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Vor 70 Jahren
SMAD-Befehl zur Schaffung von Neubauernhöfen

Scheunen-Richtfest bei Neubauer Machholz auf dem Böhner Wilhelminenhof, 1949.
Scheunen-Richtfest bei Neubauer Machholz auf dem Böhner Wilhelminenhof, 1949. © Foto: Archiv Wodtke
Hans-Jürgen Wodtke / 12.11.2017, 05:52 Uhr
Havelland/Böhne (BRAWO) Der Vorlauf zum Befehl 209 der sowjetischen Militäradministration (SMAD): Im Ergebnis der in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) 1945/1946 durchgeführten Bodenreform entstanden etwa 500.000 neue Bauernwirtschaften. Rund 91.000 Flüchtlinge und Vertriebene und 119.000 Landarbeiter bekamen aus den zuvor enteigneten Gutshöfen und Bauernwirtschaften über 100 Hektar Landparzellen zugewiesen. Außerdem konnten 82.000 Kleinbauern ihren bis dahin bescheidenen Besitz mit enteignetem Land erweitern. Dort wo es möglich war, wurden den Neubauern Wohnungen, Stallungen und Scheunen aus den enteigneten Landwirtschaftsbetrieben zugewiesen. Doch nur zu oft konnten keine geeigneten Gebäude zur Verfügung gestellt werden. Dieser gravierende Mangel sowie unzureichendes Saatgut, fehlende Zucht- und Zugtiere, wie auch landwirtschaftliche Geräte verhinderten den zügigen Aufbau einer dringend benötigten leistungsfähigen Landwirtschaft in Ostdeutschland. Damit war abzusehen, dass die neu strukturierte Landwirtschaft in der SBZ die Ernährung der eigenen Bevölkerung und der sowjetischen Besatzungstruppen in absehbarer Zeit nicht in ausreichendem Maße erbringen konnte.

Das erkannte auch der oberste Chef der sowjetischen Militäradministration in Deutschland und oberster Chef der sowjetischen Besatzungstruppen, Marschall W. Sokolowsky. Mit dem SMAD-Befehl 209 erließ er am 9. September 1947 einen weitreichenden Maßnahmenkatalog zur Beseitigung dieser Missstände für seinen Befehlsbereich.

In dem Befehl an die Ministerpräsidenten der Länder der SBZ hieß es hierzu unter anderem: "Im Laufe des Jahres 1947/48 ist der Bau von nicht weniger als 37.000 Häusern in den Wirtschaften der Neubauern sicherzustellen. Dazu sind bis zum 1. Januar 1948 von den Regierungen der Länder geeignete Landparzellen für den Bau von Wohn- und Wirtschaftsgebäuden bereitzustellen. Die Anträge auf das Recht zum Bauen, Zuweisung der Hofparzellen und Gewährung von Krediten sind in Monatsfrist zu bearbeiten und zu regeln. Personen, die sich einer Verschleppung schuldig machen, sind zur Verantwortung zu ziehen."

In dem Befehl 209 wurden außerdem Aussagen zur Beschaffung der benötigten Baumaterialien getätigt. Darin wird befohlen, gezielt die vorhandenen Baustoffe für die angeordneten Baumaßnahmen bereit zu stellen. Darüber hinaus wird die Gewinnung von Baumaterialien aus zerstörten Rüstungswerken und -bauten sowie aus den Baulichkeiten ehemaliger Gutsbesitzerhöfe und den Ruinen herrenloser Gebäude ausdrücklich gefordert. Außerdem beinhaltete der Befehl für die neuen landwirtschaftlichen Gebäude klare ökonomische und konstruktive Vorgaben.

Von den Behörden der deutschen Selbstverwaltung in der SBZ wurden daraufhin mehrere bautechnische Lösungen als Typenbauten entwickelt. Die bauwilligen Neubauern sollten, laut SMAD-Befehl 209, selbstständig aus dem Angebot an Typenlösungen auswählen können, welchen Gebäudetyp sie bauen wollen. In unserer Region wurden daraufhin bevorzugt Gebäude bestehend aus Wohnhaus, Stall und Scheune unter einem Dach gebaut. Doch es gab auch andere Beispiele mit individuellen Lösungen bei denen Wohnungen in vorhandene Stallgebäude oder massive Scheunen nachträglich eingebaut wurden.

Doch egal für welche Lösung sich die Bauwilligen damals entschieden, die Probleme bei der Beschaffung der benötigten Baumaterialien blieben stets die gleichen. Denn auf Grund der großen Zerstörungen im Lande bestand ein hoher Bedarf an Mauersteinen, Kalk, Bauholz, Nägeln, Dachpappe, Glas und vor allem an Zement. Die ohnehin angeschlagene Baustoffwirtschaft war nicht in der Lage diesen stark erhöhten Bedarf an geeigneten Baustoffen zu decken.

