trecks aus dem Osten. Dann der Einmarsch der sowjetischen Armee im Mai 1945.

In den Wirren dieser Tage verübten die vier anwesenden Familienmitglieder Suizid. Georg Zander überlebte an einem anderen Ort. Wenige Monate später, im September 1945, erfolgte die Enteignung im Zuge der Bodenreform. Mit anderen Zanders in Nitzahn war der Sohn des vormaligen "Großgrundbesitzers" nicht verwandt. Nachfahren des einstigen Lehns- und Gerichtsschulzen gibt es im Dorf nicht mehr.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG