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"Die blanke Angst gespürt"

Überlebten den Bombenangriff auf Oranienburg: Franz Müller saß im Luftschutzkeller der Auer-Werke, seine spätere Frau Margot rettete sich in einen Graben.
Überlebten den Bombenangriff auf Oranienburg: Franz Müller saß im Luftschutzkeller der Auer-Werke, seine spätere Frau Margot rettete sich in einen Graben. © Foto: MZV
Katrin Hartmann / 25.02.2015, 06:00 Uhr - Aktualisiert 25.02.2015, 20:12
Bergsdorf (MZV) Als die Bomben am 15. März 1945 auf Oranienburg fielen, saß Franz Müller in einem Luftschutzkeller der Auer-Werke. Er überlebte. Nach dem Angriff bot sich dem damals 15-Jährigen ein traumatisierendes Bild.

"Ich habe acht Tage nichts hören können, aber ich musste ja wieder", sagt Franz Müller. Und er erzählt: "Am ersten Tag meiner Lehrlingsausbildung in den Auer-Werken holte mich meine Mutter am Bahnhof in Neulöwenberg ab. Das war am 3. April 1944. Wir wohnten in Löwenberg, und ich hatte gerade meine Ausbildung zum Elektroinstallateur begonnen." An dem Tag musste sie ihm erklären, dass sein Vater mit 42 Jahren in Lettland gefallen war.

Wenige Tage zuvor, am 15. März und dem Zeitpunkt des Bombenangriffs auf Oranienburg saß Franz Müller in der Halle A 37 auf dem Gelände der ehemaligen Auer-Werke. Etwa um 13.45 Uhr ertönte der Fliegeralarm. "An dem Tag arbeitete nicht die volle Belegschaft, deshalb waren nicht alle dort." In einem langgezogenen Luftschutzkeller kam Franz Müller mit anderen Arbeitern unter. Gasschleusen wurden heruntergelassen. Dann fielen die Bomben. Die enorme Druckwelle hinterließ ihre Spuren, fast alle Schleusen wurden weggesprengt. "Wir hätten fünf Gasmasken umbinden können, das hätte nichts genutzt. Einer hatte mir gesagt, ich solle meinen Mund offen lassen, dass ich mein Trommelfell nicht verliere. Das habe ich getan. Aber ich konnte trotzdem acht Tage lang nichts hören."

Nach etwa zwei Stunden, als der Angriff vorbei war, waren Franz Müller und die anderen Überlebenden gezwungen, sich frei zu buddeln. "Alle Kellereingänge waren verschüttet. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob die Menschen geschrien haben. Man hörte keinen Knall, nur die blanke Angst. Ich hatte Glück, dass ich es überstanden hatte."

Draußen zeigte sich den Überlebenden ein traumatisierendes Bild. Überall verstreut lagen Tote. "Ich hatte vorher auch noch keine Leiche gesehen. Aber seitdem weiß ich, wie ein menschliches Gehirn aussieht." Überall brannte es, ein brennendes Feuerwehrauto fuhr vom Gelände. Rauchschwaden waren bis zu 28 Kilometer Entfernung zu sehen. Langsam bewegte sich die Gruppe zum Südausgang, Richtung Lehnitz. "Hinter Sachsenhausen sollte ein Zug eingesetzt werden, der die Überlebenden nach Haus bringen sollte." Auch seine spätere Frau Margot überlebte den Bombenangriff. Sie war unterwegs und konnte sich in einen Graben retten, berichtet die heute 86-Jährige.

Bei seiner Ankunft in Löwenberg fand Franz Müller seine verängstigte Mutter vor. Seine Lehre konnte er nie beenden. Eine Kopie seines Ausbildungsvertrages hat er noch.

"Die haben mich dann nämlich eingezogen", berichtet er. Das Ziel war Regensburg. In Wünsdorf/Rehhagen, südlich von Berlin, war für Franz Müller jedoch Schluss. Die amerikanischen Truppen waren bereits vorgedrungen, und die russischen Soldaten standen an der Oder. Begrüßt wurde der damalige Löwenberger deshalb nicht mehr. "Was wollt ihr denn noch hier, ihr dummen Bengel, haben die zu uns gesagt. Ich bin dann mit einem Fremden wieder zurück. Bei der Reichskanzlei habe ich den nächsten Angriff mitbekommen." In Berlin trafen die beiden Rückkehrer auf russische Soldaten. Sein Begleiter wurde erschossen. "Er war wahrscheinlich ein Fahnenflüchtiger, der vergessen hatte, seine Marke abzunehmen. Ich hatte Glück, die russischen Soldaten ließen mich am Leben. Der Soldat sagte immer nur: Malenkij, dawaj! - Kleiner, schnell!"

Zu diesem Zeitpunkt war Franz Müller erst 15 Jahre alt. Wo er hin sollte, wusste er nicht. "Ich bin dann jeden Tag ein Stück vorwärtsgekommen." Ziel war sein Zuhause in Löwenberg. Unterwegs machte er mehrmals Halt. Auch in Birkenwerder. "Dort bekam ich von russischen Soldaten mein erstes Essen, nachdem ich in Wünsdorf aufgebrochen war. Es gab Kohlsuppe mit Brot. Seitdem esse ich Kümmel", erzählt der heute 85-Jährige. Seine Mutter und sein Opa waren glücklich, als er wieder zurück war. Noch ein Schicksalsschlag wäre zu viel gewesen. Schließlich waren Vater und Sohn bereits gefallen. So liest Franz Müller aus einem Brief vor, den er einmal geschrieben hat: "Nun kamen Aufgaben auf uns zu. Auf meine Mutter, meinen Opa und mich allein." Bereits fünf Jahre zuvor war sein älterer Bruder als vermisst gemeldet worden. "Mein Bruder Bernhard ist nie wieder aus dem Polenfeldzug zurückgekehrt." Über diese Jahre redet Franz Müller nicht gern. "Ich wünschte, dass es keiner erleben muss", fasst der Senior kurz zusammen.

Die Kopie des Vertrages liegt auf dem Tisch, das Original wurde zerstört. Nach dem Krieg arbeitete Müller bei der Post.

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