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Er rannte und rannte

So war das damals: Wolfgang Behrendt war 44 Jahre beim VEB Lokomotivbau Elektrotechnische Werke "Hans Beimler" Hennigsdorf (LEW)beschäftigt. 1946 habe er seine Lehrwerkstatt eigenhändig aus den Trümmern "zusammengeklaut".
So war das damals: Wolfgang Behrendt war 44 Jahre beim VEB Lokomotivbau Elektrotechnische Werke "Hans Beimler" Hennigsdorf (LEW)beschäftigt. 1946 habe er seine Lehrwerkstatt eigenhändig aus den Trümmern "zusammengeklaut". © Foto: MZV
Burkhard Keeve / 17.02.2015, 08:32 Uhr - Aktualisiert 19.02.2015, 15:37
Hennigsdorf (MZV) Auch sie sterben aus. Menschen wie Wolfgang Behrendt, die ein Leben lang bei nur einem Unternehmen waren. 1946 fing der Hennigsdorfer bei Hans Beimler an und baute Lokomotiven. 1990, kurz nach der Wende, war Schluss, nach 44 Jahren.

Fast kein Stein lag 1946 mehr auf dem anderen. 80 Prozent des früheren AEG-Werks waren zerstört. 1946 war der Betrieb von der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) beschlagnahmt worden und zwei Jahre später wieder in deutsche Verwaltung übergeben worden - und Wolfgang Behrendt mittenmang. "1946 waren wir 15 Jungs, ein Verwalter und ein Meister. Wir haben uns unsere Lehrwerkstatt aus den Trümmern regelrecht zusammengeklaut."

Doch bevor der 16-Jährige überhaupt dort anfangen konnte, musste er erst einmal überleben - im Krieg, im Bombenhagel und überhaupt.

Beinahe wäre er kurz vor Kriegsende noch eingezogen worden - als Kanonenfutter für Hitlers letzte Schlacht. Doch seine Großmutter war couragiert genug, um für ihren Enkel zu lügen. Sein Glück, denn der Marschbefehl hätte ihn mitten ins Verderben in die Kesselschlacht bei Halbe (Märkisch-Buchholz) geschickt. Seine Großmutter, bei der er als Waise lebte, weil seine Mutter bei seiner Geburt und sein Vater fünf Jahre später gestorben war, hatte seinen Einberufungsbefehl mit dem Vermerk zurückgeschickt, "dass ich dienstverpflichtet an der Ostsee bin". Die Lüge fiel nicht mehr auf, wenig später war der Krieg vorbei. Viele seiner Freunde hatten nicht so eine Großmutter.

Acht Jahre war Wolfgang Behrendt in Hennigsdorf zur Schule gegangen. 1943/1944 überlegte er, zur Reichsbahn zu gehen. Doch bei der Berufsberatung im Oranienburger Arbeitsamt, das damals nicht weit vom Schloss entfernt in einem Hinterhof untergebracht war, wurde ihm die Laufbahn als Verwaltungslehrling schmackhaft gemacht, und zwar beim Arbeitsamt selbst. "Zuhause wurde dann entschieden: Jawoll, das machst du jetzt - dann wirst du nicht arbeitslos und kannst aufsteigen", erinnert sich der heute 86-jährige Wolfgang Behrendt.

Die Arbeitsamtszentrale war in Berlin-Wedding. Dort musste der Lehrling eigentlich hin. Da der Standort aber bombengefährdet war, wurde Wolfgang Behrendt neben Nauen und Rüdersdorf auch in Oranienburg eingesetzt. Auch am 6. März 1944.

"Ich war kurz davor, zum Bahnhof zu gehen, um nach Hause zu fahren, da gab es Fliegeralarm. Alles schaute nach oben, doch die Leute haben nicht daran geglaubt", sagt Wolfgang Behrendt. Erst, als die im Schlosspark stationierte Flak "ballerte wie verrückt, sind die Leute in die Schutzkeller gerannt". Der Lehrling erhielt den Auftrag, zehn Menschen aus dem Wartebereich des Arbeitsamts - "es müssen Ausländer gewesen sein", so Behrendt, in den Luftschutzkeller zu bringen. "Wir gehörten zu den ersten, die dort eintrafen", so Behrendt. Am Ende sei der Raum "proppenvoll gewesen, wir standen Mensch an Mensch". Dann fiel wieder eine Bombe aufs Haus, nicht direkt, - "eine Ecke wurde abgeschlagen" - mit verheerenden Folgen. Menschen, die im hinteren Teil des Kellers waren, kamen ums Leben. Auch die zehn Ausländer, die Behrendt eigentlich hatte retten wollen. "Ich habe anfangs gar nicht gewusst, was los war. Überall war diese Kalkbrühe, die einem die Sicht versperrte und die Luft nahm." Dann wurden von außen die Trümmer vor dem Kellereingang freigeräumt. "Das war ein Schock im Keller. Einige sind durchgedreht und haben geschrien wie verrückt", erinnert sich Behrendt. Einen "Durchgedrehten" habe er mit "ein paar Maulschellen" wieder zu Verstand gebracht.

Danach arbeitete Behrendt wieder im Wedding. Durch Zufall bekamen Kollegen und er über einen alten Volksempfänger eines Tages mit, dass ein Angriff auf den Norden Berlins bevorsteht. "Nicht in den Keller!", schoss es Behrendt durch den Kopf. Das Oranienburger Erlebnis steckte ihm noch tief in den Knochen. Und tatsächlich: "Ich gehe raus und eine Bombe rein."

Wieder hatte er Glück. Er musste helfen, die Leichen und Verletzten aus dem Haus zu tragen. "Da bin ich dem Totengräber von der Schippe gehopst", sagt der 86-Jährige. Er blieb dabei. Bei jedem Fliegeralarm schlug er stets die entgegengesetzte Richtung ein. Während alle anderen in die Luftschutzkeller flüchteten, lief er ins Freie, um nicht verschüttet zu werden.

Schließlich musste der Arbeitsamt-Lehrling wieder in die Nebenstelle Oranienburg. Doch alles änderte sich mit den gewaltigen Bombenangriffen der Alliierten auf die Stadt vom 15. März 1945 - auch seine Laufbahn beim Arbeitsamt.

Sobald die Sirenen anfingen, zu heulen, nahm Wolfgang Behrendt seine Beine in die Hand und rannte, rannte um sein Leben. Auch am 15. März. Zunächst lief er Richtung Pinnow nach Havelhausen raus. Er war gerade über die Brücke gekommen, da fielen die ersten Bomben. Es verschlug ihn in eine Kiefernschonung, "die voller versteckter Militärfahrzeuge stand". Diese seien aber nicht fahrtüchtig gewesen, erinnert sich Behrendt. Er rannte weiter bis Pinnow, wo es ihn in ein Schützenloch trieb. "Dann griffen sie die Heinkelwerke an", und er hatte das Gefühl, mitten drinzustecken.

Später hat ihn dann ein Lkw-Fahrer an der Pinnower Chaussee aufgegabelt und mit nach Velten genommen. Von da aus ist der damals 16-Jährige mit der S-Bahn nach Hennigsdorf zu seinen Großeltern gefahren. Ans Arbeiten im Arbeitsamt hat er nicht mehr gedacht. "Alles war ein heilloses Chaos." Dann kam der Einberufungsbefehl. Doch seine Großmutter war schlauer. (wird fortgesetzt)

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