Erschwerend kam noch hinzu, dass die Besatzungsmacht auch zu dieser Zeit immer noch unnachgiebig auf die Erfüllung der Reparationsleistungen bestand. Dazu zählte auch das für die meisten Baumaßnahmen dringend benötigte einheimische Schnittholz. Der zu dieser Zeit im Bereich von Kamern bis Vieritz zuständige Forstamtsleiter Hubert Hundrieser erinnert sich in seinem autobiografischen Roman "Grünes Herz zwischen Hoffnung und Abschied" an die einstige Situation.

So beschreibt er, mit welchem Geschick und Ideenreichtum seine Kollegen und er es mehrfach schafften, das für den Bau von Neubauernhäusern in der Region heiß begehrte Bauholz an der sowjetischen Kommandantur "vorbei" zu schleusen. Ein damals durchaus nicht ungefährliches Unterfangen, was schnell zu Inhaftierung in einem der berüchtigten sowjetischen Speziallager hätte führen können. Doch die gewagte Unterstützung der Bauern erbrachte im Gegenzug eine bessere Versorgung der Forstarbeiterfamilien mit dringend benötigten Nahrungsmitteln und lohnte so das Wagnis in der Zeit des permanenten Hungers.

Meine Vorfahren, die 1948 auch zu denen zählten, die ihre Bauernwirtschaft erst aufbauen mussten, erzählten oft von solchen Tausch- oder Begünstigungsaktionen, an denen sie trotz Verbots und angedrohter strafrechtlicher Verfolgung nicht vorbei kamen. Doch damit waren die Bauherren, die Essbares im Tausch anbieten konnten, stets im Vorteil. Offensichtlich haben diese gängige Praxis auch meine Vorfahren recht erfolgreich für ihr Bauvorhaben nutzen können. Denn bereits im Frühjahr 1948 begannen in dem ihnen zugewiesenen einstigen Pferdestall des Gutes Wilhelminenhof die Maurer der Firma Malinowski aus Neue Schleuse (Rathenow-West) mit dem Einbau einer Wohnung. Doch schon bald wurde die Baufirma abgezogen und musste den ersten Rathenower HO-Laden (später Imbissladen) Ecke Berliner-/ Puschkinstraße aus einem Ruinengebäude herrichten. Meine Leute hatten da mit ihrem Bau keine Chance und mussten hinter dem staatlich forcierten Bauvorhaben zurücktreten.

Doch nach der vom 24. bis 28. Juni 1948 in der SBZ und Ostberlin durchgeführten Währungsreform kam die Baumaßnahme in Rathenow wegen Geldmangels zum Erliegen. Nun kehrten die Bauarbeiter wieder zum Wilhelminenhof zurück. Doch auch hier war durch den Zwangsumtausch das Geld inzwischen rar geworden. Schließlich durfte damals jede Person nur 70 Reichsmark in einem Verhältnis von 1:1 in Ostmark umtauschen, Spareinlagen bis 100 Reichsmark wurden ebenfalls 1:1 getauscht, bis zu 1.000 Reichsmark 1:5 und bis zu 5.000 Reichsmark 1:10. Damit schrumpften die ohnehin bescheidenen Kreditzusagen und Spareinklagen drastisch zusammen, während die Preise für Baustoffe und -leistungen nur geringfügig gemindert wurden. Umso bemerkenswerter ist es, dass es meinen Altvorderen dennoch gelang, ihr Bauvorhaben bei Jahresende 1948 zum erfolgreichen Abschluss zu bringen.

Inwieweit bei der Baumaßnahme Abbruchmaterialien verwendet wurden, entzieht sich meiner Kenntnis. Wenn überhaupt, dann handelte es sich aber nur um Baustoffe, die durch den Rückbau im Stallgebäude gewonnen wurden.

Offensichtlich hatten der verordnete Zwangsumtausch und damit die Geldverknappung aber für die Ausbaumaßnahme auch etwas Gutes. So stand kurzfristig, wegen zahlreicher gestoppter Bauvorhaben, der überall sehnlichst herbeigesehnte Zement für kurze Zeit zum Kauf bereit. Erhielt bis dato jedes damalige Neubauernbauvorhaben nur einen Sack des begehrten Baustoffs, so konnten die Bauherren, wenn sie das Geld hatten, jetzt zehn und mehr Sack kaufen. Welch' glückliche Fügung für so manches Bauvorhaben in der damaligen Zeit.

Im Jahre 1949 errichteten meine Vorfahren dann, alles auf Basis des SMAD-Befehls 209, noch eine Scheune. An der Realisierung dieses holzintensiven Bauwerks hatten Forstamtsleiter Hubert Hundrieser und seine Leute großen Anteil. Dieses Mal waren es aber nicht die Naturalien, die die Bereitstellung des Holzes positiv beeinflussten, sondern die Sympathien, die ein Ostpreuße dem anderen entgegenbrachte.

Im Land Brandenburg sollten, laut Befehl, 10.000 und im angrenzenden Sachsen-Anhalt 7.000 Häuser gebaut werden. In unserer Region sind so zahlreiche Neubauerngehöfte entstanden, aber auch spektakuläre Herrenhäuser und landwirtschaftliche Gebäude der Pickhacke zum Opfer gefallen.

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