Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Lehnitzer erinnern sich an das Inferno / Bei Rettungs- und Aufräumarbeiten kamen auch Häftlinge aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen zum Einsatz

"Der Kohlenhaufen brannte noch lichterloh"

März 1945: Zwei Bomben, die von KZ-Häftlingen beim Gutshaus in Lehnitz entschärft wurden. Foto: Archiv Bodo Becker
März 1945: Zwei Bomben, die von KZ-Häftlingen beim Gutshaus in Lehnitz entschärft wurden. Foto: Archiv Bodo Becker © Foto: MZV
Bodo Becker / 13.03.2015, 16:56 Uhr
Lehnitz (MOZ) Es ist Ostersonntag, der 19. April 1981. Gegen 18.30 Uhr zerreißt plötzlich eine mächtige Detonation die Feiertagsruhe. Sand und Pflanzen werden wie eine Fontäne hoch in die Luft geschleudert. Den herbeigeeilten Anwohnern bietet sich auf dem Wochenendgrundstück am Badeweg 7 ein Bild der Verwüstung. Das gesamte Areal ist mit weißem Sand bedeckt; in den Bäumen hängen Grasbüschel; die Motorhaube eines Personenautos ist durch herabfallende Sandmassen eingedrückt. Wie durch ein Wunder ist niemand verletzt, jedoch stehen die unmittelbar Betroffenen unter Schock. Feuerwehr und Polizei sind nach kurzer Zeit vor Ort.

Am nächsten Tag dokumentiert der stellvertretende Leiter des Munitionsbergungsdienstes Potsdam die ermittelten Fakten in seinem Sachstandsbericht. Es handelte sich um eine 500-Kilo-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg, die ohne Fremdeinwirkung in fünf Metern Tiefe explodiert war. Der Auswurftrichter besaß einen Durchmesser von acht und eine Tiefe von vier Metern. Zum Zeitpunkt der Explosion befanden sich die drei Bewohner eines Bungalows etwa fünfzehn Meter von der Bombe entfernt. Die Druckwelle verschob den Bungalow einige Zentimeter auf dem Fundament. Soweit die Ereignisse aus dem Jahre 1981. Sie zeigen, welche tödlichen Gefahren von den im märkischen Sand ruhenden Relikten des Bombenkrieges noch immer ausgehen.

Zugleich rufen sie bei den älteren Lehnitzern die Erinnerungen an die schrecklichen Geschehnisse im März 1945 wach. Obwohl Lehnitz, bis auf Brücken und Eisenbahngleise, nicht zum unmittelbaren Zielgebiet gehörte, verursachte die Nähe zu den Oranienburger Zielen immer wieder Bombeneinschläge auf Siedlungsgebiete der Gemeinde. Das Südgelände, hier besonders in Havel- und Bahnhofsnähe, sowie die am Lehnitzsee liegenden Gebiete des Nordgeländes gehörten dazu. Hier hatten die Bombenabwürfe am 15. März und am 20. April 1945 für die Bevölkerung zum Teil verheerende Folgen.

Regine Spangenberg erlebte als Zehnjährige die letzten Wochen des Krieges in Lehnitz: "Der 15. März war ein sonniger Vorfrühlingstag. Keiner ahnte, dass an diesem Tag das Inferno über Lehnitz hereinbrechen würde. Am Vormittag gab es Voralarm. Die Kinder wurden aus der Schule nach Hause geschickt. Unterwegs hörten wir besonders lautes Fliegergeräusch. Die Sirenen hatten noch gar nicht den Fliegeralarm angekündigt, da waren schon Einschläge zu hören. Als wir über die Lehnitzbrücke rannten, sahen wir Qualm aus den Baracken der Häftlingsfrauen der Auerwerke am Lehnitzsee aufsteigen. Zu Hause angekommen, ging es sofort in den Bunker, wo Familienangehörige und Nachbarn schon Zuflucht gesucht hatten. Dann ging das Bombardement los und wurde immer heftiger. Nach einem furchtbaren Knall wurde unser Bunker eingedrückt und Sandmassen stürzten herein. Wir kauerten alle auf dem Boden. Die dicken Balken hielten stand. Großvater schaufelte einen Notausgang. Dann sahen wir die Verwüstung. Rauchschwaden, Haus und Stallungen standen in Flammen und immer gingen Bomben hoch. Die Nachbarhäuser waren ebenfalls alle zerbombt. Überall lag Schutt. Phosphor tropfte herab. Ein paar Haustiere rannten als lebende Fackeln herum. Großvater lief zum brennenden Stall und rettete das Pferd einer Flüchtlingsfamilie."

Im Bereich des Bahnhofs und des Gutsplatzes gab es konzentrierte Bombeneinschläge mit entsprechenden Zerstörungen. Besonders heimtückisch waren die Bomben mit chemischen Langzeitzündern, die in außergewöhnlich hoher Zahl zu den abgeworfenen Bomben gehörten. Eine solche Bombe zerstörte auch das alte Lehmfachwerkhaus mit dem kleinen Lebensmittelladen von Anna Kothe neben der Gaststätte Lehnitz-See von Fritz Lehmann (heute das griechische Restaurant) am Guts-platz. In den gemauerten Kellergewölben der Gaststätte fanden ausgebombte Familien Schutz und zeitweilig Unterkunft.

Walter Brüssow, der in der Inselstraße wohnte, arbeitete 1945 als Schlosser im damaligen Rußwerk Oranienburg und hat den Angriff vom 15. März dort erlebt. Gegen 23.30 Uhr ging er nach umfangreichen Löscharbeiten nach Hause. "Die Straße nach Lehnitz war voller Bombentrichter, noch konnte man über die Brücke laufen, es war eine stockdunkle Nacht. Als ich über die Brücke ging, kam mir Brandgeruch entgegen. Die Häuser von Kirchhof, Weinert, Gräfe, Mehling, Konrad und Maurer Weinert waren alle weg, Fahnows und Possins Häuschen auch.

Von unserem Häuschen war das Dach weg, Fenster, Türen und die Möbel. In unserer Straße standen nur noch die Häuser von Raszkowski, Spannemann und Berlner. Unser Schuppen war vollständig weg, der Kohlenhaufen brannte noch lichterloh. Mit den Händen warf ich Erde darauf, es konnten ja nochmals die Flieger kommen... Licht brannte auch nicht, alle zehn Minuten explodierte eine Zeitzünderbombe... Am anderen Morgen besah ich mir erstmals den Schaden. Neben der Veranda stand ein Pflaumenbaum, an einem Ast hing die Nähmaschine von Familie Possin... Auf der Straße war ein großer Bombentrichter. Beim Maurer Weinert war am 15. März eine Geburtstagsfeier. Es waren zwölf Personen anwesend, alle waren im Nu tot, keine Person wurde gefunden. Frau Müseler war während des Angriffes mit ihrem Hund in den Bunker gegangen. Nach einigen Tagen wurden sie von KZ-Häftlingen gefunden... Am Sonntag explodierte nochmals eine Zeitzünderbombe."

Bei den nachfolgenden Rettungs- und Aufräumungsarbeiten kamen neben der Freiwilligen Feuerwehr Lehnitz auch Häftlinge aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen zum Einsatz. Als "Himmelfahrtskommando" gestaltete sich für die Häftlinge das Entschärfen der zahlreichen umherliegenden Blindgänger. Nach dem Freilegen der Bombe musste der Zünder oftmals mit bloßen Händen entfernt werden. Aus sicherer Entfernung beaufsichtigten die SS-Wachen den Vorgang.

Die Lehnitz Chronik aus dem Jahre 1950 berichtet von insgesamt 361 beschädigten Häusern. Davon gab es 21 Totalschäden im Nord- und 72 Totalschäden im Südgelände. Sie standen in der Inselstraße, Havelufer, Lerchenweg, im Bereich des Gutsplatzes und des Bahnhofes, in der Dianastraße, auf den Eckgrundstücken Dianastraße/Kaiser-Wilhelm-Straße (heute Friedrich-Wolf-Straße) und Florastraße/Kaiser-Wilhelm-Straße sowie am Mühlenbeckerweg. Darüber hinaus trugen zahlreiche Häuser schwere Beschädigungen davon.

Es gehört zum gebrochenen Verhältnis der ehemaligen DDR-Gesellschaft zu den deutschen Opfern des Zweiten Weltkrieges, dass den Lehnitzer Bombenopfern nie öffentlich in der Gemeinde gedacht wurde.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG